17.11.2016, 08:09 Uhr

Mysteriös Baumers Ex-Verlobter vor Gericht: Sexuell aufgeladene Stimmung bei Domspatzen oder Missbrauch?

Der Verlobte von Maria Baumer im Interview mit dem ZDF, das in einer Kirche aufgenommen wurde Foto: ZDF / Aktenzeichen XYDer Verlobte von Maria Baumer im Interview mit dem ZDF, das in einer Kirche aufgenommen wurde Foto: ZDF / Aktenzeichen XY

Einer der mysteriösesten Fälle der vergangenen Jahre in Regensburg kommt nicht vor Gericht: Der Mord an Maria Baumer. Dafür steht ihr Ex-Verlobter nun wegen sexuellem Missbrauch vor Gericht – er soll einen zunächst 13-jährigen Domspatzen sexuell missbraucht haben.

REGENSBURG Es ist sicher einer der mysteriösesten Fälle, die es in der Region in den letzten Jahren gab – jetzt steht der Hauptverdächtige vor Gericht, jedoch wegen völlig anderer Delikte! Es ist Ende Mai 2012, als das Wochenblatt als erstes Medium berichtet, dass die Vorsitzende der Katholischen Landjugend in Bayern, Maria Baumer, verschwunden ist. Ihre Familie bittet um Hinweise, die Story, die ihr Verlobter Christian F. erzählt, klingt plausibel: Maria habe sich plötzlich verabschiedet, sie brauche eine Auszeit, ginge auf den Jakobsweg. F. wird diese Geschichte auch im November 2012 vor laufender Kamera bei Aktenzeichen XY erzählen, alle glauben ihm. Die Polizei schickte sogar Spürhunde nach Spanien auf den Jakobsweg, um nach Baumer zu suchen.

Im September 2013 fanden Pilzesammler dann die sterblichen Überreste der Maria Baumer. Sie ist mit großer Wahrscheinlichkeit Opfer eines Gewaltverbrechens geworden. Löschkalk ist auf ihrer Leiche zu finden. Die Stelle ist nicht weit entfernt, wo Christian F. zusammen mit seiner Verlobten am Tag vor ihrem Verschwinden bei einer Feier im Familienkreis zugegen war. Er wird verhaftet, gilt als Tatverdächtiger in einem Mordfall – doch die Beweise reichen nicht. Er kommt wieder frei.

Am kommenden Montag, 21. November, muss sich der 32-Jährige aber dennoch vor Gericht verantworten. Nicht etwa wegen des Tötungsdelikts, im Mordfall Baumer ermitteln die Staatsanwälte nämlich noch. Vielmehr wirft man F. vor, als zunächst 21-Jährigen einen damals 13-jährigen Jungen sexuell missbraucht zu haben. Pikant: Selbst in der gemeinsamen Wohnung, die F. mit seiner Verlobten Maria Baumer bewohnte, soll es im November 2010 zu einem sexuellen Übergriff gekommen sein. Komisch ist allerdings, dass das mögliche Opfer damals schon 17 oder 18 Jahre alt war und trotz der von der Staatsanwaltschaft als Missbrauch eingestuften Taten den Kontakt zu F. aber nie abbrach. Hatten die beiden eine Beziehung? Ist F. bisexuell? Dem Vernehmen nach wird es beim Prozess auch darum gehen, ob bei den Domspatzen ein sexuell aufgeheiztes Klima herrschte, in dem die älteren Schüler die Jüngeren verführten. Die Verteidigung wird mit Sicherheit das Thema Missbrauchskandal bei den Domspatzen einführen, um die vorgeworfenen Taten in ein anderes Licht zu tauchen.

Aufgekommen ist die Sache überhaupt erst, weil die Polizei bei ihren Ermittlungen auf F.s Festplatte mehrere Videos gefunden hatte, die auch unter 14-Jährige bei sexuellen Handlungen zeigten. Die Anklage erwähnt auch, dass F. eine sexuelle Handlung gefilmt und fotografiert haben soll, die ihn mit dem minderjährigen Domspatzen zeigte.

Verteidiger kündigt ein Rechtsgespräch an

Merkwürdig erscheint auch ein weiterer Fall, den ihm die Staatsanwaltschaft vorwirft: So soll er als Krankenpfleger im BKH eine labile Patientin kennengelernt und ihr Vertrauen erlangt haben. Im April 2014 soll er das Beruhigungsmittel Tavor in den Tee der jungen Frau gemischt und sie so sexuell gefügig gemacht haben. Die Anklage spricht von regelrechtem Stalking: 535 Mal soll er per SMS, WhatsApp und Facebook Kontakt mit der Frau aufgenommen haben, sie antwortete lediglich 33 Mal.

F.s Anwalt, der renommierte Strafverteidiger Michael Haizmann, spart nicht mit Kritik an den Ermittlungsbehörden: „Die Anklage ist ein Zufallsprodukt, man hat schlicht so lange gesucht, bis man etwas gegen meinen Mandanten gefunden hat“, so Haizmann zum Wochenblatt. „Es ist offenkundig, dass man versucht hat, das Leben des jungen Mannes auf den Kopf zu stellen. Wenn Sie das Pech hatten, in der ersten Klasse neben ihm in der Grundschule gesessen zu haben, dann wurden Sie über ihn ausgefragt.“ Man habe F. zweimal eingesperrt und habe „einen unheimlichen Ermittlungsdruck ausgebaut, der seinesgleichen sucht“, so Haizmann.

Das Landgericht hat sich auf einen Mammut-Prozess eingestellt, anberaumt sind zehn Verhandlungstage. Dem Vernehmen nach wird es aber von Seiten der Verteidigung ein Rechtsgespräch mit Gericht und Staatsanwaltschaft angestrebt.


0 Kommentare