07.06.2013, 18:34 Uhr

Unfassbar brutal Versuchter Mord in Siegenburg? – Prozessauftakt macht Ausmaß der Gewalt deutlich und sorgt für Verwirrung

Foto: Anna Maria MoraFoto: Anna Maria Mora

Vier Aussagen – vier Versionen und die Wahrheit liegt wohl irgendwo in der Mitte. Beim Prozessauftakt in Regensburg gegen zwei Brüder im Alter von 18 und 20 Jahren und einen ebenfalls angeklagten 24-Jährigen wurde gelogen, dass sich die Balken biegen.

SIEGENBURG / REGENSBURG "Man hat die schwule Sau also durchs Dorf getrieben", mit diesen Worten brachte der beisitzende Richter die Hetzjagd auf einen jungen Mann in Siegenburg auf den Punkt. Drei Siegenburger stehen in Regensburg vor Gericht, weil sie einen 22-jährigen Mann, der sich selbst als transsexuell bezeichnet, in einer Gewaltorgie durch den Markt getrieben und damit auch dessen Tod in Kauf genommen haben sollen.

Lügen und Alkohol

Zunächst sagte der größere von beiden Brüdern Tobias B. aus. Seine erste Version klang noch relativ harmlos, er wusste "nur" von zwei Schlägen ins Gesicht, die er dem Opfer zugefügt haben soll. Wenn es um wichtige Tatvorwürfe ging, konnte er sich entweder nicht erinnern, oder alles sei nur aufgrund des vielen Alkohols passiert, den er intus gehabt haben soll und verstrickte sich damit in Lügen.

Als nämlich später sein ebenfalls angeklagter 18-jähriger Bruder Lothar B. eine etwas andere Version erzählt hatte, musste Tobias B. zurückrudern: "Das was ich vorher erzählt habe, war etwas an der Wahrheit vorbei". Der vorsitzende Richter Carl Pfeiffer war schon sichtlich genervt: "Da haben sie uns eine saubere Geschichte erzählt!" Und bei der weiteren Anhörung der Angeklagten wurde dann, wenn auch immer nur bruchstückhaft, das Ausmaß der Tortur, das das Opfer erleiden musste, klar. Zu dritt sollen die drei Angeklagten auf das Opfer, das Tobias B. augenscheinlich nicht leiden konnte, "weil er Frauenkleider anzieht", eingeschlagen und eingetreten haben, wobei jeder Angeklagte die Version zu seinen Gunsten abänderte.

Opfer wurde durch den Markt getrieben

Damit niemand merkt, wie sie ihr Opfer drangsalieren, haben sie es vom Marktplatz weg hinter das Rathaus getrieben, was sich in der Version der Angeklagten aber eher harmlos anhörte. Das ließ der vorsitzende Richter aber nicht gelten: "Sie schildern das als gemütlichen Spaziergang in lauer Luft", stellte er sie zur Rede, um dann zu erfahren, dass das Opfer "natürlich nicht freiwillig mitgegangen ist". 

Die Tortur, die der Geschädigte in den versteckten Gassen erleiden musste, ist schwer nachzuvollziehen. Jedenfalls sollen auch sexuelle Nötigungen im Spiel gewesen sein, dass sich das Opfer ausziehen und sich hinknieen solle und seinen Peiniger "Sir" zu nennen haben. Er solle auch zu sexuellen Handlungen aufgefordert worden sein, was aber der anklagte Daniel A. verhindert haben soll. Das Opfer sprach sogar von einer "verhinderten Vergewaltigung". 

"Sollte der draußen auf dem Feld verrecken, oder was?"

Auch der jüngste Angeklagte verstrickte sich in seinem Lügenkonstrukt, was der Richter ihm durch Vorhaltungen von seinen Aussagen beim Ermittlungsrichter nachweisen konnte: "Wenn sie uns schon etwas erzählen, sollten Sie uns nicht irgendeinen Bären aufbinden," rügte er den 18-Jährigen. Und als Lothar B. nicht erklären konnte, warum sie das schwer verletzte Opfer bei Winter nachts auf das offene Feld schickten, sprach der Richter das aus, woraus sich der Vorwurf des versuchten Mordes ableitet: "Sollte der draußen im Feld verrecken, oder was?" 

Täter profiliert sich als "Retter"

Als letzter Angeklagter äußerte sich Daniel B., allerdings wollte er dem Gericht weismachen, dass er deeskalierend auf die beiden Brüder eingewirkt habe: "Ich habe versucht abzuschärfen, ich kenne Tobi ja". Auch er schob – wie die anderen Angeklagten auch – die Gewalt auf den vielen Alkohol und die Drogen, die er konsumiert gehabt hatte. Dass allerdings auch er maßgeblich an dieser Quälerei beteiligt war, konnte er nicht abstreiten: "Es war schon extrem – er war sehr schwer verletzt", gab er zu. Die Staatsanwaltschaft wollte wissen, warum sie dann nicht wenigstens anonym die Polizei oder einen Krankenwagen gerufen hätten und ihr Opfer stattdessen schwer verletzt auf das offene Feld hinausgetrieben hätten. Sie konfrontierte Daniel B. mit einem schlimmen Vorwurf: "Sie haben in Kauf genommen, dass er stirbt", was dieser natürlich abstritt.

Opfer leidet bis heute schwer an den Folgen

Zu guter Letzt sagte das Opfer als Zeuge aus und sorgte nur noch mehr für Verwirrung. Denn entgegen früherer Vernehmungen entlastete er jetzt Daniel A. und gab vor allem Tobias B. die Hauptschuld: "Tobias ist übelst auf mich losgegangen, der hat drauf gehämmert wie ein Roboter." Er berichtete aufgebracht von den schlimmen Ereignissen in jener Nacht und von den psychischen Problemen, die er seitdem habe. Neben Selbstmordgedanken seien das auch Alpträume von seinen Peinigern und die Angst in Siegenburg auf die Straße zu gehen. Gleichwohl musste aber auch er eingestehen, seine Peiniger danach mehrmals bedroht zu haben und sie und ihre Familien auch um Geld erpresst zu haben, wodurch auch auf ihn ein schlechtes Licht fiel.

Nach einem langen Verhandlungstag, bei dem einem teilweise der Atem stockte angesichts der menschenverachtenden Brutalität, liegt die Wahrheit noch in weiter Ferne. Die nächsten Verhandlungstage werden hoffentlich Licht in diese ungeheure Märchenstunde bringen. Die Verhandlung wird am Montag, 10. Juni, um 9 Uhr fortgesetzt.


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