Landshut

Das Aussterben der Schmetterlinge: Ein Experte im Gespräch

30.09.2022 | Stand 30.09.2022, 13:46 Uhr

Über Jahrzehnte hat Peter Lichtmannecker Schmetterlinge dokumentiert. Seine Privatdrucke sind Unikate. −Fotos: V. Bayer

Von Veronika Bayer

Den Rückgang der Schmetterlingsarten beurteilen Experten – auch aus Landshut − als dramatisch. Doch auch Kenner werden rar.



Der Mann wirkt geschäftig, er baut etwas auf. Die komische Netzkonstruktion erinnert an einen Baldachin über einem Himmelbett. Aber in dem Garten steht keins – stattdessen leuchtet in dem feinen Gespinst eine Röhre mit blauem Licht. Mit Himmel hat der Aufbau schon zu tun, wenigstens mit dem Fliegen: Es geht um Schmetterlinge. Und die Netzkonstruktion dient dazu, Exemplare anzulocken, um sie zu untersuchen. Denn Schmetterlinge sterben.

Flugaktive Insekten: Starker Rückgang

„In den letzten 27 Jahren ist die Biomasse flugaktiver Insekten in Naturschutzgebieten um mehr als 75 Prozent zurückgegangen“, erklärt der Erbauer des Netzes, Peter Lichtmannecker. Ist dann ein Fangnetz bei sterbenden Schmetterlingen nicht eher kontraproduktiv? „Das ist eine Frage, mit der sich jeder Insektenforscher auseinandersetzen muss“, erwägt Lichtmannecker: „Man geht davon aus, dass alle Entomologen hierzulande zusammen in ihrer Lebenszeit nicht so viele Insekten entnehmen, wie ein ICE in einer Nacht totfährt.“ Überdies bedürfe es zur Entnahme aus der Natur in Deutschland diverse Genehmigungen. „Das geht soweit, dass es sogar die Arbeit von Experten erschwert.“

Seit Jahrzehnten forscht der Landshuter zum Thema Schmetterlinge. Schon sein Vater war in dem Bereich aktiv, schenkte dem Buben einst sein erstes Netz. „Landshut ist ein besonderes Pflaster“, erklärt Lichtmannecker. Nicht so sehr, was die Falter betrifft, denn da gäbe es in anderen Regionen, wie etwa den Trockenhängen im Jura, schon deutlich seltenere. Aber was die Expertise angeht, sei die niederbayerische Hauptstadt besonders.

Wenn Lichtmannecker davon spricht, dass es hier gleich eine ganze Handvoll der raren Experten gegeben habe, dass einer sich besonders hervorgetan und weitere inspiriert, unterrichtet habe, dann klingt es fast, als könne man einer noch selteneren Spezies als besonderen Schmetterlingen hier im Landkreis begegnen: nämlich ihren Experten.

„Von denen, die sich in allen Familien auskennen, gibt es nicht mehr viele, unter zehn in ganz Bayern“, sagt Lichtmannecker. „Es ist eine sehr zeitintensive Beschäftigung.“ Dass es dauere, bis man tausende Arten auseinanderhalten kann – sicher. Dass Boxen mit nimmersatten Raupen für Nachweise über Zucht keine urlaubstauglichen Haustiere seien – klar. Dass es niemanden jucke, „welche Motte in sein Bier fliegt“ und die Landshuter Experten Hobbyforscher sind, die ,nebenbei‘ einen Vollzeitjob haben – wen wundert’s?

Bildbände als Vermächtnis

„Sehen Sie hier“, sagt Lichtmannecker und zupft im Vorbeigehen ein Blatt von irgendeinem Baum. Ganz dicht vors Gesicht gehalten, nimmt das Auge sehr kleine braune Rillen auf dem Grün wahr. Das seien Raupenkokons. Und aus diesen noch nicht, aber aus denen daneben wären schon welche geschlüpft, das erkenne man an den Bissspuren. Dem Laien würde in diesem Millimeterbereich spontan keine auffallen. Der Experte jedoch sieht sie sofort deutlich. Ein anderes Blatt wird abgezupft, Lichtmannecker streicht es mit den Fingern glatt. „Und hier hat ein Vogel sich die Raupe geholt. Das ist gut. Es verhungern Jahr um Jahr die Jungen, weil die Anzahl der Insekten so zurückgegangen ist.“

Bei mehr als 180.000 Arten auf der Welt, leben rund 3.300 davon in Bayern. Eine ganz genau Zahl mag selbst der Experte nicht nennen: Einige Dutzend wurden erst in den vergangenen fünf Jahren entdeckt – um die 13 Prozent der hiesigen Arten aber starben auch aus, so schreibt die Zoologische Staatssammlung München (ZSM) auf ihrer Homepage.

Sichtungen in der Landshuter Region dokumentiert Peter Lichtmannecker in einer Datenbank. Dort werden sie mit anderen Experten geteilt, was wichtig sei, meint er: „Es gibt kaum Nachwuchs. Wenn wir sterben, soll die Arbeit nicht verloren sein. Wer es wissen will, der soll es finden.“

In Eigeninitiative hat Lichtmannecker zudem großformatige Bildbände drucken lassen: Diese Unikate sind voll mit faszinierend detaillierten Aufnahmen – Fotos von Schmetterlingen, deren Zeichnungen wirken, als seien sie Fantasie entsprungen. Auch die Nachtfalter haben auffallende Zierde, wie man in den gestochen scharfen Großdrucken erkennt. Ihr Farbspektrum scheint eher dunkel, grau oder bräunlich.

