19.09.2019, 13:40 Uhr

3.000 Punktspiele in ganz Bayern Ein Pfeifenmann, den sie willkommen heißen

Helmut Kellner (Bildmitte) hat jetzt ein rundes Jubiläum als Handball-Schiedsrichter bei der SSG Metten gefeiert. Präsident Adi Helmprecht (links) und technischer Leiter Martin Blüml überreichten dem 62-jährigen Pfeifenmann die Ehrenurkunde des Bayerischen Handballverbandes. (Foto: SSG Metten)Helmut Kellner (Bildmitte) hat jetzt ein rundes Jubiläum als Handball-Schiedsrichter bei der SSG Metten gefeiert. Präsident Adi Helmprecht (links) und technischer Leiter Martin Blüml überreichten dem 62-jährigen Pfeifenmann die Ehrenurkunde des Bayerischen Handballverbandes. (Foto: SSG Metten)

Helmut Kellner ist seit 40 Jahren Handball-Schiedsrichter für die SSG Metten

METTEN. A so a Pfeiferl hoit vielleicht 20 Jahr‘ „, sagt Helmut Kellner beim Blick auf sein Arbeitsgerät ein wenig nachdenklich. Gut möglich, dass es drei Pfeiferl geworden sind, wenn er aufhört. Der 62-jährige Angestellte in der Deggendorfer Stadtgärtnerei ist ehrenamtlicher Schiedsrichter, beim Handball, wie er stolz betont. 40 Jahre pfeift Kellner schon. Auf gut 3.000 Punktspiele kommt er, Freundschaftsspiele nicht mitgezählt.

Jetzt haben sie ihn dafür geehrt: Der Bayerische Handballverband geräuschlos mit einer Urkunde, und die SSG Metten, wo er zuhause ist, kürzlich umso herzlicher mit einer kleinen Feier. Kellner kennt sich in seinem Sport aus. Als Elfjähriger hat ihn bei der Spielvereinigung Deggendorf der Handball gepackt und seither nicht mehr losgelassen. Schnell war er gefürchtet für seinen scharfen Wurf. Später in der Ersten beim TSV Regen gingen regelmäßig 50 Prozent der erzielten Tore auf sein Konto, pro Spiel so zwischen acht und zwölf. Wohl wissend, dass wegen Familie, Beruf sowie diverser Hobbys und Ehrenämter die freie Zeit immer knapper werden wird, legte der Deggendorfer 1981 das Wurfgerät beiseite. Aber seinen geliebten Sport ganz aufgeben, das konnte er nicht. Vorausschauend hatte Kellner 1979 die strenge Schiedsrichterprüfung an der Sportschule München-Grünwald abgelegt und konnte jetzt seine zweite Karriere starten. Bis 1988 pfiff er allein, dann zusammen mit seinem Spezl Alfred Graf vom TV Landau. Fleißig besuchten sie Versammlungen zu Fortbildung und Gedankenaustausch, mit dabei auch der Mettener Benediktinermönch Eberhard Lorenz, ebenfalls Schiri, aber auch SSG-Mitbegründer und Bayerns Handballpater.

Und weil im Sport auch fähige Unparteiische aufsteigen können, war das niederbayerische Gespann schnell im Förderkader des Bayerischen Handballverbandes. Es folgen viele Jahre „Rechtsprechung“ in der Landesliga Süd und in der Bayernliga. Mit Kollege Graf reiste Helmut Kellner an Wochenenden im Freistaat umher, die beiden Ehefrauen stets mit von der Partie. So lernte man Baulichkeit und Ausstattung von Hallen in Zonenrandgebieten wie in Speckgürteln von Großstädten kennen und das Verhalten von Spielern und Publikum. Kellner kommt dabei zu einem erstaunlichen Fazit. Die Probleme, die andere Kollegen an der Pfeife haben, vor allem im Fußball, die hatte er so nicht und plaudert aus dem Nähkästchen. „Es gibt schon auch Vereine und Trainer, die behandeln Schiedsrichter schlecht, sehen in ihnen immer den Sündenbock oder versuchen, sie herumzukriegen.“ Dann gebe es Mannschaftsverantwortliche, mit denen könne man vor und nach der Partei ganz normal reden. „Während des Spiels aber verwandeln sie sich, sind unbeherrscht und benehmen sich unmöglich.“

