23.04.2020, 10:38 Uhr

Corona-Krise Konflikte in Familien können jetzt schneller eskalieren – Arbeit der Jugendämter wichtiger denn je

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Wenn Kinder nicht in die Schule oder Kita gehen und Eltern gleichzeitig im Home Office arbeiten, entsteht in manchen Familien derzeit in der Corona-Krise ein höheres Konfliktpotential. Je nach familiärer Situation eskaliert die Lage mancherorts mehr oder weniger schnell, oftmals wird das Jugendamt eingeschaltet. Die derzeit noch geltenden Ausgangsbeschränkungen erschweren jedoch den Kontakt.

Landkreis Straubing-Bogen/Straubing. Das Jugendamt Straubing appelliert an Eltern, Angehörige und Nachbarn, beim Thema Kindeswohl genau hinzuschauen: „Zwar schweißt die Corona-Lage viele Familien zusammen. Eltern und Kinder verbringen mehr Zeit miteinander. Aber es kann auch passieren, dass Konflikte jetzt schneller eskalieren und Kinder Gewalt oder Verwahrlosung erleben“, sagt Markus Wimmer vom Jugendamt der Stadt Straubing. Ein besonderes Risiko gebe es in Familien, in denen psychische Erkrankungen oder Suchtprobleme eine Rolle spielten.

Der „Schulunterricht“ zu Hause ist für viele Eltern eine Herausforderung und läuft in jeder Familie anders ab, sodass der Weidereinstieg in den Schulalltag für viele Kinder und Jugendliche mit Schwierigkeiten einhergehen wird. Tobias Welck, Pressesprecher des Landratsamtes Straubing-Bogen, erklärt dazu: „Die Folgen werden sich wohl erst in den nächsten Wochen zeigen. Dann nämlich, wenn für die Kinder und Jugendlichen der bisherige Alltag wieder eintritt. Tun sich schulische Lücken auf? Haben die Kinder die bisherige Struktur, das Sozialverhalten und den Umgang mit Gleichaltrigen verlernt? Diese Fragen lassen sich heute noch nicht beantworten.“ Der fest strukturierte Tagesablauf fehlt den Kindern. Ebenso der Kontakt und das Spiel mit Gleichaltrigen.

Auch die Arbeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter der Jugendämter sieht derzeit anders aus als vor der Pandemie. „Die größte Veränderung für die Mitarbeiter im Jugendamt ist sicherlich der Schichtbetrieb sowie die Einschränkung von persönlichen Gesprächen und Hausbesuchen. Um Ansteckungen zu vermeiden und den Dienstbetrieb somit aufrecht erhalten zu können, sind die Mitarbeiter in Früh- und Spätschicht eingeteilt“, berichtet Welck. „Gemeinsame Teamsitzungen oder Besprechungen finden nicht mehr statt und auf Grund des Schichtdienstes besteht eben nur Kontakt zu einem Teil der Kollegen und Kolleginnen. Somit besteht die tägliche Herausforderung darin, dass in Bezug auf wichtige Informationen und zu erledigende Tätigkeiten eine gute Übergabe per Mail oder Telefon stattfindet, damit nahtlos und mit gleichbleibender Qualität weitergearbeitet werden kann.“ Um die potenziellen Gesprächspartner nicht unnötigen gesundheitlichen Risiken auszusetzen und der allgemeinen Kontaktsperre nachzukommen, werden persönliche Gespräche, Hausbesuche und Gesprächsrunden nur eingeschränkt durchgeführt, sofern sie nicht dringend zeitnah erforderlich sind. Dringend notwendige Gespräche, Hausbesuche und so weiter finden nach wie vor statt, wie Welck bestätigt.

Sozialarbeiterinnen und Familienhelfer am Jugendamt Straubing seien meist in getrennten Teams unterwegs, um die Infektionsgefahr zu minimieren, berichtet Wimmer. Auch Atemschutzmasken seien wichtig. „Entscheidend ist, dass der Kontakt zu Familien, die bereits vom Jugendamt betreut werden, nicht abreißt. Wo dies notwendig ist, gehen wir beziehungsweise die eingesetzten Helfer auch jetzt in die Familien, um sicherzustellen, dass es den Kindern gut geht“, so Markus Wimmer. Um bei den Hausbesuchen die Infektionsgefahr möglichst gering zu halten, gehe das Jugendamt auch neue Wege. So kämen insbesondere bei den ambulanten Hilfen verstärkt Video-Chats zum Einsatz, Gespräche würden teils an der Fensterscheibe geführt. Bei der Wahl des jeweiligen Vorgehens werden alle Risikofaktoren sorgfältig abgewogen. „Wenn es erforderlich ist, gibt es natürlich auch den persönlichen Kontakt zum Kind. Das Wohl der Kinder hat für das Jugendamt auch unter widrigen Umständen höchste Priorität“, betont Wimmer.

