27.04.2020, 13:11 Uhr

Corona-Krise „Die Kontaktaufnahme zum Jugendamt ist in dieser Zeit eine klare Empfehlung“

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Die aktuelle Krise betrifft viele Eltern und Familien. Behörden sind allerdings wegen der Corona-Pandemie nur eingeschränkt für den Parteiverkehr erreichbar. „Das Jugendamt ist davon besonders betroffen, da sonst regulär intensiver Parteiverkehr mit persönlichen Kontakten herrscht“, informiert das Landratsam Kelheim auf Wochenblatt-Anfrage.

Landkreis Kelheim. Das persönliche Beratungsgespräch sei in vielen Bereichen des Jugendamtes, insbesondere bei den Sozialen Diensten, ein wichtiges Element und Baustein der fachlichen Arbeit. Um den staatlichen Schutzauftrag bei Kindeswohlgefährdungen weiterhin und uneingeschränkt durch das vorhandene Personal im Sozialdienst erfüllen zu können, mussten beim Jugendamt Kelheim aus Gründen der Sicherheit und des Schutzes entsprechende arbeitsorganisatorische Maßnahmen, zum Beispiel verstärkte Tätigkeiten im Home-Office, getroffen werden, so Pressesprecher Thomas Stadler.

Stadler erklärt: „Im Schnitt erhalten im Landkreis Kelheim 70 bis 80 Familien eine ambulante Jugendhilfeleistung, zum Beispiel in Form einer Sozialpädagogischen Familienhilfe. Diese Jugendhilfe wird dabei nicht von Mitarbeitern des Kreisjugendamtes Kelheim direkt erbracht, sondern in der Regel durch sozialpädagogische Fachkräfte eines freien Jugendhilfeträgers.“ Die Träger der öffentlichen und der freien Jugendhilfe „sind sich auf beiden Seiten bewusst, dass alle in einem Boot sitzen und alle Beteiligten ihr Bestes geben, um die Situation zum Wohl der Kinder und Familien im Landkreis bestmöglich zu meistern“, betont Stadler. Die Ausgestaltung der Hilfen im Einzelfall werde in Absprache mit dem Jugendamt bedarfsgerecht angepasst und die praktische Umsetzung orientiere sich maßgeblich an den Geboten und Verboten des aktuellen Infektionsgeschehens.

Die reine Anzahl der Hilfefälle im ambulanten Bereich habe sich durch die Corona-Situation bislang nicht erhöht. Doch die Arbeitsweise in der Jugendhilfe sieht derzeit etwas anders aus als sonst: „Die sozialpädagogischen Fachkräfte der freien Jugendhilfeträger fahren in der Regel zur Familie nach Hause und erbringen dort ihre pädagogische Unterstützungsleistung. Aufgrund der Corona-Situation ist es natürlich auch den Fachkräften des externen Jugendhilfeträgers nicht ohne weiteres möglich, ihre bisherige Arbeit in den Familien fortzuführen.“ Hier seien vom Jugendamt in jedem Einzelfall Absprachen mit den Leistungserbringern getroffen worden, ob eine Fortführung der Hilfeleistung aktuell sinnvoll und notwendig ist – dann aber in anderer Form (zum Beispiel telefonisch, per Videokonferenz, soziale Messenger) oder bei besonderem Bedarf ausnahmsweise durch persönlichen Kontakt im Freien unter Beachtung der nötigen Schutzvorkehrungen.

Auch angemeldete und geplante Besuche bei Familien im Landkreis seien von den Mitarbeitern des Sozialdienstes beim Jugendamt auf das absolute Minimum beschränkt worden und werden, wenn unvermeidbar, nur mit den erforderlichen Schutzvorkehrungen durchgeführt. „Durch die aktuelle Lockerung der allgemeinen Beschränkungen und Verbote bestehen im Jugendamt aktuell Überlegungen, wie die dringend erforderlichen persönlichen Beratungsgespräche nun wieder vermehrt durchgeführt werden können, natürlich unter der weiterhin strengen Beachtung der Hygiene- und Schutzvorschriften“, berichtet Stadler.

