22.07.2018, 09:54 Uhr

Immobilien in Regensburg Irre Mietpreise– „Chefarzt sucht Wohnung, bis zu 3.000 Euro kalt“

„Leben im Obstgarten“ nannte der Bauträger das Areal am Brandlberg. Ein Reihenhaus wird jetzt für 2.500 Euro kalt vermietet. (Foto: IZ)„Leben im Obstgarten“ nannte der Bauträger das Areal am Brandlberg. Ein Reihenhaus wird jetzt für 2.500 Euro kalt vermietet. (Foto: IZ)

Neubaugebiete sind Anziehungspunkte für Eliten, Rentner haben ein Problem in einer Stadt wie Regensburg. Doch auch der Landkreis leidet unter dieser Entwicklung. Die irrsten Mietgesuche haben wir dokumentiert - und aufgezeigt, warum die Politik ein Mitverschulden durch Unterlassen hat.

REGENSBURG Der Mietmarkt in der Domstadt nimmt immer groteskere Züge an. Selbst Neubaugebiete, die angeblich dazu gedacht sind, den Druck auf den Immobilienmarkt zu senken, sind davon betroffen. Jüngstes Beispiel: das Baugebiet am Brandlberg. Zitat aus einer Immobilien-Anzeige auf einem Internet-Portal: „Das sehr modern und hochwertig gestaltete, freistehende Einfamilienhaus mit begrüntem Flachdach befindet sich im Neubaugebiet Brandl-berg zu Füßen des gleichnamigen 40 Hektar großen Naturschutzgebiets.“ Das Angebot: knapp 200 Quadratmeter Wohnfläche in angeblich absoluter Bestlage im Nordosten der Stadt Regensburg. Bei den Kosten treibt es einem tatsächlich Tränen in die Augen: 2.500 Euro – Kaltmiete! Damit liegt der Mietpreis kalt bei zwölf Euro je Quadratmeter.

Doch wer den Immobilien-Markt beobachtet, der wundert sich nicht über solche Entwicklungen. Vor allem der Zuzug hochqualifizierter Arbeitskräfte, die entsprechend verdienen, führen zu einer „Schweizerisierung“ Regensburgs. Beispiel aus der Samstags-Tageszeitung: „Chefarzt, Professor, neu an der Uni sucht Einfamilienhaus oder Vier-Zimmer-Wohnung in Regensburg Süd/West zum 1.9. bis 3.000 Euro monatlich“. Oder diese Anfrage: „Informatiker (zwei Personen) suchen Einfamilienhaus, Doppelhaushälfte, Reihenhaus altstadtnah bis 1.500 Euro kalt.“ Ebenfalls für 1.500 Euro kalt möchte ein Forschungs-Professor an der Uniklinik mieten.

Der Vertriebsleiter eines Discounters sucht in Regensburg eine Vier-Zimmer-Wohnung, altstadtnah – und ist bereit, dafür 2.100 Euro zu bezahlen, Kaltmiete, wohlgemerkt.

Dabei gäbe es für die Kommunalpolitik Mittel und Wege, die explodierenden Mietpreise einzudämmen. Ein Instrument: Die sogenannte Milieuschutzsatzung, die Luxussanierungen zum Nachteil von Mietern, die etwa von geringen Renten leben, verhindern sollen.

Im Geltungsbereich bedürfen der Rückbau, die Änderung oder die Nutzungsänderung baulicher Anlagen der Genehmigung. Die Genehmigung darf nur versagt werden, wenn die Zusammensetzung der Wohnbevölkerung aus besonderen städtebaulichen Gründen erhalten werden soll. Häufig werden Mietschwellenwerte entwickelt, die gebietsspezifisch als tragbar gelten. Führt ein Modernisierungsvorhaben zu einem Übersteigen der gebietsspezifischen Höchstmiete, kann die Genehmigung versagt werden. Bislang gibt es aber keinerlei Anstalten aus der Politik.

Kommentar

Politiker-Versagen bei den Mietpreisen

Wer die Entwicklung auf dem Mietmarkt in den vergangenen Jahren betrachtet, der kann der Regensburger Kommunalpolitik völliges Versagen zuschreiben. Offenbar nimmt man gerade die Regensburger Altstadt sowie Stadtamhof nur ins Visier, wenn es darum geht, Parkplätze zu streichen oder Umweltzonen zu errichten. Andere Städte sind da viel findiger. Wer glaubt, die zunehmende „Gentrifizierung“, also Vertreibung der alteingesessenen, meistens weniger zahlkräftigen Bevölkerung könne man nicht zumindest eindämmen, der kennt das Baugesetzbuch nicht. Bislang gibt es in der Stadtpolitik keinerlei Bestreben, diesem Mietpreis-Wahnsinn beizukommen. Vielmehr scheint man damit recht zufrieden zu sein, dass so viel hochqualifiziertes Personal nach Regensburg zieht – kein Wunder: Der Einkommenssteuer-Anteil füllt die Stadtsäckel. Damit kann man wunderbar Projekte wie Fahrradleihen, Stadtbahnen und allerlei mehr finanzieren, das vor allem das urbane Klientel bedient. Das ist Klientel-Politik, das bedient Eliten, statt sich darum zu kümmern, dass die armen und weniger gut gestellten Menschen in dieser Stadt eine Perspektive haben. Ich lebe selbst in der Altstadt, beobachte, wie vom Elternhaus her gut gestellte Studenten die Rentner vertreiben. 2020 brauchen wir uns dann nicht die Augen reiben, wenn im Stadtrat plötzlich eine neue Fraktion sitzen wird.