Diese Drucke wären nicht entstanden, würde der Biologe sich nicht privat mit Fotografie beschäftigen: „Die wissenschaftliche Arbeit ist mit Fotos nicht möglich. Rund 30 Prozent kann man per Bild nicht bestimmen, man muss sie präparieren, um sie zu untersuchen. Auch Genanalysen werden angewandt. Kommen Sie mal mit. Ich zeige Ihnen mal, was ein Schmetterling ist.“ Groß, bunt? „Ha, auch. Aber das ist nur der geringste Teil.“

Unglaublich fein sehen die Flügel in den Kästchen seiner Privatsammlung aus: Manche der Falter sind so winzig klein wie Mücken. An ein Erlebnis erinnert sich Peter Lichtmannecker schwärmend: „Der Bayerische Wald ist einer der letzten Urwald-Biotope in Bayern, stellenweise 500 bis 600 Jahre alt: Da staunt man, wie viele Arten sich auf einem Fleck tummeln können. Zum Teil habe ich 200 Arten in einer Nacht gezählt. Und das ist wirklich außergewöhnlich für Bayern. In einer guten Nacht hier im Wald sind es 80 bis 90 Arten, im städtischen Vorgarten 40.“

Individuensterben kommt vor Artensterben

Aber warum sterben die Tiere aus? Bei so vielen Arten: Wie kann man da überhaupt von Aussterben sprechen? Ein weiterer Schmetterlingsexperte aus Landshut – auch er betreibt die Forschung nebenbei – ist Theo Grünewald. Dem Artensterben ginge das Individuensterben voraus, erklärt er: Dieses nun wiederum sehen die Forscher, wenn sie „zum Leuchten gehen“ und zählen: „Früher saßen 100 einer Art auf dem Schirm, heute drei. Der Individuenrückgang ist drastisch und gilt auch für die Allerweltsarten.“

Wahrscheinlich, so Grünewald weiter, halte sich die Art auf niedrigem Niveau, solange der Lebensraum erhalten ist. Würde man also etwas überbauen, was zufällig Schmetterlingshort ist, verschwände die kleine Population ad hoc. Das Sterben der Schmetterlinge, als Teil des Insektensterbens, habe eingesetzt mit der großen Flurbereinigung. Doch vor allem die letzten zehn Jahre sei es extrem geworden.

Konsequenzen sind zum Beispiel, dass Vogelarten schwinden und über Bestäubung die Nahrungskette betroffen ist. Birnen, Erdbeeren, Raps und Kaffee: Selbst, wenn man die kostenlose Arbeit der Insekten künstlich ersetzen könnte, bliebe die Frage: Wie viel soll ein Apfel zukünftig kosten? Der jährliche Marktwert, der durch die Produktion bestäuberabhängiger Kulturpflanzen erzielt wird, wird unterschiedlich angegeben. Bis zu 500 Milliarden Euro, schreibt etwa NABU (Naturschutzbund Deutschland) auf seiner Homepage.

Im Buch „Das große Insektensterben“ spricht Andreas Segerer von der Zoologischen Staatssammlung München davon, dass er „Sterbebegleiter unserer Artenvielfalt“ sei. Auch die beiden Privatgelehrten aus Landshut – über die Segerer sagt, dass ohne sie „unser Wissen um den heutigen Zustand der Schmetterlinge in Bayern nicht auf dem Stand wäre, auf dem er ist“ – schätzen die Situation als „dramatisch“ ein.

Doch: Warum nicht einfach nachzüchten? „Das hat man versucht“, erklärt Grünewald. „Aber die ausgesetzten Populationen sind immer wieder verendet. Man weiß heute, dass es mit den Biotopen zusammenhängt.“ Darum sei der Lebensraumschutz das einzig zielführende. Speziell für den Landshuter Raum hält Peter Lichtmannecker zum Beispiel das Überbauen der Ochsenau für „eine Todsünde“.

Gründe für Expertenschwund

Doch mit dem Schwinden von Experten würden auch die Warnungen versiegen. Angefragt an Andreas Segerer von der ZSM, warum ausgerechnet Schmetterlingsexperten verschwinden, antwortet er: „Hauptsächlich aufgrund einer bezüglich Insekten ebenso unsinnigen wie wirkungslosen Schutzverordnung aus den 80ern.“ Weitere Punkte seien die mangelnden Berufsaussichten für Studenten auf dem Gebiet der Artenvielfalt und mangelnder Unterricht. Dazu komme der „heute hohe Aufwand, besondere Arten überhaupt noch zu Gesicht zu bekommen“.

Schmetterlingen helfen Blumen, die im Garten stehen gelassen werden, Flächenschonung, der Verzicht auf Insektizide, auch Blühstreifen – „wenn sie nicht gerade neben begifteten Feldern stehen“, erinnert Grünewald – sowie die Schaffung naturbelassener Räume: „Natur Natur sein lassen“, so der Experte. „Wenn die Biotope verschwinden, dann gibt’s keine Rettung für die Schmetterlinge.“