16.08.2016, 13:59 Uhr

Thema der Woche Mehr Manieren für vegane Weltretter

Malerisch: Die Winzerer Höhen in Regensburg Foto: ceMalerisch: Die Winzerer Höhen in Regensburg Foto: ce

In seinem Thema der Woche beschäftigt sich Wochenblatt Chef-Redakteur Christian Eckl mit rüpelhaften Radfahrern und vermeintlichen Weltverbesserern.

REGENSBURG Ein Leser ruft mich an und ich nehme mir gerne Zeit. Es ist ein Mann aus Tegernheim, der Gemeinde, in der meine Eltern wohnen und der Herr, der sehr freundlich ist, ist mir sofort sympathisch. „Ich muss Ihnen etwas schildern“, sagt er zu mir. Kürzlich sei er mit seiner Frau, beide um die 80 Jahre alt, zwischen dem Dreifaltigkeitsberg und Adlersberg spazieren gegangen. „Wie das halt so ist, habe mal ich, mal sie das Wort ergriffen, wie man das halt so macht als altes Ehepaar – wir sind nebeneinander gelaufen und haben halt geredet“, sagt der Mann. „Doch dann ist uns was passiert, was meine Frau und mich sehr geärgert hat.“ Auf der Strecke, einem Feldweg bei strahlendem Sonnenschein, kamen immer wieder Mountainbiker von hinten dicht an das Paar herangefahren. „Fünf oder sechs mal sind wir sehr überrascht worden, die Mountainbike-Fahrer haben uns dann überholt.“ Schließlich sei „eine junge Dame, vielleicht Anfang 20, wiederum so dicht an uns herangefahren, dass wir erneut einen Satz zur Seite machen mussten.“ Da habe sich der Herr beklagt: „Klingeln Sie doch, dann bemerkt man, dass Sie kommen!“ Doch die Frau antwortete, sie habe gar keine Klingel. „Wissen Sie, es ist doch schön, dass auch die jungen Leute die Natur genießen. Aber wir sollten doch alle aufeinander etwas mehr Rücksicht nehmen“, sagt der Herr zu mir. Ich gebe ihm uneingeschränkt recht. Leider haben die Manieren in den letzten Jahren tendenziell eher abgenommen. Ich nehme mich da selbst nicht aus: In unserer Ellenbogen-Gesellschaft ist man gewohnt, dass andere zur Seite gehen. Man hat immer das Gefühl, wenn man selbst weicht, dann ist man der Blöde, der immer nachgibt.

Aber wenn wir es im Kleinen schon nicht fertig bringen, wie sollen wir es dann schaffen, miteinander friedlich zu leben? Eine gute Kinderstube ist die beste Medizin dagegen, dass wir eine Gesellschaft von Egoisten werden, die nicht zur Seite gehen, wenn man sich am Bürgersteig entgegen kommt. Was mir auffällt: Oft sind es gerade die, die im Bioladen einkaufen, vegan leben und sich den Fairtrade-Kaffee mit Sojamilch bestellen, die ihre gute Kinderstube vergessen. Wer auf dem Mountainbike zwei 80-jährige Ehepartner vom Feldweg verscheucht, der braucht sich nicht hinstellen und gegen schlechte Arbeitsbedingungen in Textilfabriken in Bangladesh protestieren. Der sollte mal darüber nachdenken, was er vor seiner eigenen Haustüre dafür tun kann, dass dieses Land nicht immer rauer und kälter wird. Und ach ja: Wer seinem Nachbarn in die Augen schaut beim Grüßen morgens beim aus dem Haus gehen, der hat nicht nur einen schöneren Start in den Tag – der wird auch nicht ausgerichtet vom Nachbarn. Weniger Missmut, mehr Manieren – das stünde uns gut zu Gesicht!


0 Kommentare