31.05.2018, 07:08 Uhr

Folien, soweit das Auge reicht Das Plastik-Meer auf unseren Feldern

So sehen viele Felder heutzutage aus. Für Vögel fallen derartige Felder als Nahrungsangebot aus. (Foto: Hannes Lehner)So sehen viele Felder heutzutage aus. Für Vögel fallen derartige Felder als Nahrungsangebot aus. (Foto: Hannes Lehner)

Die Vogelschützer stehen dem Einsatz der Ackerfolien kritisch gegenüber

DEGGENDORF Alle Welt spricht vom Plastikmüll, der zu einem zunehmenden Problem wird. Die Bundesregierung erwägt eine Plastiksteuer. Immer mehr Supermärkte verzichten auf Plastiktüten, um die Umwelt und die Meere nicht noch stärker mit unverrottbarem Müll zuzumüllen. Die Landwirtschaft scheint da einen anderen Weg eingeschlagen zu haben. Dort werden mehr und mehr kilometerlange Plastikfolien eingesetzt – zum Leidwesen von Vogelschützern.

Auch wenn es auf den ersten Blick paradox erscheint: Kunststoff gehört mittlerweile fest zur Landwirtschaft. Mehrere 10000 Tonnen davon werden jährlich eingesetzt – auch im Landkreis Deggendorf. Mit annähernd 44000 Hektar landwirtschaftlicher Fläche wird der Landkreis zu rund 51 Prozent landwirtschaftlich genutzt.

Besonders der Gemüseanbau spielt hier eine Rolle. Und hier sieht man seit einigen Jahren zunehmend, dass man keinen Ackerboden mehr sieht. Die Felder werden großflächig mit Folien bedeckt. Im Sonnenlicht glitzern die Felder auf den flüchtigen Blick wie regelrechte Plastik-Meere.

Folien verringern Einsatz von Spritzmitteln

Die Folien bestehen in der Regel aus Polyethylen. Dadurch können sie jahrelang eingesetzt werden. Ein späteres Recycling ist aber wegen Sand und Erde an der Folie oft unmöglich. Es gibt auch Folien aus biologisch abbaubaren Biokunststoffen. Derartige Folien verrotten im Regelfall nach drei Monaten und können einfach untergepflügt werden. Diese Biofolien sind jedoch wesentlich teurer, weshalb ihr Marktanteil entsprechend klein ist.

Für die Bauern bedeutet der Einsatz dieser Ackerfolien in der Regel früheren und mehr Ertrag. Und auch wenn man im ersten Augenblick meinen möchte, der Einsatz von derart vielem Plastik sei alles andere als ökologisch, haben die Folien durchaus auch Vorteile. Der Einsatz unterdrückt den Unkrautwuchs auf den abgedeckten Flächen und kann somit die Anwendung von Spritzmitteln verringern.

Umwelt- und Vogelschützer beklagen jedoch, dass die plastikversiegelten Felder praktisch keine Lebensraumfunktion mehr haben. Für Vögel oder Insekten seien sie wertlos.

Wer eine Stellungnahme der Landwirtschafts-Organisationen zum Einsatz der Ackerfolien haben will, sieht sich schnell in der Rolle des Buchbinders Wanninger. Ingrid Eckinger, Geschäftsführerin des Bayerischen Bauernverbandes, sagt, dass die Folien aufgerollt und wieder verwendet werden.

Da die Ackerfolien besonders beim Gemüsebau, auch beim Gurkenbau im Landkreis Deggendorf, eingesetzt werden, verweist sie an den Erzeugerring für Obst und Gemüse. Hier sind die kompetenten Mitarbeiter jedoch gerade mit der Beratung von Landwirten beschäftigt. Für derartige Auskünfte habe man laut Sekretariat eigentlich keine Zeit. Und auch das Amt für Landwirtschaft und Ernährung in Deggendorf betont, man sei nicht für den Gemüsebau zuständig.

Wasservögel landen auf den Folien

Beim Bund Naturschutz in Deggendorf scheinen in dieser Angelegenheit zwei Herzen in der Brust zu schlagen. Besonders erfreut sei man vom Einsatz der Plastikfolien laut Kreisvorsitzendem Georg Kestel natürlich nicht. „Ökologische Landwirtschaft sieht anders aus“, so Kestel. Vor allem wenn die Folien letztendlich in der Müllverbrennungsanlage landen, sei das nicht so ideal.

Andererseits sei auch die heimische Landwirtschaft den Produktions- und Konkurrenzbedingungen des Weltmarktes ausgeliefert. „Da erachtet man das als notwendig“, so Kestel. Deshalb: „Wenn die Plastikfolien ordnungsgemäß entsorgt und wieder verwertet werden, kann man damit leben“, findet der BN-Kreisvorsitzende. Vogelschützer stehen den Ackerfolien ungleich kritischer gegenüber. „Durch diese Folien ist die Zugänglichkeit zum Boden für Feldvögel nicht mehr gegeben. Das ist eine banale Feststellung, es ist aber so“, weiß Christian Stierstorfer vom Landesbund für Vogelschutz (LBV), Bezirksgeschäftsstelle Niederbayern. Bei dem ohnehin schon geringer werdenden Nahrungsspektrum für Vögel falle damit auch dieser Nahrungsraum aus.

Darüber hinaus steige durch die Herstellungs- und Energiekosten der Folien der Ressourcenverbrauch enorm – vom Abfallproblem ganz zu schweigen. Und alles nur, um den Erntezeitpunkt ein, zwei Wochen nach vorne zu verlegen. „Da fragt man sich schon, muss das sein?“, so Stierstorfer.

Der Vogelschützer hat sogar schon selbst beobachtet, dass Wasservögel auf diesem Plastikmeer landen. „Sie halten die Folien von oben für Wasser“, berichtet Stierstorfer.

Dabei geht die Zahl der Vögel in Deutschland nach Berechnungen des Naturschutzbundes (Nabu) ohnehin deutlich zurück. Verantwortlich macht der Nabu vor allem die intensive Landwirtschaft.


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