Fußball-Weltmeisterschaft

Doha und Wüstentrips: Reise ins WM-Land Katar

05.12.2022 | Stand 05.12.2022, 13:09 Uhr

Doha und Wüstentrips: Reise ins WM-Land Katar - Strandleben in Doha: Baden im persischen Golf mit Blick auf die Skyline. - Foto: Arne Bänsch/dpa-tmn

Einst Land der Perlentaucher ist Katar dank Öl und Erdgas reich geworden. Jetzt kommt die Fußball-WM. Ein Besuch im Emirat offenbart eine Welt zwischen Science-Fiction und Traditionsbewusstsein.

In Sichtweite der Skyline aus Hochhäusern liegt mit dem Altstadtbasar im Suk Wakif ein Ort, der wie kaum ein anderer an das traditionelle Katar erinnert. Unweit der Hafenpromenade von Doha durchdringt der Duft von edlen Räucherhölzern die verwinkelten Gassen. Das Labyrinth aus Geschäften lockt Touristen und Einheimische gleichermaßen.

Am Rand des Suks liegt der Falkenbasar. In klimatisierten Räumen warten die Verkäufer mit ihren Greifvögeln auf potenzielle Käufer. Die zahlen für die Falken oft so viel wie für einen hochwertigen Neuwagen.

Falknerei - früher überlebensnotwendig, heute prestigeträchtig

«Unsere Großväter haben sie zum Überleben gebraucht», sagt Tamim Al Kaabi an einem heißen Sommertag. Während die Greifvögel früher zur Jagd genutzt wurden, ist die Falknerei heute ein Hobby, das nicht selten dem Prestige dient. Auch Al Kaabi betreibt es. «Besonders TV-Shows mit Falken sind beliebt bei jungen Leuten», sagt der 26-Jährige.

In der Falkensaison im Herbst und Winter, wenn am Golf mildes Wetter vorherrscht, messen sich die Katarer in Wettbewerben. Etwa, wer den schönsten oder schnellsten Greifvogel besitzt. Auch Al Kaabis Falke hat schon einen Preis abgeräumt.

Der Sport erlebt genau wie die Stadt einen Umbruch zur Moderne. In einem auf Falken spezialisierten Krankenhaus im Suk Wakif behandeln Tierärzte Verdauungsprobleme oder Verletzungen der Prachttiere, die ihren Besitzern offensichtlich ans Herz gewachsen sind.

Im Sommer ist es selbst für die edlen Vögel zu heiß

Für den Bankangestellten Al Kaabi ist die Falknerei Familiensache. «Mein Onkel hat mir beigebracht, mit Falken zu leben und wie man mit ihnen umgeht.» Im Sommer ruhen die Falken jedoch in klimatisierten Räumen. «Es ist draußen viel zu heiß für sie.»

Für die Bewohner Katars sind Hitze und Temperaturen jenseits der 40 Grad Alltag. Einheimische verbringen die unerträglichen Sommermonate daher auch gerne in kühleren Gefilden im Ausland.

Dass ein Mitteleuropäer sich indes im Hochsommer auf den Weg in den Wüstenstaat gemacht hat, sorgt bei den Gesprächspartnern immer wieder für Kopfschütteln. Nicht ohne Grund wurde die Fußball-WM auf die milden Wintermonate verlegt. Ab dem 20. November rollt der Ball.

Klimaanlagen in der Straße

Wie in vielen Ländern der arabischen Welt sind in Katar mobile Klimaanlagen im Freien verbreitet im Einsatz, die neben den Tischen von Restaurants und Cafes aufgestellt werden und kühle Luft spenden - quasi das Gegenstück zu unseren Heizpilzen.

Im Kulturdorf Katara an der Küste in Dohas Norden wurden an der Flaniermeile sogar Klimaanlagen in die Straße eingelassen, die das Ressort im neoklassischen Stil unter freiem Himmel kühlen. Sorgen um Energieverschwendung macht sich hier niemand.

Etwas klimafreundlicher dürften da Trips mit den ehemaligen Holzschiffen der Perlentaucher, den sogenannten Dhows, in der Bucht sein - hier gibt es immer erfrischende Brisen.

Wie Stadtplaner die Hitze erträglicher machten

Der hippe Stadtteil Muschairib gleich neben dem Altstadtviertel ist wiederum ein gutes Beispiel dafür, wie auch intelligente Stadtplanung den Menschen dabei helfen kann, mit der Sommerhitze klarzukommen. Die modernen Bauten im traditionellen Stil etwa sind so angelegt, dass Fußgänger in dem Viertel durchgehend im Schatten laufen können.

