05.11.2019, 15:02 Uhr

Nacheile Das Verbrechen kennt keine Grenzen – Polizisten aus Selb üben Verfolgungsfahrten nach Tschechien


„Notruf! Ein Raubüberfall auf eine Bank in Marktredwitz!“ Die Täter sind flüchtig auf der B303. Erst schafft es eine, dann eine zweite Streife, die Verfolgung aufzunehmen. Überholen und anhalten ist unmöglich. Das Ziel der Fahrt scheint indes klar: Die Grenze zur Tschechischen Republik soll überfahren werden. Ein Ende der Verfolgungsfahrt bedeutet dies aber nicht. Die Polizeien der Länder arbeiten zusammen. Ein Fall von Nacheile ist dies im Fachjargon – und der muss geübt werden. Drei Mal in jede Richtung war dies Anfang Oktober am Grenzübergang Schirnding der Fall.

SELB „Kommunikation ist alles“ – dies gilt auch bei der Nacheile. Denn der Polizeifunk reicht mit etwas Glück noch ein Stück weit ins Nachbarland hinein, kurz nach Grenzübertritt muss die Kommunikation aber andere Wege gehen. Viele Hände greifen dabei ineinander: Die Einsatzzentralen Oberfranken und Karlsbad, die Bundespolizei und das Gemeinsame Zentrum in Schwandorf treffen sich in einer Telefonkonferenz. Dieses Gremium muss ständig Kontakt zu den Streifenfahrzeugen im Nachbarland halten und deren Standort kennen.

„Diese Übung dient der Kommunikation, das ist kein Fahrtraining“, lautet einer der letzten Hinweise bei der Einsatzbesprechung. Entsprechend gemütlich sind die Beamten der Bundespolizei, die in der Rolle als vermeintliche Bankräuber gen Tschechien fliehen, unterwegs. „Gesuchtes Fahrzeug auf B303 festgestellt, Fahrtrichtung Grenzübergang. Geschwindigkeit etwa 70 km/h“, melden die Beamten im Verfolgerauto über Funk. Noch ist alles entspannt in ihrem Auto. Noch funktioniert die Kommunikation wie gewohnt. Doch kurz nach dem Grenzübertritt herrscht Funkstille. Im Fahrzeug wird es dadurch leiser, am Ohr des Beifahrers aber sehr viel lauter. Denn auch er nimmt jetzt an der Telefonkonferenz der Einsatzzentralen teil. „Da wird sehr viel gesprochen, was uns eigentlich gar nicht betrifft – herauszufiltern, was für uns wichtig ist oder wann wir angesprochen werden, ist nicht leicht“, berichtet einer der zwölf Beamten, die sich während der Übung in der Rolle der grenzüberschreitenden Nacheiler übten.

Welche Handgriffe zum Einwählen notwendig sind, welche Einstellungen an Funk und Telefonen vorab getroffen werden können, wie eine gewisse Funkdisziplin auch am Telefon eingehalten werden kann – all dies war Teil und Ergebnis dieser Übungsfahrten. Hinzu kommt die Arbeit vor Ort, denn natürlich wurden die Flüchtenden von den zu Hilfe gerufenen Kollegen des jeweiligen Nachbarlandes vorbildlich gestoppt. Schon wieder muss dann kommuniziert werden, zwischen Polizei und Policie. Am besten klappt dies auf Englisch: „Did you take anything out of the car?“ – „No, we didn’t.“ Der vor Ort notwendige Papierkram beschränkt sich auf ein Formular, das die Beamten von Hand ausfüllen. Darauf erklären sie, weshalb sie die Verfolgung aufgenommen haben und wer daran beteiligt war. „Please wait! I have to take a photo.“ – auf diese Weise steht es anschließend allen Beteiligten zur Verfügung.

Die Marktredwitzer Bankräuber werden letztlich analog den Bestimmungen im deutsch-tschechischen Polizeivertrag, der unter anderem die Nacheile regelt, von der tschechischen Polizei festgenommen. Die deutsche Seite müsste im Ernstfall innerhalb von 24 Stunden einen Auslieferungsantrag stellen, um sie anklagen zu können. In diesem Fall fahren die schauspielenden Beamten der Bundespolizei aber friedlich und gemütlich wieder über die Grenze zurück. Um gleich wieder in ihre Rolle zu schlüpfen: „Notruf! Ein Raubüberfall auf ein Bank in M…“


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