01.02.2019, 09:49 Uhr

Baumpflege in Burghausen Seiltanz zwischen den Stämmen


Kletternde Baumpfleger montieren am Wöhrsee eine Sturmsicherung in einer Spitzahorn-Krone, um den Baum zu sichern und die Verkehrswegesicherheit zu erhalten.

BURGHAUSEN. Es gibt wohl kaum einen Burghauser, der noch nie am großen Spitzahorn am Wöhrsee-Eingang vorbeigegangen ist. Der Baum prägt das Stadtbild seit Jahrzehnten und soll auch weiterhin erhalten werden, wie Sarah Freudlsperger, Landschaftsarchitektin des Umweltamtes, erklärt: „Unsere Aufgabe ist es, den städtischen Baumbestand gesund zu halten und besonders bei Bäumen, die das Ortsbild prägen, sehr vorausschauend zu agieren. Es ist besser, mit individuellen Maßnahmen eventuell auftauchende, zukünftige Probleme schon frühzeitig anzugehen anstatt dann, wenn es zu spät ist, gleich zu fällen.“

Im Fall des Spitzahorns am Wöhrsee wurde mit der Klettertechnik nun eine besonders schonende Möglichkeit gewählt, den Baum zu stabilisieren, weshalb Spaziergänger, die kürzlich an dieser Stelle flanierten, unwillkürlich den Blick gen Himmel hoben: Denn zwei Baumpfleger hangelten sich, scheinbar ohne große Anstrengung, am Seil hoch in die ausladende Krone des Baumes. „Geht es dem Baum jetzt an den Kragen?“, war die häufigste Befürchtung der Passanten, als sie die Absperrungen aus Pylonen und das Warnschild sahen. Aber Lenz Bellemann, Fachagrarwirt für Baumpflege und -sanierung und im Auftrag der Stadt Burghausen unterwegs, konnte beruhigen: „Nein, an dem Spitzahorn wird eine Kronensicherung erneuert.“ Das sei wichtig, um die Zukunft des Baumes und die Sicherheit der Spaziergänger im Rahmen der Verkehrswegesicherheit zu gewährleisten. „So, wie der Baum gewachsen ist, könnte es bei einem Sturm sein, dass er an der großen Vergabelung oder an der alten Schnittwunde bricht“, erklärt Bellemann. Zusammen mit Baumpfleger Leigh Blanks ist der Experte jeden Tag bei passender Witterung in Sachen Bäume unterwegs. Zum einen, um zum Beispiel wie hier in Burghausen zusammen mit dem Umweltamt zu beurteilen, wie ihr Zustand ist, zum zweiten, um entsprechende Maßnahmen zu planen und auszuführen.

Die Baumpfleger der Firma Bellemann kommen dann ins Spiel, wenn die Gärtner und Baumkontrolleure der Stadt Burghausen selbst die Pflege nicht mehr ausführen können. Die Maßnahmen werden über das städtische Umweltamt vergeben und begleitet. „Wir gehen spezifisch auf jeden Baum ein und können auf die speziellen Eigenarten reagieren, um so langfristig einen nachhaltigen Baumbestand im Stadtgebiet zu erhalten“, so Sarah Freudlsperger. Auch Lenz Bellemann bestätigt: „Wir versuchen immer, wo es Sinn macht, den Baum zu erhalten, wie jetzt hier mit einer dynamischen Kronensicherung. Sie hält einem Zug von acht Tonnen stand und erlaubt es dem Baum, sich noch so natürlich wie möglich, aber ohne die Gefahr zu brechen, mit dem Wind zu bewegen. Eine dynamische Kronensicherung ist vergleichbar mit einer Physiomanschette beim Menschen, die das Bein beweglich und die Muskeln in Arbeit hält, aber trotzdem schützt. Alternative wäre in diesem Fall nur ein rigoroser Rückschnitt gewesen, worunter allerdings die Ästhetik sehr gelitten hätte.“ Damit die Kronensicherung angebracht werden kann, klettert Leigh Banks am knallroten Seil in die schwindelerregende Höhe. Dort setzt er einen sogenannten Ankerpunkt, an dem er sich sichern kann.

Warum die Baumpfleger nicht mit Leitern oder einer Hebebühne arbeiten, erklärt der Experte so: „Wie wir an die Bäume kommen, richtet sich immer nach der Möglichkeit des Zugangs. Hier, am Wöhrturm, wäre es schwer, einen Hubsteiger aufzustellen und wir müssten den Zugang komplett sperren. In diesem Fall sind wir kletternd viel schneller, unkomplizierter und auch viel kostengünstiger und schonender im Baum.“ Während Bellemann das erklärt, hat Kollege Banks die alte, nicht mehr zeitgemäße Stahlsicherung im Spitzahorn abgebaut und die neue, dynamische und für den Baum verletzungsfreie Kronensicherung gesetzt.

Am Vormittag waren die beiden Baumpfleger schon damit beschäftigt, die CSU-Linde im Wöhrseebereich auf einen sogenannten „Öko-Torso“ zurückzuschneiden: „Die Linde hatte starken Pilzbefall und kann nun als stehendes Totholz noch bestimmten Tierarten, wie Wildbienen oder Spechten, genau den Lebensraum bieten, den sie suchen.“ Einem anderen Baum am Wöhrsee konnte nicht mehr geholfen werden. Fachagrarwirt Bellemann dazu: „Wir fällen wirklich nur, wenn es sein muss. Oberstes Ziel ist immer, einen Baum zu erhalten, aber Sicherheit geht vor, besonders im öffentlichen Raum wie hier.“ Vom Fällen kann beim Spitzahorn am Wöhrturm nun keine Rede sein. Er wiegt sanft im aufziehenden Wind, ganz so, als ob er den beiden Baumpflegern zum Abschied winken und leise danke sagen wollte …


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