30.05.2018, 17:00 Uhr

Austausch unter Betroffenen „Sexualisierte Gewalt kommt nicht von der Lust am Sex!“


pro familia bietet in Spiegelau eine neue Selbsthilfegruppe an.

SPIEGELAU Julia ist jung, fröhlich und dynamisch – eigentlich nichts Ungewöhnliches für ein junges Mädchen Mitte 20. Doch wenn Julia von ihrer Vergangenheit erzählt, dann ist diese Unbeschwertheit nicht mehr selbstverständlich. In ihrer Kindheit wurde Julia missbraucht – vom eigenen Großvater. Dieser war nie der liebende Opa, den er nach außen hin gab. Ganz im Gegenteil: Er war eine Autoritätsperson, der man gehorchen musste! Julias Schicksal ist kein Einzelfall. In allen Gesellschaftsschichten kommt sexualisierte Gewalt vor. Viele Betroffene schweigen aus Scham, dennoch ist gerade der Austausch unter Menschen, die dasselbe erlebt haben, sehr wichtig. Das ist auch der Grund, warum pro familia in Spiegelau eine neue Selbsthilfegruppe für sexualisierte Gewalt gründen möchte.

„Eine Gruppe bietet den Betroffenen zum einen eine Möglichkeit, um aus ihrer Isolation herauszukommen. Zum anderen werden in der Gruppe auch verschiedene Lösungsstrategien deutlich, wie eine solche Krise überwunden werden kann“, erklärt Eva Freymadl, Diplom-Pädagogin, die die neue Selbsthilfegruppe in Spiegelau betreuen wird.

Sexualisierte Gewalt kommt dabei in allen Altersschichten vor. „Das kann ein Missbrauch in der Kindheit sein oder aber auch erst im Erwachsenenalter zum Beispiel eine Vergewaltigung durch den Ehemann“, sagt die Diplom-Pädagogin. Immer jedoch nutzt der Täter Autorität, Macht und Vertrauen zum sexuellen Missbrauch. Und was dieses Vergehen besonders schlimm macht, ist die Tatsache, dass die Täter in den meisten Fällen aus dem Familien-, Bekannten oder Verwandtenkreis kommen. Denn „trotz allem“ besteht zwischen Opfer und Täter eine innere Bindung beziehungsweise Liebe, die zur Verwirrung und Geheimhaltung beiträgt. Julia war immer die süße Prinzessin ihres Großvaters, der ihr immer wieder versicherte, dass sie ein ganz wunderbares Geheimnis miteinander haben.

Sexualisierte Gewalt muss aber nicht immer eine Vergewaltigung oder ein körperlicher Missbrauch sein. Schon anzügliche Bemerkungen oder Blicke oder „Grabschen“ gehören dazu. „Ausschlaggebend ist immer die Tatsache, dass das Opfer diese sexuellen Handlungen nicht will und sich in der Situation nicht mehr wohlfühlt“, bringt es Eva Freymadl auf den Punkt. Sexualisierte Gewalt führt in allen Fällen zu Verletzungen des Körpers und der Seele, die zum Teil tiefe Spuren hinterlassen können. „Die Betroffenen stehen vor einem Gefühlschaos, das man kaum bewältigen kann. Scham, Schuld, Ekel, Angst und auch Hilflosigkeit machen einem im wahrsten Sinne des Wortes das Leben schwer“, so die Expertin.

Nicht selten treten deshalb nach sexualisierter Gewalt auch Folgen wie Schlafstörungen, psychische Erkrankungen, körperliche Verletzungen, Beziehungsstörungen oder Krankheiten auf. „Oftmals verdrängen die Betroffenen das Geschehene auch und es kommt erst Jahre später wieder hervor“, weiß Eva Freymadl.

So wie bei Julia, die erst in der Pubertät die Gründe für ihre Albträume herausgefunden hat. Heute weiß Julia, dass sie durch die Hölle gehen musste. Doch Julia hatte die Kraft und den Mut sich Hilfe zu holen. Neben einer Therapie fand sie diese Unterstützung auch in einer Selbsthilfegruppe und kann heute wieder lachen!

Die Selbsthilfegruppe in Spiegelau trifft sich am 8. Juni von 16.30 bis 18 Uhr zum ersten Mal in der Hauptstraße 2 bis 4 und wendet sich an alle Betroffenen von sexualisierter Gewalt in den Landkreisen Freyung-Grafenau und Regen. Danach finden die Treffen im 14-tägigen Rhythmus statt. Weitere Informationen und Anmeldung bei pro familia in Passau unter 0851/53121.


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