Kunstforum Ostdeutsche Galerie

„Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt“ – ein Kinderbuch als Zeugnis des Holocaust

10.03.2021 | Stand 18.03.2021, 16:27 Uhr

Dr. Sebastian Schmidt präsentiert das Kinderbuch „Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt“. Foto: Kunstforum Ostdeutsche Galerie Regensburg / Gabriela Kašková

„Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt 22.1.1944“ – so übertitelte der tschechisch-jüdische Grafiker und Karikaturist Bedrich Fritta (1906 bis 1944) das selbstgezeichnete Buch für seinen Sohn. Das Kinderbuch blieb Tommys einziges Vermächtnis seiner Eltern, die Opfer des NS-Regimes wurden. Für die Nachwelt wurde es zum eindrucksvollen Zeugnis des Holocaust.

Von KOG/Pressemitteilung

Regensburg. Die neue Kabinettausstellung im Kunstforum Ostdeutsche Galerie zeigt die herausragenden Zeichnungen und stellt die bewegende Geschichte des Kinderbuches vor. Es ist die erste Ausstellung von Dr. Sebastian Schmidt in seiner Position als Leiter der Grafischen Sammlung am KOG.

Ab dem 9. März stellt das Kunstforum Ostdeutsche Galerie in einer neuen Kabinettausstellung ein einzigartiges Künstlerbuch vor. Der tschechisch-jüdische Künstler Bedrich Fritta (1906 bis 1944) entwarf es 1944 für seinen dreijährigen Sohn. Während das Original geschützt in der Vitrine liegt, kann man hochwertige Reproduktionen der einzelnen Seiten an den Wänden betrachten. An den rund 50 Zeichnungen sieht man, dass hier ein professioneller Grafiker und Karikaturist am Werk war. Vor seiner Internierung in Theresienstadt hatte Fritta in Prag unter anderem für das „Prager Tagblatt“ und für die Exilausgabe der Zeitschrift „Simplicissimus“ gearbeitet.

„Tomíckovi k jeho 3. narozeninám v Terezíne – 22.1.1944“, steht auf dem Titelblatt des Buches – „Für Tommy zum dritten Geburtstag in Theresienstadt – 22.1.1944“. Es zeigt den kleinen Jungen am Fenster, unter seinen Füßen eine Kiste mit dem Aufdruck – Tommy Fritta AAL / 710. Es ist der einzige direkte Hinweis auf die bittere Realität des Konzentrationslagers „Ghetto Theresienstadt“, wo das Buch entstanden ist. „Auf den weiteren Seiten entfaltet Fritta die idealisierte Lebenswelt des Kleinkindes, wie sie der Vater seinem Sohn wünscht“, beschreibt Sebastian Schmidt, Leiter der Grafischen Sammlung am KOG und der Kurator der Präsentation. Auf den ersten Blick ist der Unterschied zu einem heutigen Kinderbuch nicht groß. Es behandelt Themen aus dem Alltag eines Kleinkindes. Die Bilder begleiten kurze Kommentare, in denen Fritta Tommys Kindersprache aufgreift. „Doch in Bezug auf die trostlosen Umstände im Konzentrationslager betrachtet man manche Motive mit anderen Augen: So zum Beispiel, wenn Tommy ein Paket voller Lebensmittel erhält, Reisen in ferne Länder unternehmen kann, oder in der imaginären Zukunft eine große Auswahl an Musikinstrumenten zur Verfügung hat“, schließt Schmidt.

Auf den letzten Seiten schreibt der Vater einige Zukunftswünsche für seinen Sohn und auch für sich nieder. „Dieses Buch ist das erste in der langen Reihe von Büchern, die ich dir noch malen will!“ Ein Wunsch, der nicht in Erfüllung gehen sollte. Tommy bekam sein Buch erst zum 18. Geburtstag 1959. Den Krieg überdauerte es in einem Versteck in Theresienstadt. Bedrich Fritta hatte es auf dem Gelände des Ghettos vergraben, bevor er nach Auschwitz deportiert wurde. Grund dafür waren Zeichnungen, die die unmenschlichen Bedingungen im KZ bezeugten. Offiziell wollten die Nationalsozialisten Theresienstadt als einen Vorzeigeort unter Jüdischer Selbstverwaltung präsentieren. Das entsprechende Propagandamaterial sollten künstlerisch begabte Insassen im Zeichensaal des Technischen Büros entwerfen, den Fritta leitete. Nachdem die kompromittierenden Zeichnungen von Fritta und seinen Künstlerkollegen bekannt wurden, ließ die SS-Kommandantur die Urheber samt ihren Familien einkerkern und foltern. Ende Oktober 1944 wurden einige, darunter auch Fritta, schließlich nach Auschwitz gebracht.

Im Gegensatz zu seinem Freund und Künstlerkollegen Leo Haas überlebte Fritta die Deportation nach Auschwitz nicht. Haas war es auch, der nach dem Krieg das Buch barg. Nachdem auch Tommys Mutter Johanna 1945 in Theresienstadt gestorben war, adoptierten Leo Haas und seine Frau Erna den kleinen Tommy. Für Tomáš Fritta-Haas (1941 bis 2015) hatte das Kinderbuch sein Leben lang einen unschätzbaren Wert. Es war das einzige Vermächtnis seiner Eltern, die beide der NS-Terrorherrschaft zum Opfer gefallen waren. Als ein historisches Dokument führt das Kinderbuch heute das unermessliche Unrecht und Leid, das Millionen widerfahren ist, exemplarisch und allgemeinverständlich vor Augen.

Bevor das Buch im Sommer 2021 als Dauerleihgabe an das Jüdische Museum Berlin geht, präsentiert es das KOG im Rahmen des Jubiläumsjahres „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ nochmals in Regensburg der Öffentlichkeit. Die Kabinettausstellung umfasst neben dem Original 52 hochwertige Reproduktionen der einzelnen Seiten. Die Ausstellung ist bis zum 6. Juni zu sehen. Die Präsentation ist das erste Ausstellungsprojekt von Dr. Sebastian Schmidt, das er als neuer Leiter der Grafischen Sammlung am Kunstforum Ostdeutsche Galerie durchführt. Das Buch und seine Geschichte stellt er persönlich bei einer Online-Führung am 18. März um 18 Uhr vor. Weitere Mittagsführungen mit Dr. Schmidt finden am Mittwoch, 24. März und 7. April, jeweils um 13 Uhr statt. Die Online-Führungen sind kostenlos. Zu allen Terminen kann man sich bereits unter www.kunstforum.net anmelden.

Für den 6. Mai ist ein Expertengespräch mit Prof. Dr. Walter Koschmal geplant. Während seiner Tätigkeit am „Europaeum. Ost-West-Zentrum“ der Universität Regensburg hat der Slavist das Buch als wichtiges Zeitdokument erforscht und 2015 mit dem Pustet-Verlag eine kommentierte Version herausbracht.