27.01.2016, 11:47 Uhr

Missbrauch-Skandal Vater klagt: „Domspatzen werden heute wieder zu Opfern!“

Der Buchhändler Peter Hartung war selbst bei den Domspatzen, zwei Söhne hat er dort hingeschickt. »Ich habe nur gute Erinnerungen«, sagt er heute. Foto: EcklDer Buchhändler Peter Hartung war selbst bei den Domspatzen, zwei Söhne hat er dort hingeschickt. »Ich habe nur gute Erinnerungen«, sagt er heute. Foto: Eckl

Er machte selbst Abi dort: Peter Hartung, ein bekannter Buchhändler aus Regensburg. Jetzt aber fürchtet wegen des Skandals um seine Söhne, beides ebenfalls Domspatzen. "Alle werden in einen Topf geschmissen", so sein Argument.

REGENSBURG Der Buchhändler Peter Hartung ist ein heiterer Mensch. Tief haben sich die Lachfalten in sein Gesicht gegraben, das mit der Nickelbrille ein wenig an Peter Lustig erinnert, genau, dem, der uns als Kind die Welt erklärt hat. Hartung muss derzeit vielen die Welt erklären – eine Welt, die als düster, dunkel und widerwärtig erscheint. Die Welt der Domspatzen. Denn er war selbst dort im Internat, seine zwei Söhne auch. „Jeder hat sofort das Bild: ,Ist er auch ein Opfer? Und was ist mit seinen Kindern?‘“ – für Hartung, als Vater, aber auch als Ex-Domspatz, ein sehr schwieriges Problem. Spätestens nach den letzten Schlagzeilen aber ist für Hartung das Maß voll. Denn als vor zwei Wochen der unabhängige Missbrauchsbeauftragte Ulrich Weber einen Zwischenbericht vorstellte, ging erneut ein Aufschrei durch die Republik. Ja, der Domspatzen-Skandal hat sogar Weltnachrichten produziert.

„Ich habe die zehn Jahre meiner Schulzeit als sehr positiv in Erinnerung“, sagt demgegenüber der frühere Domspatz Hartung. Missbrauch-Opfer kennt er nicht persönlich. „Auch die Erzieher und Lehrer waren klasse dort. Die waren schwer in Ordnung“, sagt Hartung. „Mir hat es gereicht, als ich einen RTL-Übertragungswagen vor dem Domspatzen-Gymnasium gesehen habe“, sagt Hartung heute. Hier geht es ihm auch um den Schutz seiner eigenen Kinder: „Früher war es positiv, wenn im Lebenslauf stand: Domspatzen. Heute muss ich Angst haben, wenn sich Tim bewirbt.“ Sein älterer Sohn hat bereits vor zwei Jahren Abitur gemacht. Auch der hatte nur die besten Erfahrungen. „Ich kann gut verstehen, dass die Vorgänge alle auf den Tisch müssen. Aber das hat doch nichts mit den Domspatzen von heute zu tun!“ Auch sein Sohn Tim, 17, ist mit beim Gespräch dabei. Er hört nachdenklich, abwägend zu. Dann formuliert er präzise, was in den Domspatzen-Schülern heute wohl vorgeht: „Uns wird es viel zu viel, vor allem auch den ganz Kleinen, die wissen teilweise ja noch gar nicht, worum es geht.“

Sein Vater Peter Hartung räumt ein, dass „in Etterzhausen ein anderer Wind wehte. Da kam immer wieder durch, dass dort draußen nicht nur Watschen verteilt wurden.“

Der Missbrauch-Beauftragte Ulrich Weber geht von etwa 230 Opfern in Etterzhausen aus. Der damalige Leiter der Einrichtung hieß Johann Meier. Bis 1992, dem Jahr, in dem er in Ruhestand ging und auch verstarb, habe ein Klima der Angst und des Sadismus geherrscht.

Doch auch wenn Hartung das schlimm findet, wehrt er sich gegen die Pauschalurteile: „Mir ist die wahnsinnig einseitige Schlagzeilen-Berichterstattung aufgestoßen. Alles wird in einen Topf geworfen: die Vorschule in Etterzhausen und später Pielenhofen, die Zeiträume, die ja von 1950 bis 1992 reichten – man hat aber den Eindruck, es wird überhaupt nicht differenziert. Und darunter haben die Schüler heute zu leiden“, findet der Ex-Domspatz. „Da wird ein Hype betrieben, der den jetzigen Schülern zugemutet wird“, sagt Hartung. „Wir müssen uns auch schützend vor die Schüler heute stellen“, findet er. Für den früheren Domkapellmeister Georg Ratzinger findet Hartung warme Worte. „Klar, er war Musiker, er hat auch mal den Klavierdeckel zugeschlagen, wenn es nicht so lief, wie er sich das vorstellte. Aber er war immer herzlich und gütig zu den Kindern.“ Ratzinger habe es, schließt Peter Hartung, „nicht verdient, jetzt so behandelt zu werden“.

KOMMENTAR

Schluss mit der Selbstgeißelung!

Ohne Frage: Was bei den Domspatzen in den 50er-, 60er- und 70er-Jahren in Regensburg geschehen ist, ist abscheulich. Ich habe selbst Interviews mit einem Mann geführt, der Anfang der 60er als kleiner Bub sexuell missbraucht wurde. Das ging mir nahe. Und auch die Prügel-Orgien in Etterzhausen waren unerträglich. Den Opfern muss Gerechtigkeit widerfahren. Aber doch nicht, indem man wieder unschuldige Kinder zu Opfern macht – nämlich die, die heute dort zur Schule gehen! Man kann zur Kirche stehen, wie man will:

Jetzt wird aufgeklärt und das ist auch gut so. Aber erstens finde ich es ziemlich niederträchtig, einen 90-jährigen alten Mann vorzuführen, nur weil er der Bruder eines Papstes ist. Und zweitens ist das, was man landläufig in der Causa Domspatzen erlebt, wie so oft in unserem Land: Wenn einmal die Geißel ausgepackt ist, dann wird sie unermüdlich geschwungen, bis das Blut spritzt. Doch wem nutzt es, wenn man die Domspatzen der Gegenwart zerstört? Niemandem – auch nicht den bedauernswerten Opfern der grausamen Vergangenheit!


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