Außerdem haben die Architekten die Gegend so konzipiert, dass Luftströme zwischen den Häusern für eine Brise sorgen. Durch das Viertel mit seinen Museen und edel wirkenden Restaurants führt eine klimatisierte Straßenbahn.

Aufstieg dank Öl und Erdgas - und Gastarbeitern

Bevor 1939 in Katar Erdöl entdeckt wurde, lebte das Land vom Perlenhandel. Die Wirtschaft war mit dem Aufkommen japanischer Zuchtperlen in den 1930er Jahren aber weitgehend zusammengebrochen. Katar erlebte schwierige Jahre, die dem Land ins kollektive Gedächtnis gewachsen sind.

Die Erschließung der ersten Erdölvorkommen brachte ab Mitte des 20. Jahrhunderts Aufschwung, riesige Erdgasfelder halfen dem Emirat schließlich zum heutigen Wohlstand.

Doch den rasanten Aufstieg verdankt der Golfstaat auch den Millionen von südasiatischen Gastarbeitern, die überall im Alltag präsent sind, ob im Baugewerbe, im Taxi, der Hotellobby oder im Restaurant. Aktuell hat nur etwa jeder zehnte Bewohner der absoluten Monarchie die katarische Staatsbürgerschaft.

Das Emirat wird immer wieder wegen systematischen Menschenrechtsverstößen und der Ausbeutung von Migranten kritisiert. Die Regierung weist die Vorwürfe zurück und führt Reformen an.

Noch wenige Monate vor Beginn der Fußballweltmeisterschaft wurde überall gebaut. Besucher können Doha beim Wachsen zuschauen. Die vielen Baustellen der auf Autos ausgelegten Stadt zwingen die Taxifahrer oft zu Umleitungen.

Wer gerne Strecken zu Fuß zurück legt, tut dies am besten in den Szenevierteln wie Muschairib, auf dem Basar oder an Hafenpromenaden entlang der Bucht. An anderen Orten sucht man hingegen oft vergeblich nach Fußwegen. Längere Wege werden daher mit dem Taxi oder der U-Bahn zurückgelegt, deren futuristisch gestalteten Haltestellen an Kulissen aus Science-Fiction-Filmen erinnern.

Der Nahe Osten in kompakter Form

Schnell entsteht der Eindruck, dass Katars Herrscherhaus bei den zahlreichen Bauprojekten im großen Stil denkt. Das liegt sicher nicht nur an der Fußball-WM. Auch mit anderen Metropolen am Persischen Golf wie Dubai will Doha sich offenbar messen.

Die kompakte Größe des kleinen Emirats sehen manche als Vorteil, nicht nur für die WM. Kultur, Wassersport oder Trips in die Wüste: «Katar bietet das Beste des Nahen Ostens in kompakter Form», findet Berthold Trenkel, Leiter der Tourismusbehörde. Ein besonderer Vorteil sei die gute internationale Anbindung mit dem Hauptstadtflughafen, so der deutsche Manager. Der Hamad-Airport ist das Drehkreuz der nationalen Fluggesellschaft Qatar Airways.

Sehenswert sind die Viertel auf der künstlich angelegten Insel The Pearl («Die Perle») im Norden der Hauptstadt. Neben Ankerplätzen für Jachten aller Größen wurden Ausgehmeilen, Villen und Luxus-Hochhäuser errichtet, die vor allem Besserverdiener anziehen sollen.

Die Architektur bricht hier mit dem traditionellen Stil, viele Quartiere sind europäischen Städten nachempfunden. So gibt es ein Viertel im venezianischen Stil. Wer es sich leisten kann, geht auf der Insel in eines der gehobenen Restaurants, in denen eine Hauptspeise schnell umgerechnet 25 Euro kosten kann. Zahlreiche Verkaufsflächen bekannter Sportwagenmarken erinnern an die wohlhabende Zielgruppe der «Perle».

Kein Ort für ausgeprägtes Nachtleben

Wer auf der künstlichen Insel nach Einbruch der Dunkelheit im Neonlichtschein nach Bars oder Kneipen sucht, wird aber vermutlich enttäuscht werden. «Wir sind nicht für unser Nachtleben bekannt», sagt auch Trenkel. «Wenn Sie also danach suchen, ist Katar wahrscheinlich nicht das beste Ziel.»

