18.05.2011, 10:14 Uhr

Kapelle: Regensburger Klagemauer liegt im Schatten der Domtürme

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Nirgendwo in Regensburg kommen Leid und Schmerz, Erlösung und Gnade so dicht zusammen wie in der Hauskapelle Maria Läng. Hinter einer unscheinbaren Hausfassade im Schatten der Domtürme verbirgt sich die Klagemauer der Regensburger.

REGENSBURG Wenn Regensburg das kleine Rom des Nordens ist, dann ist die Kapelle Maria Leng im Herzen der Stadt soetwas wie der Wallfahrtsort Lourdes en Miniature. Die Kapelle ist Ausdruck einer tiefen Frömmigkeit, die manch' aufgeklärtem Geist wie Aberglauben erscheinen muss. Nirgendwo sonst drängen sich die dicklichen alten Frauen mit Pudellocken, um die Gunst ihres religiösen Ebenbildes zu erlangen: Denn für was sonst steht Maria, wenn nicht für das Mutterbild schlechthin?

„Lieber Mutter Gottes“, schreibt eine Mutter, „hilf meinem Jungen, der schwere Anfälle hat, dass sie leichter werden“. Eine andere schreibt unter das Foto eines süßen Babys: „Liebe Maria, vielen Dank für Deine Hilfe, dass unsere kleine Marie trotz widriger Umstände gesund ist!“ Wenige Männer flehen um Beistand: „Ihr habt mir das Beste, was es gibt auf der Welt, genommen“, schreibt Robert an die Mutter Gottes, „Meine Frau – bitte gib uns noch eine Chance, ich liebe sie von ganzem Herzen“. Eine andere Bittstellerin, eine Mutter in Sorge um ihren kranken Sohn, schreibt: „Tobias ist an Multipler Sklerose erkrankt“. Ihre Bitte, sie klingt so bescheiden: „Bitte mach, dass seine Hand nicht mehr so zittert und er ein normales Leben führen kann“. Wer an dieser katholischen Klagemauer im Herzen Regensburgs steht, wird leise – auch wenn es am Glauben fehlt. Das Schicksal der Menschen, ihre Not, Krankheiten, Verluste, Ängste und Sorgen – wie unwichtig wird der Stress des Alltags da.

Es ist ein stetiges Kommen und Gehen an diesem Freitagnachmittag. Draußen ist ein herrlicher Maitag, Marienmonat ist, Zeit der Wallfahrten und Marienandachten. Die Wände in der kleinen Kapelle sind übersät mit Votivtafeln, alten, historischen Kerzen, Reliquiare und wertvolle Holzfiguren hängen an den Wänden dieser Hauskapelle. Nirgendwo, wohl nicht einmal im Dom, ist Regensburg katholischer als in der Maria Läng-Kapelle: Als im 17. Jahrhundert ein Weihbischof seine Hauskapelle abriss, fand man unter dem Haus Katakomben, alte römische Gräber, ja das Skelett einer Mutter mit dem ihres Säuglings im Arm. Und ein Glas, das den Apostel Paulus im Gespräch mit Petrus zeigt – den Findern stockte der Atem. Man glaubte, es hätten sich zur Römerzeit Apostel in Regensburg aufgehalten. Und das in der evangelischen Reichsstatt Regensburg, in der Katholiken keine Bürgerrechte erlangen konnten!

Doch die Kapelle erinnert auch an die dunklen Jahre des Katholizismus. Denn die wichtigste geschnitzte Figur, die „schöne Maria“, erinnert an das Wallfahrtsbild von 1519, als vor St. Kassian eine Wallfahrt entstand zu einer Marienfigur, die Vorbild war für die in der Kapelle. Die Säule, auf der Maria stand, wurde auf den Trümmern der Regensburger Synagoge errichtet. Der unrationale Marienglauben, er war oft auch Ausdruck der dunklen Kraft, die vom Katholizismus ausgehen konnte.

Heute bedrückt in der Kapelle nur das tiefe Leid der Menschen. Eines der traurigsten Bilder an der Wand der kleinen Kapelle ist das Bild eines gefallenen Bundeswehr-Soldaten. Krieg, Tod und Krankheit – die Geißeln der Menschheit sind so alt wie die Verehrung eines weiblichen göttlichen Erscheinung wie Maria, die Hoffnung geben soll.

Draußen vor Maria Läng laufen die Menschen mit vollbepackten Tüten vorbei an der kleinen Kapelle, das Leben, es ist auch in Regensburg rasant geworden. „Bitte hilf, das mein Sohn aus seinem Koma erwacht“, diesen tränenreichen Satz hat eine Frau auf einem kleinen Zettel an die Kapellenwand geheftet. Darunter hängt ein Bild eines jungen, lebenslustigen Mannes. Eine alte Frau betet leise vor sich hin, nimmt eine Kerze und stellt sie zu Füßen der Gottesmutter.

Ihr hölzernes Lächeln bleibt sanftmütig, auch wenn der Frau eine Träne über die Wange rollt …


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