Schatzinsel mit buntem Mix

Puerto Rico: Kaleidoskop der Kulturen in der Karibik

08.11.2021 | Stand 08.11.2021, 4:18 Uhr

San Juan verbindet Vergangenheit und Gegenwart zu einer abwechslungsreichen Mischung.- Foto: Heike Schmidt Windhoff/dpa-tmn

«Reicher Hafen» heiβt die smaragdgrüne Antilleninsel Puerto Rico auf Spanisch. Viele begehrten das Karibik-Kleinod in seiner nicht immer friedlichen Geschichte. Heute fasziniert ein kultureller Mix.

Sie lesen das hier an einem grauen, nasskalten Tag im Spätherbst? Gut, dann Szenenwechsel. Wir nehmen Sie mit auf eine immergrüne Antilleninsel zwischen Atlantik und karibischer See.

Es dämmert über Fajardo am Nordostzipfel von Puerto Rico als die Kajak-Kolonne vom Sandstrand ablegt und leise plätschernd in den düsteren Mangrovenwald gleitet.

«Immer schön hintereinander», tönt Tourguide Noel Cruz munter von weit, weit vorn. So ein Paddelprofi hat gut rufen. Schmal und kurvig ist der zwei Kilometer lange Kanal zur Laguna Grande. In der starken Strömung rumpeln die roten Plastikboote lustig zusammen und verfangen sich im Dschungel kniedicker Uferwurzeln. Schrill schimpfend fliegt ein weiβer Reiher auf, als die Karawane aus dem dichten Blättertunnel endlich in die groβe Lagune einbiegt. Blass flimmern erste Sterne.

Auch im dunklen Wasser blitzen grünblaue Galaxien auf, wenn man die Hände eintaucht und mikroskopisch kleine Geiβeltierchen ordentlich aufmischt: Zu Milliarden leben sie in dieser gut geschützten Bucht. Dinoflagellaten glimmen wie Glühwürmchen der Meere. Bei mechanischer Stimulation geben sie ein wundersames biologisches Neonlicht ab.

Isla del Encanto nennen die spanisch sprechenden Einheimischen ihre Heimat stolz. Und wirklich scheint auf dieser Insel ein natürlicher «Zauber» zu liegen mit ihren leuchtenden Lagunen, märchenhaften Stränden und den uralten Baumriesen im El Yunque-Regenwald. Dort leben Zwergfrösche so klein wie ein Daumennagel.

Statt Hilfe folgten Zwangsarbeit und Untergang

Die geballte Charmeattacke ist zugleich Verhängnis. Puerto Rico heiβt zu Recht «reicher Hafen». Konquistador Juan Ponce de Léon und sein Chef Christoph Kolumbus beschlagnahmten das rechteckige Eiland 1493 für die kastilische Krone. Bedrängt von kriegerischen Karibenstämmen hofften die lokalen Taínos auf Verstärkung und empfingen die Fremden mit offenen Armen. Doch Zwangsarbeit und eingeschleppte Krankheiten beschleunigten nur ihren Untergang.

Im archäologischen Freilichtmuseum Centro Ceremonial Indígena sind ihre struppigen Strohhütten nachgebaut. Lehnworte wie Hurrikan, Kanu und Mais blieben von den Ureinwohnern übrig. Ungerührt importierten die Kolonialherren fortan aus Westafrika frische Arbeitskräfte für ihre florierenden Plantagen - Tabak, Kaffee und Zuckerrohr. Aus dessen Restprodukt Melasse wurde bald kostbarer Rum produziert. Heute betreibt die Bacardí-Familie hier die weltgröβte Destillerie mit Probiertouren für Touristen. Lokalfavorit bleibt jedoch Don Q-Rum aus der Serrallés Brennerei an der Südküste in Ponce.

Proviantstopp, Handelsplatz, Militärstützpunkt und Trophäe - ihre Schatzinsel schützten die Spanier mit mächtigen Steinfestungen wie dem 1539 begonnenen Castillo San Felipe del Morro. Auf sechs Stockwerke wuchs das Fort über die nächsten 250 Jahre mit meterdicken Mauern, runden Wachhäuschen, Leuchtturm und einem wirren Labyrinth von Tunneln, Kasematten und Kasernen.