Alkohol wird in Katar nur an lizenzierten Orten verkauft, im Supermarkt gibt es nichts. Am ehesten wird man noch in Vier- oder Fünf-Sterne-Hotels fündig, aber auch nicht überall. Am Altstadtmarkt haben sich die Luxus-Hotels zum Beispiel dagegen entschieden - auch hier hat das Traditionsbewusstsein Priorität.

«Wir haben immer noch eine sehr stolze Bevölkerung, die sich um die Geschichte und das Erbe kümmert», sagt Tourismusmanager Trenkel. Das katarische Geschichtsbewusstsein fällt Besuchern an fast jedem Winkel auf, ob im sehenswerten Nationalmuseum oder im Museum für Islamische Kunst, das Anfang Oktober nach Renovierung wiedereröffnet wurde.

Auf die islamische Kultur einstellen

Wer das Land bereist, sollte sich bewusst sein: «Es ist eine islamische Kultur, es ist ein konservatives Land, und das bringt Dinge wie die Kleiderordnung mit sich», sagt Trenkel. «Man rennt nicht in unangemessener Kleidung herum.»

Was das in der Praxis bedeutet, zeigt beispielsweise ein «Verkehrsschild» bei einem Anbieter für Wassersport: Bikinis verboten. Auch mit dem Austausch von Zärtlichkeiten, die in der islamischen Welt in den privaten Raum gehören, sollte man in der Öffentlichkeit höchst zurückhaltend sein.

Besonders im Zusammenhang mit der WM steht auch immer wieder die Frage im Raum, wie offen das Land für lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen ist. Homosexualität ist laut Gesetz verboten und wird mit bis zu sieben Jahren Gefängnis bestraft. Amnesty International hatte geurteilt, dass Frauen sowie lesbische, schwule, bisexuelle, trans- und intergeschlechtliche Menschen (LGBTQI) in Katar «sowohl durch Gesetze als auch im täglichen Leben weiterhin diskriminiert» würden.

Währenddessen haben der Fußball-Weltverband Fifa und der Emir von Katar wiederholt betont, bei der WM seien alle Fans willkommen - unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung.

Prestigebauten in der «Education City»

Der Wille Katars, Traditionen und Geschichtsbewusstsein zu fördern, heißt nicht, Fortschritt abzulehnen. Ein Beispiel dafür ist die «Education City» im Westen Dohas, wo neben einem großen Campus mit international ausgerichteten Lehrstühlen auch ein Stadion und die futuristische Nationalbibliothek untergebracht sind.

Umgeben von in der trockenen Metropole sonst selten zu sehenden Grünanlagen stehen hier Prestigebauten, für die meist internationale Star-Architekten beauftragt wurden. In vielen Gesprächen werden diese Projekte als Ziel angepriesen, einen Innovationshub in der Region zu schaffen. Raum für Selbstkritik bleibt dabei selten, zum Beispiel, wenn man einen Golfkurs mitten in der Wüste baut.

Katar jenseits der Hauptstadt Doha - Trips in die Wüste

Abseits der Metropole gibt es einige überschaubare Aktivitäten wie Wassersport, Wüstensafaris oder Kamelreiten zu erleben. Wer es lieber meditativ mag, kann in den nördlichen Mangrovenwäldern Kajak fahren und neben dem Vogelzwitschern im Biotop angenehme Ruhe genießen. Die Tour dorthin ist mit dem Taxi etwas umständlich. Am ehesten ist sie noch mit einem Mietwagen zu bewältigen, wenn man abends nicht von Sand in den Schuhen und Moskitos geplagt werden will.

Etwas enttäuschend ist eine Reise nach Al-Subarah am Nordzipfel Katars, der einzigen Unesco-Weltkulturerbestätte des Landes: Die restaurierte Festung war im späten 18. Jahrhundert das Zentrum des Perlenhandels. Sie wirkt auf Fotos jedoch imposanter und größer als in der Realität. Der gut einstündige Trip aus Doha rentiert sich vermutlich vor allem für geschichtsinteressierte Besucher.

Einen Hauch von Abenteuer verspricht da mehr eine Fahrt in den Süden des Landes. Nachdem man den kilometerlangen Küstenabschnitt mit den Anlagen der Öl- und Gasindustrie passiert hat, bieten zahlreiche Veranstalter Fahrten durch die Dünenlandschaften an, ob mit einem Geländewagen oder Quad.

Tamim Al Kaabi schätzt Trips in die Wüste. Gemeinsam mit ihren Jagdvögeln campen die Männer wie ihre beduinischen Vorfahren oft Nächte dort. «Ohne Handy», sagt Al Kaabi mit einem Lächeln.

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