Um Spannungen vorzubeugen, war das Gespann Kellner/ Graf mindestens 45 Minuten vor Anpfiff in der jeweiligen Halle, sprach mit Vereins- und Mannschaftsvertretern und mit alten Bekannten, zumal die beiden in Handballbayern bekannt waren wie die bunten Hunde. „Das hat schon eine entspanntere Atmosphäre geschaffen,“ weiß Kellner. An zwei etwas weniger freundliche Situationen kann er sich dennoch erinnern. Einmal sei sein Partner in der betreffenden Halle von einer älteren Frau wütend mit dem Regenschirm verfolgt worden, weil er angeblich so schlecht gepfiffen hätte. Ihm selber hätten sie ein andermal sein privates Gewand in die Dusche geworfen und eingeweicht. Bei der Rückschau auf die 40 Jahre merkt Helmut Kellner an, dass sie ihn in Bayerns Handballhallen stets freundlich empfangen hätten. Und auch danach habe es gepasst. „Es tut mir selbstverständlich heute noch gut, wenn sie sich freuen, dass ich da bin:“

Kommt man mit ihm auf den Bayerischen Handballverband (BHV) zu sprechen, dann trübt sich die Stimmung bei dem als freundlich bekannten 62-jährigen ein. Mit seinem Partner hätte er in die Regionalliga aufsteigen können, aber der BHV habe es aus formalen Gründen verhindert. Und als er 2008 als Bayern- und Landesliga-Schiri zurückgetreten sei, hätten sie ihn das übliche Abschiedsspiel nicht pfeifen lassen.

Dafür aber hat Kellner seine SSG Metten. Zusammen mit seinem Partner Patrick Gaube, der zugleich Spielertrainer der Herrenreserve ist, pfeift er seit 2008 Bezirksoberligaspiele, vornehmlich Im Frauenbereich. 92 Partien sind es im der vergangenen Saison geworden. Und wenn Freundschaftsspiele anstehen, lässt sich Helmut Kellner ebenfalls breitschlagen. Groß zu fragen braucht man ihn nicht, wenn es um Jugendqualifitationsturniere oder um Begegnungen im Rahmen von „Jugend trainiert für Olympia „ geht. Dann verhilft der große Mann am Pfeiferl den Handballregeln genauso souverän zur Geltung, als wenn es sich um eine Top-Bundesligapartie handeln würde. Von Kellners Einsatz profitiert auch die SSG. Stellt der Verein keine oder zuwenige Schiris, werden Strafzahlungen fällig. Und er ist Vorbild für die nächste Generation von Pfeifenfrauen und -männern. Der junge Mettener Stefan Kraus hat es Kellner bereits nachgemacht und pfeift seit zwei Jahren.

Auf die Frage, wie es denn bei ihm nach 3.000 Punktspielen mit der Schiedsrichterei so weitergehen wird, sagt er kurz und bündig: „Wenn ich gesund bleibe, hänge ich vielleicht noch ein paar Jahre dran.“ Seine Frau hat aber künftig das eine oder andere Wörtchen beim Zeitmanagement dann doch mitzureden. Helmut Kellner ist nämlich über den Handball hinaus von der Gesellschaft, die ihm im Deggendorfer Land eine wichtige Gemeinschaft ist, ebenfalls längst vereinnahmt. Wenn er nicht pfeift, bestimmt er zusammen mit seinen beiden Söhnen Matthias und Andreas als 1. Kassier die Geschicke des Bezirks-Fischereivereins Deggendorf, ist seit 30 Jahren Mitglied der Freiwilligen Feuerwehr Deggendorf, gehört dem Personalrat der Stadt Deggendorf an, ist Schwerbehindertenvertreter in der Stadtverwaltung, entscheidet als Schöffe am Landgericht Deggendorf und spendet bald zum 130. Mal Blut beim BRK. Beim Wettstreit um die Gunst des Menschenfreundes Kellner möchte die SSG Metten natürlich ganz vorne dabei sein. Er sagt zwar: „Wenn ich parteiisch werde, dann höre ich auf.“ Für seine Klosterer aber hat er längst Partei ergriffen.


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