Heute ist die Zitadelle Unesco-Weltkulturerbe und mit US-Dollars sorgfältig restauriertes Nationaldenkmal. Als Kriegsverlierer mussten die Spanier ihre Insel 1899 herausrücken. Seither ist Puerto Rico ein US-Auβenterritorium.

Das Paradies und seine Schattenseiten

«Älteste Kolonie der Welt» passt besser, sagt Margarita Pastor leise. Mit Ehemann Eddie eröffnete sie 2013 das sonnengelbe «Casa Sol» als erstes Bed & Breakfast im historischen Teil der Hauptstadt San Juan.

Dank amerikanischer Fördermittel ist das relativ reiche Puerto Rico ein sicheres Reiseziel mit guter Infrastruktur in einer oft instabilen Region. Trotzdem sind die Menschen hier ärmer als auf dem Festland. Ohne nationales Wahlrecht fühlen sich viele Puerto Ricaner besonders bei mangelhafter Hilfe während Naturkatastrophen wie Wirbelsturm Maria 2017 als US-Staatsbürger zweiter Klasse.

Bunte Fassaden und gusseiserne Laternen

Schatten verweilen nicht lang unter heiterem Tropenhimmel. Karibische Leichtigkeit verschmolz mit spanischem Erbe und amerikanischer Moderne zu einer einzigartigen kulturellen Identität - wohl nirgends besser verkörpert als in Viejo San Juan, einem Altstadtviertel wie aus dem Bilderbuch. In Bonbonfarben sind die Putzfassaden der zweistöckigen Reihenhäuser im Kolonialstil angemalt, mit weiβen Rahmen um die Fenster und eisernen Straβenlaternen neben den Türen.

500 Jahre - die älteste Stadt in den USA

1521 gegründet, ist San Juan die älteste Stadt in den USA. Eigentlich findet fast jedes Wochenende irgendwo auf der lebensfrohen Insel eine Party statt - ein Karnevalsumzug in Ponce, ein Ananasfest in La Parguera, die Maskenparade für Schutzpatron Santiago Apóstol in Loíza.

Wegen der Coronapandemie beschränkt sich die Geburtstagsfeier erst auf geführte Gratis-Rundgänge durch 500 Jahre lebendige Geschichte: An der zwölf Meter hohen Stadtmauer El Muralla entlang und durch das einzig noch erhaltene Tor La Puerta de San Juan hindurch, wo rostrote Leguane in schattigen Nischen faulenzen.

An der für eine Wunderrettung erbauten barocken Christus-Kapelle mit kleinem Turm und groβem Kreuz tragen flatternde Tauben Dankgebete himmelwärts. Straβenmusiker spielen Gitarre auf den Treppen der mittelalterlichen Catedral de San Juan. Doch das Herz der Stadt schlägt auf den vielen quirligen Plätzen wie dem Plaza de Armas mit dem vanillefarbenen Rathaus, Marmorbrunnen, den Straβencafés und vielen Restaurants.

Frittierte Kochbananen und Piña Colada

Fast alle servieren das geheime Nationalgericht Mofongo, ein kulinarisches Allerlei aus Taíno, spanischen und afrikanischen Zutaten - sogar eine Pizzeria wie Barí. Die frittierten grünen Kochbananen zerstampft man hier selber in einem groben Holzmörser. Dazu gibt es natürlich eine Piña Colada aus Kokosmilch, Sahne, Ananassaft und Rum. Seit über 50 Jahren streitet das Hotel «Caribe Hilton» mit dem Restaurant Barrachina, an wessen Bar der Kult-Cocktail nun erfunden wurde. Am besten probiert man beide aus.

Am Wochenende schwappt Livemusik aus Bars und Clubs bis auf die Straβen. Tagsüber noch braver Marktplatz mit unscheinbaren Obst- und Gemüseständen, verwandelt sich La Placita de Santurce nachts in eine hippe Freiluft-Disco. Eine weitere, musikalische Facette der Insel.