24.12.2017, 09:00 Uhr

Vor allem an Weihnachten Seit 700 Jahren helfen Stiftungen den Armen und Schwachen in Pfarrkirchen

Bürgermeister Wolfgang Beißmann und Irma Wiedemann mit einem der alten Dokumente, die detailliert Auskunft über das Wirken der Stiftungen in Pfarrkirchen geben. (Foto: Holger Becker)Bürgermeister Wolfgang Beißmann und Irma Wiedemann mit einem der alten Dokumente, die detailliert Auskunft über das Wirken der Stiftungen in Pfarrkirchen geben. (Foto: Holger Becker)

Seit 700 Jahren gibt es Stiftungen in Pfarrkirchen, ursprünglich waren es mal acht. Heute existiert nur noch die Vereinigte Stiftung für Wohltätigkeit, die besonders an Weihnachten an Hilfsbedürftige Spenden verteilt.

PFARRKIRCHEN Neugierig öffnet die alte Frau den Brief, den sie kurz vor Weihnachten erhält. Ein persönlicher Brief vom Bürgermeister steckt im Umschlag. Was sie aber noch mehr freut: Im Umschlag steckt ein Scheck über 150 Euro. Das Geld kann – nennen wir sie einfach Maria – gut gebrauchen, denn sie bekommt nur eine karge Rente. Und noch mehr Menschen in Pfarrkirchen erhalten den Brief zu Weihnachten – mal mit einem Geldgeschenk, mal mit Einkaufsgutscheinen.

Bürgermeister Wolfgang Beißmann schreibt den armen Leuten dieser Tage den persönlichen Brief im Namen der Vereinigten Stiftung für Wohltätigkeit. Dass er oder ein Mitarbeiter der Stadt die Hilfebedürftigen nicht selbst aufsucht, hat einen Grund: „Viele würden aus Scham erst gar nicht um eine Spende bitten“, weiß der Rathauschef. Er weiß aber auch, dass sich viele über die Zuwendung freuen.

„Es kommt schon mal ein Dankeschön in Form einer Weihnachtskarte mit persönlichen Worten, obwohl sich die Leute sogar die vom Mund absparen müssen. Oder ich werde auf der Straße angesprochen mit lieben Worten“, berichtet Wolfgang Beißmann von persönlichen Erlebnissen. Und er betont: „Es ist zwar ein großer Aufwand für unsere Stadtverwaltung, denn wir achten auch darauf, dass die Spenden möglichst gerecht verteilt werden. Aber wir machen das gerne.“

Im Jahr 2016 erhielten bedürftige Bürger im Stadtgebiet von der Stiftung Zuwendungen in Höhe von 16.160 Euro. „Der Schwerpunkt liegt dabei auf die Weihnachtszeit“, erklärt der Bürgermeister. „Die Stiftung steht auf gesunden Beinen, sodass wir in Notlagen immer Gewehr bei Fuß stehen können.“, betont Beißmann. Der Festgeldbestand lag Ende 2016 bei 767.000 Euro, hinzu kommt ein Goldmünzen-Bestand von 121.000 Euro und mehrere Sozialimmobilien.

Immobilien spielten bei den Stiftungen in Pfarrkirchen schon immer eine große Rolle. Derer gab es einmal acht. Ende des 19. Jahrhunderts wurde dann viel Grundbesitz in Pfandbriefe umgewandelt. Ein Fehler, wie sich herausstellte, denn aufgrund der Inflation verloren die stark an Wert. Die Stiftungsvermögen schrumpften ganz erheblich. Aus acht wurden 1943 zwei Stiftungen. Ab 1956 gab es nur noch die Vereinigte Stiftung für Wohltätigkeit.

Die älteste der Pfarrkirchner Stiftungen war die Armen- und Bruderhausstiftung (gegründet 1317), weitere waren die Heilig-Geist-Spital-Stiftung (gegründet 1429), die Sta(in)diller Stiftung), die Alexi-Hospital-Stiftung (gegründet um 1600), die Dr. Bayer-Stiftung , die Strasser-Stiftung (gegründet 1717), die Bachl-Stiftung (gegründet 1866) und die Duschl-Stiftung (gegründet 1890).

„Früher gab es keine Freizügigkeit der Bürger, wie man sie heute kennt. Handwerker konnten zum Beispiel nur Bürger eines Ortes werden, wenn der Ort dies für gut befand, weil der Handwerk dort gebraucht wurde. Wenn es schon fünf Schneider gab, wurde kein sechster genommen. Als Anreiz für Handwerker wurden auch Zuwendungen in Aussicht gestellt, zum Beispiel wenn der Handwerker krank wurde oder für seine Witwe“, erklärt Stadtarchivarin Irma Wiedemann.

Dass die Stadt Pfarrkirchen noch fast lückenlose Stiftungsdokumente seit etwa 1600 im Archiv hat, sei schon fast einzigartig und stelle ein Paradies für Heimat- und Familienforscher dar. „Es wird in den Dokumenten alles detailliert aufgeführt bis hin zum letzten Kreuzer und auch, welche Krankheiten ein Mensch hatte und welche Zuwendungen die Menschen damals erhielten“, berichtet Wiedemann.

Bevor die Stiftungen aufgrund der Inflation viel Werte verloren, waren sie durchaus wohlhabend, weiß Wiedemann: „Sie verliehen auch Geld, Banken gab es damals ja noch nicht.“ Stiftungszwecke waren meist die Versorgung armer, alter und kranker Bürger oder die Bildung armer Kinder. Heute ist die Vereinigte Stiftung auf rein mildtätige Leistungen, vor allem für arme und ältere Menschen in der Stadt ausgerichtet.

Was erhielten arme oder gebrechliche Bürger 1608 an besonderen Feiertagen? Dies beantwortet der Speiseplan des Heilig-Geist-Spitals: Am Neujahrstag zum Beispiel gab es morgens nach dem Gottesdienst Sudfleisch, Kraut mit Speck und Milch, abends Brot und Käse, nachts eine versottene Bratwurst mit Brotsuppe, gesäuerte Gerste, Salat mit Eiern, süße Milch. Durchaus üppig auch die Speisen an Kirchweih: „Morgens nach dem Gottesdienst eine Milchsuppe mit gebackenen Knödel Rindfleisch, eine versottene Henne, gebratenes Kraut mit Speck, Schweinefleisch mit Pfeffer, Küchl, einen halben Liter Wein und Bier genügend“

Die Vereinigte Stiftung für Wohltätigkeit ist auch 300 Jahre später noch wichtig und neben dem Sozialfond der Stadt eine Möglichkeit, arme Menschen zu unterstützen. Einen nicht unerhebliche Einnahmequelle dafür ist die Adventskalender-Aktion, „wir sind aber auch immer froh über Zuwendungen durch Spenden oder Erbschaften, ob in Geld- oder Sachwerten“, weiß Bürgermeister Wolfgang Beißmann, dass es immer Menschen wie Rentnerin Maria geben wird, die um jede Hilfe froh sind.


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