08.12.2011, 10:15 Uhr

Geschichte: Regensburgs vergessener Held ist in Übersee eine echte Ikone

Der gebürtige Regensburger Franz Stigler war Pilot bei der Luftwaffe Nazi-Deutschlands, doch er wurde zum Helden: Statt eine freinliche US-Maschine abzuschießen, geleitete er den Feind, bis die angeschossene Maschine über den Ärmelkanal flüchten konnte. Jahrzehnte später fanden sich Retter und Gerettete wieder.

REGENSBURG _25 VANCOUVER Manche Geschichten, die das Leben schreibt, sind besser als jeder Hollywood-Film. Diese Geschichte handelt von einem Helden, der trotz grausamer Umstände seine Menschlichkeit nicht verlor. Es ist die hierzulande noch nie erzählte Geschichte des 1915 in Regensburg geborenen Flieger-Asses Franz Stigler. Während sich in seiner Heimat wohl kaum mehr jemand an Stigler erinnern dürfte, ist er in den USA und in Kanada längst zu einem Helden aufgestiegen – dort ist er der „gute Deutsche“, ein Symbol der Verständigung zwischen den Völkern, die sich einst bekriegten. Der im Jahr 2008 verstorbene Franz Stigler ist – ein Kriegsheld, obwohl er für die Deutschen kämpfte. Es wird Zeit, seine Geschichte auch in seiner Geburtsstadt bekannt zu machen.

Es war der 23. Dezember 1943, der das Leben von Lieutenant Charlie Brown veränderte, als er mit seiner B-17 in die Luft aufstieg. Die 8. Air Force-Staffel bombardierte die Rüstungsindustrie Hitler-Deutschlands. Franz Stigler war einer der Piloten, die jene von den Nazis betriebene Rüstungs-Schmiede im Norden Deutschlands schützen sollten, die Brown und seine Staffel anflogen. Doch noch bevor Brown mit seiner B-17 die Waffenfabrik erreichte, schoss ihn die Flak vom Boden aus ab – drei von vier Motoren fielen aus, drei Mann an Bord waren schwer verletzt, Brown selbst bekam eine Kugel ab. Doch schließlich brachte der Amerikaner seine Maschine wieder unter Kontrolle.

Plötzlich sah er rechts neben seinem Flugzeug eine Bf-109, es war Stiglers. Browns letztes Stündchen und das seiner schwer verletzten Kameraden schien geschlagen: Der Oberleutnant in der deutschen Maschine hätte eine Leichtes gehabt, die B-17 abzuschießen.

Alltag in diesem Krieg, der so viele Menschenleben gekostet hat. Doch stattdessen geschieht ein Akt der Menschlichkeit: Die Bf-109 Stiglers begleitet das angeschossene amerikanische Flugzeug aus dem deutschen Luftraum! Brown und seine Kameraden fliegen über den Ärmelkanal, retten sich – und überleben. Das letzte, was Brown von dem deutschen Piloten sah war, dass er durch sein Cockpit-Fenster salutierte! Nichts nagt in einem Menschen so sehr wie die Ungewissheit: Warum hatte der deutsche Pilot das getan?

Viele Jahre später, 1986, begibt sich Brown auf die Suche nach seinem Retter. Er gibt Zeitungsanzeigen auf, sucht nach dem unbekannten Piloten – bis er Franz Stigler wiederfindet, mehr als 40 Jahre später. Der ist zwischenzeitlich aus Deutschland ausgewandert, lebt in Kanada. Sie treffen sich. Die Geschichte wird bekannt. Jetzt berichten die Medien – in Kanada berichtet ein Fernsehsender über das Treffen zwischen Brown und Stigler, auch amerikanische Medien berichten. Heute ist die Geschichte des Oberleutnants aus Regensburg, der fünf Menschen das Leben rettete, statt sie abzuschießen, sogar Teil der Luftfahrtgeschichte in den USA.

Noch bevor sich die beiden Veteranen trafen, schrieb Stigler einen Brief auf die Annonce Browns. „All die Jahre habe ich mich gefragt, was aus der B-17 geworden ist, ob sie es geschafft hat“, schrieb Stigler an den Amerikaner. Später, als die Frage an ihn gerichtet wurde, warum er die feindliche Maschine nicht abgeschossen hatte – schließlich hätte ihn das selbst das Leben kosten können, Stigler wäre exekutiert worden, hätte jemand seine Tat beobachtet – anwortete er: „Ich habe es nicht übers Herz gebracht, diese mutigen Männer abzuschießen.“ Der gebürtige Regensburger Franz Stigler starb am 22. März 2008 in seiner Wahlheimat Kanada bei Vancouver. Viele Medien berichteten über den guten Deutschen, der bei uns längst vergessen war. 


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