06.02.2013, 10:02 Uhr

Fazit: Der Angeklagte weiß, was er sagt Psychiatrisches Gutachten im Hells Angels-Prozess

Foto: Jürgen UnterhauserFoto: Jürgen Unterhauser

6. Tag im Hells Angels-Prozess: Die Lebensgeschichte der Angeklagten stand im Mittelpunkt. Außerdem präsentierte der psychiatrische Sachverständige ein Gutachten.

TRAUNSTEIN Der Geschädigte eines Überfalls in Reit Winkl wird nicht zum so genannten Hells Angels-Prozess vor der Ersten Strafkammer am Landgericht Traunstein erscheinen. Der 56-jährige Geschäftsmann sitzt derzeit in einem Gefängnis nahe Bukarest eine fünfjährige Haftstrafe ab und hätte - allerdings nur mit seinem Einverständnis - nach Bayern gebracht werden können, um als Zeuge auszusagen. Das aber wollte der Geschädigte nicht, wie gestern Vorsitzender Richter Dr. Klaus Weidmann aus einem Schreiben der Opferanwälte, Miguel Moritz aus Traunstein und Michael Reinhart aus München, informierte. Für den Überfall am 21. August 2009 sollen ein 64 Jahre alter Zahnarzt , ein 46-jähriger Modellagent und ein 47-jähriger Karosseriebauer, alle aus dem Raum Koblenz, verantwortlich sein. Der Prozess geht am 20. Februar, jeweils um 9 Uhr, weiter.

Die Verteidiger des Zahnarztes, Jörg Zürner und Axel Reiter, beide aus Mühldorf, wollen den 56-Jährigen jedoch unbedingt im Zeugenstand sehen, wie sie gestern erklärten. Mit Verlesung früherer Aussagen des Geschädigten würden sie sich nicht zufrieden geben. Dazu der Vorsitzende Richter: „Anträge kann man viele stellen, Wünsche kann man viele haben. Die Frage ist, was man realisieren kann.“ Mit Verlesung der Vernehmungsprotokolle einverstanden waren die beiden anderen Angeklagten mit ihren Verteidigern wie auch Staatsanwalt Dr. Martin Freudling. Zürner und Reiter begründeten ihre Beweisanträge zur Einvernahme des 56-Jährigen im Zug der Rechtshilfe mit Vernehmung in dem rumänischen Gefängnis zum Beispiel damit, es werde immer von Hells Angels als Tätern geredet. Bis heute jedoch sei nicht geklärt, ob wirklich Mitglieder dieser Rockergruppe hinter dem Überfall gestanden seien. Die Täterbeschreibungen durch die Zeugen seien äußerst unterschiedlich. Wie die Angreifer aussahen - das solle der Geschädigte selbst beschreiben.

Gestern beleuchtete das Gericht die Lebensgeschichte der Angeklagten. Der Zahnarzt bestätigte und ergänzte lediglich wenige Fakten aus der ersten Verhandlung vor zwei Jahren, deren Freispruchurteil für alle Angeklagten der Bundesgerichtshof aufgehoben hatte. Demnach lebt der 64-Jährige, ein in Rumänien geborener Deutscher und mit dem Geschädigten nach finanziellen Streitigkeiten auf Kriegsfuß lebend, noch immer an seinem früheren Wohnort nahe Koblenz, arbeitet aber jetzt in Berlin. 1979 kam er nach Deutschland. Zu seinen Einkommensverhältnissen wollte sich der 64-Jährige nicht äußern. Der Karosseriebauer ist seit 2006 Mitglied der Rockergruppe Hells Angels. Seine „Charter“ in Pforzheim ist aktuell Gegenstand eines Gerichtsverfahrens. Ob der Verein bestehen bleiben darf oder nicht, hängt in der Luft - so der 47-Jährige gestern.

Für den Modellagenten gab ein psychiatrischer Sachverständiger, Dr. Thomas Schwarz aus München, gestern ein Gutachten zur Aussagetüchtigkeit ab. Der teilgeständige 46-Jährige, dem Dr. Gerhard Prengel aus Koblenz und Thomas Wagner aus Freilassing als Verteidiger zur Seite stehen, hatte in dem Prozess eine reichlich abenteuerlich anmutende Story erzählt - mit Paris Hilton, dem König von Ghana, einem deutschen „Prinzen“ und anderer Prominenz. Die Mitangeklagten hatte er in geringem Umfang belastet. Nach Dr. Schwarz ist die Aussagetüchtigkeit des Modelagenten in keiner Weise beeinträchtigt. Er weise - abgesehen von „in milder Form narzistischen Zügen“ - keine psychiatrisch-neurologische Diagnose auf.


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