03.10.2019, 21:08 Uhr

Erinnerungskultur Stolpersteine gegen das Vergessen

Heinrich Lutterbach – vierter von rechts, stehend – mit seinen Mitgläubigen, kurz nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen im Mai 1945. (Foto: Jehovas Zeugen)Heinrich Lutterbach – vierter von rechts, stehend – mit seinen Mitgläubigen, kurz nach seiner Befreiung aus dem KZ Mauthausen im Mai 1945. (Foto: Jehovas Zeugen)

„Mit 27 Jahren aus dem Leben gerissen …“ – so empfand der Münchner Heinrich Lutterbach seine Verhaftung im September 1936. Sein Verbrechen: Er hatte zusammen mit anderen in der Bibel gelesen, den Gruß „Heil Hitler!“ sowie den Eid auf den Führer verweigert, und lehnte „als junger wehrpflichtiger Volksgenosse den Wehrdienst ab“, hieß es in der Urteilsbegründung des Gerichts, das ihn im November 1936 zu zehn Monaten Gefängnis verurteilte. Die Religionsgemeinschaft war bereits im April 1933 in Bayern verboten worden.

REGENSBURG Ab dem Spätsommer 1935 hatte er am Georgenplatz 2 in Regensburg gewohnt und organisierte von hier aus aktiv den Widerstand gegen das NS-Regime für die drei kleinen Gruppen von Zeugen Jehovas in Regensburg. Gleichzeitig war er als Musiker in der Spielzeit 1935/1936 im Orchester des Stadttheaters Regensburg bei den ersten Violinen engagiert. Später verweigerte die Direktion im Strafgefängnis Landsberg/Lech die „herzliche Bitte“ von Lutterbachs Mutter, ihm ins Gefängnis seine Geige bringen zu dürfen, „dass er im Tag wenigstens eine Stunde irgendwo üben könnte“.

„Oft gab es in der Gefangenschaft Situationen, die scheinbar ausweglos erschienen“, erinnerte sich Lutterbach nach seiner Befreiung. „Hunger, Kälte, Krankheit, schwere Arbeit, Misshandlungen von Seiten unserer Peiniger, Spott und Hohn durch die zynischen Bemerkungen unserer SS-Führer [...] und Kommandanten waren eine harte Probe für unseren Glauben.“

Mehrmals legte man Heinrich Lutterbach eine vorbereitete „Erklärung“ zur Unterschrift vor, nach deren Unterzeichnung man ihnen die Entlassung versprach. Sie sollten ihrem Glauben abschwören und ihre Bereitschaft bekunden, im Fall eines Krieges ihr Vaterland mit der Waffe zu verteidigen – das kam für ihn niemals in Frage: „Wir, die Bibelforscher [wie Jehovas Zeugen damals genannt wurden] mit ihren violetten Winkeln auf den gestreiften Anzug genäht, galten als Vaterlandsverräter, die nicht kämpfen wollten und Hitler als ihren Führer ablehnten. Als der 2. Weltkrieg ausbrach, drohte man uns […] alle zu erschießen.“

Dr. Hans Simon-Pelanda erklärt: „Über Jahrzehnte blieben die Zeugen Jehovas in der Öffentlichkeit belächelt oder wurden als ‚Sekte‘ diffamiert, ihr konsequenter, einzigartiger Widerstand fand kaum Anerkennung. Umso bedeutender die heutige Geste der Stadt Regensburg in Zusammenarbeit mit dem Arbeitskreis für Stolpersteine in Regensburg, den Widerstand von Heinrich Lutterbach zu würdigen. Im Wissen um die besonderen Schikanen, die verschärften Strafen für Jehovas Zeugen über den alltäglichen Terror in einem KZ hinaus lässt sich kaum erklären, wie er fast neun Jahre Gefangenschaft in den KZ von Dachau, Mauthausen und Gusen überleben konnte. Die SS rechnete zynisch mit einer Überlebenschance von wenigen Monaten für Gefangene im KZ und plante daraufhin den Arbeitseinsatz als ‚Vernichtung durch Arbeit‘. Die wenigen Überlebenden solch extrem langer KZ-Gefangenschaft wurden und werden in den vom Deutschen Reich überfallenen und besetzten Ländern als Helden geehrt.“

Von der kleinen, 1933 im Deutschen Reich nur rund 25.000 Mitglieder zählenden Religionsgemeinschaft waren 10.700 in irgendeiner Form von Verfolgungsmaßnahmen betroffen, etwa 8.800 von ihnen hielt man in Gefängnissen und KZ gefangen. Mindestens 1.600 Zeugen Jehovas in Deutschland und den besetzten Ländern verloren ihr Leben, davon 548 durch Hinrichtung. Für diese Verfolgtengruppe wurden bisher 278 Stolpersteine in Deutschland verlegt, zwei davon in Regensburg (Stand 2019). Am Dienstag, 7. Oktober, folgt ein weiterer – für Heinrich Lutterbach.


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