Bisher sei beim Jugendamt Kelheim eine moderate Steigerung von Meldungen zu möglichen Kindeswohlgefährdungen durch die Corona-Situation zu verzeichnen, so Stadler. Längere Schulschließungen und Ausgangsbeschränkungen können die Situation verschärfen: „Durch die lange Abwesenheit der Kinder von den Institutionen, in denen sich die Kinder üblicherweise tagsüber aufhalten (zum Beispiel Kindertagesstätten, Schulen), entstehen neue Herausforderungen für die Eltern in der tägliche Erziehungs- und Betreuungsarbeit. Die innerfamiliären Kontakte werden durch die enge räumliche Verbundenheit der Familienmitglieder zwangsläufig intensiver und bei einem weiteren Fortbestand der Beschränkungen möglicherweise auch spannungsgeladener“. Themen wie Finanznot, Arbeitslosigkeit, psychische Erkrankung oder Sucht in der Familie kommen unter Umständen erschwerend noch dazu.

„Es ist davon auszugehen, dass in dieser Ausnahmesituation auch vermehrt Kindeswohlgefährdungen nicht angezeigt werden, da die üblichen Meldewege größtenteils wegfallen“, so Stadler. Familien die dem Jugendamt bereits bekannt sind, werden auch weiter primär telefonisch betreut und Hilfsangebote bei Bedarf auch vor Ort umgesetzt. „Die Sensibilität des direkten Umfelds (Nachbarn, Bekannte, Verwandte, etc.) ist in dieser Zeit von besonders großer Bedeutung. Insgesamt haben wir schon den Eindruck, dass sowohl das Umfeld, als auch die Pädagogen, mit denen wir im telefonischen Austausch stehen, gezielt auf sich anbahnende Überlastungen reagieren und sich an das Jugendamt wenden“, berichtet das Jugendamt Kelheim.

Eltern haben zwar nun mehr Zeit für ihre Kinder und müssen sich diese Zeit, auch in Absprache mit ihren jeweiligen Arbeitgebern, entsprechend einrichten – was die Familien nicht selten auch näher zusammenrücken lasse. Neue Aufgabenfelder wie Online-Unterricht und auch die Etablierung neuer Tagesstrukturen seien aber Chance und Bürde zugleich, so das Jugendamt. Besonders die reduzierten Freizeit- und Ausgleichsmöglichkeiten aller Familienmitglieder können auch zu Spannungen und Überforderungen führen. Auch die Doppelbelastungen durch Home Office und ganztägige Kinderbetreuung stellen für viele auf Dauer ein Problem dar.

„Familien, die bereits vor den Ausgangsbeschränkungen vielfältige Problemlagen hatten, wie beengte Wohnverhältnisse, finanzielle Nöte, Sucht, psychische Krankheiten und vieles mehr, sind natürlich besonders auf Entlastung und Förderung von Kindergärten/Schulen, Beratungsstellen und nicht zuletzt der Jugendhilfe angewiesen. Diese Familien sind nun mehr auf sich allein gestellt, wobei alle Institutionen ihr Bestes geben, diese Familien weiter zu unterstützen, zu begleiten und bei Bedarf auch aktiv zu entlasten“, so Stadler. Aber es sei auch klar, dass durch die Daueranspannung es bei ohnehin belasteten Familien unter Umständen vermehrt zu Überforderungssituationen kommen kann.

Das Jugendamt Kelheim ist weiterhin uneingeschränkt telefonisch erreichbar und weiterhin bemüht, Hilfestellungen und Beratungen zu leisten und auch passende Angebote anderer Institutionen zu vermitteln. Folgende allgemeine Telefonnummern können darüber hinaus während der Corona-Krise helfen: „Nummer gegen Kummer“ für Kinder und Jugendliche unter der Telefonnummer 116111; das Elterntelefon unter der Telefonnummer 0800/ 1110550; das Hilfetelefon „Gewalt gegen Frauen“ unter der Telefonnummer 0800/ 116016 und die Telefonseelsorge unter der Nummer 0800/ 1110-111 oder -222. Eltern wird empfohlen, die Ruhe zu bewahren, sich nach Möglichkeit mit vertrauten Personen auszutauschen und sich Tipps zu holen. Auch in vielen Medien finden sich zur Zeit Anregungen, Hilfestellungen und vieles mehr. Stadler betont: „Die Kontaktaufnahme zum Jugendamt (Beratung/Vermittlung von geeigneten Hilfen) ist in dieser Zeit eine klare Empfehlung.“


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