„Klar ist: Das Jugendamt ist auch weiterhin voll erreichbar und so genannte Gefährdungsmeldungen werden auch weiterhin bearbeitet“, betont Wimmer. Sollten die Eltern in der aktuellen Situation überfordert sein und Hilfe brauchen, können sie sich unter den bekannten Adressen und Telefonnummern an das Jugendamt wenden. Auch wer den Verdacht hat, dass Kinder leiden oder Angst vor ihren Eltern haben, kann dort anrufen. Es sei jedoch unbedingt zum „Double-Check“ zu raten: Kreischende Geschwister, Getrampel auf dem Boden oder laute Musik in der Nachbarwohnung seien noch lange kein Hinweis auf eine Kindeswohlgefährdung. „Aber wenn die Kinder selbst um Hilfe rufen oder die Eltern in der aktuellen Situation verzweifelt sind, dann sollte man das Jugendamt einschalten – oder bei akutem Handlungsbedarf auch die Polizei“, macht Wimmer deutlich.

Zur Entwicklung der Zahl der Notrufe beim Jugendamt in der Stadt Straubing in der Corona-Krise erläutert Wimmer: „Es sind oft die Pädagoginnen und Pädagogen in Schulen und Kitas, die sich mit Verdachtsfällen bei uns melden. Aber die sehen die Kinder und Jugendlichen aktuell ja nicht. Stattdessen könnte es aber zu mehr Meldungen von Nachbarn, Verwandten oder Bekannten kommen“. Im vergangenen Jahr bekam das Jugendamt Straubing 81 Hinweise auf mögliche Gefährdungen von Kindern und Jugendlichen. 37 Fälle stuften die Mitarbeiter 2019 als so alarmierend und schwerwiegend ein, dass sie die Kinder und Jugendlichen aus Familien herausholen mussten, um sie zu schützen.

Die Meldungen von Kindeswohlgefährdungen im Landkreis Straubing-Bogen seien seit der Corona-Pandemie nicht gestiegen. Gestiegen sei aber die Anzahl der telefonischen Anfragen bezüglich Erziehungsschwierigkeiten und damit verbunden die Anzahl der Telefonberatungen in diesem Bereich, so Welck. Er weiß: „Dass derzeit manchmal die Nerven blank liegen, ist kein Wunder. Hilfreich ist es zudem sicherlich, wenn es gelingt, den Familienalltag zu strukturieren. Beispielsweise durch feste Lernzeiten, Familienzeiten Freizeitaktivitäten. Man sollte zudem nicht vergessen, dass Kinder und Jugendliche auch bei Lernzeiten zu Hause entsprechende Pausen brauchen. Eine gewisse Nachsicht, wenn die Struktur nicht immer gelingt, sollten die Eltern in dieser Ausnahmesituation aber walten lassen.“ Lernzeiten, Familienzeiten, Freizeitaktivitäten – alles sollte im richtigen Maß vorkommen. Wichtig sei auch, die Voraussetzungen zu schaffen, dass sich Kinder und Jugendliche wieder an einen normalen Schulalltag gewöhnen. „Dafür wäre es gut, wenn sich Kinder und Jugendliche zum Beispiel auch wieder annähernd an die üblichen Lern- und Bettgehzeiten halten würden“, so Welck.

„Viele Familien ,trauen‘ sich derzeit vielleicht in dieser für sie neuen Situation nicht, sich Hilfe zu holen. Zukünftig könnten die Folgekosten, die durch die derzeitige Situation entstehen, zu einem Problem werden“, befürchtet Welck. Die Kontaktaufnahme zum Amt für Soziale Dienste für Jugend und Familie ist auch derzeit jederzeit telefonisch und per Mail möglich. Auch praktisch alle Beratungsstellen in Straubing sind zumindest telefonisch erreichbar, bieten Telefonberatung oder Video-Chats an und unterstützen auch aktuell dabei, bei größeren Problemen, den richtigen Ansprechpartner zu finden, wie Welck versichert. In der aktuellen Krise werde besonders deutlich, wie wichtig die Arbeit der Jugendämter sei, sagt Wimmer: „Der Kinderschutz leistet eine unverzichtbare Aufgabe in der Gesellschaft.“


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