20.01.2016, 09:45 Uhr

Interview Ein Bürgermeister bleibt standhaft – trotz Reichsbürgern und Hass-Briefen

Wenzenbachs Bürgermeister Sebastian Koch Foto: ceWenzenbachs Bürgermeister Sebastian Koch Foto: ce

Der SPD-Politiker Sebastian Koch ist seit 2014 Bürgermeister in Wenzenbach. Von Anfang an betrieb er eine offene Flüchtlingspolitik. Auch Anwürfe von Extremisten brachten ihn nicht davon ab. Ein Gespräch.

WENZENBACH Herr Koch, was hat es denn mit der Reichsflagge auf sich, die sie angeblich jeden Tag von einem Bürger vor die Nase gehisst bekommen?

Koch: Die gab es wirklich. Seit Neustem weht in Nachbars Grundstück jedoch eine Deutschlandfahne mit Banane drauf. Das ist nicht mehr ganz so schlimm, wobei ich mir natürlich auch jetzt noch einen besseren Ausblick von der Wohnung aus vorstellen könnte.

Und was ist Ihrer Ansicht nach die Botschaft?

Die kenne ich nicht. Offenbar ist der Mann schon länger als Reichsbürger aktiv.

Was? Gibt es die wirklich?

Die gibt es in der Tat. Meine Verwaltung bekommt regelmäßig Schreiben von diesen Leuten. Einer schrieb, er wolle keine Grundsteuer mehr entrichten, sondern lieber in einen Fonds einzahlen, der ausgeschüttet wird, sobald das Dritte Reich wieder aufersteht.

Nicht im Ernst, oder?

Doch, doch. Ein anderer wollte im Übrigen in seinem Personalausweis nicht deutsch, sondern germanisch bei Staatsangehörigkeit stehen haben.

Was ist die Ursache dafür?

Das weiß ich auch nicht so genau. Die meisten sind wohl einfach Verschwörungstheoretiker.

Sie sollen auch Drohbriefe erhalten haben. Kommen die von diesen Leuten?

Das glaube ich nicht. Ich glaube, die kommen von weiter her.

Warum bekommen Sie solche Post, was denken Sie?

Alles ging los, als wir vom Bayerischen Flüchtlingsrat bei seiner Lagerinventur gute Noten für unsere Flüchtlingsunterbringung bekamen. Der Jugendpfleger kümmert sich, die Nachbarn haben einen Helferkreis gegründet – darüber kann man eigentlich stolz sein. Die Freude wich aber, als Schreiben im Rathaus eingingen, in denen stand: Ich will auch eine schöne Wohnung, kümmere dich nicht nur um das ,Asylantenpack‘ oder mit dem Hinweis, für diese Herrschaften bräuchten wir keine Wohnungen, sondern eine Gaskammer.

Also richtig volksverhetzend?

Ja, das war von Anfang an hart und wiederholt sich seither in regelmäßigen Abständen. Beispiel: Wir waren auf Einladung von Donum Vitae mit Flüchtlingen auf einem Weihnachtskonzert. Das Amtsblatt berichtete. Wenige Tage später hat mir jemand eine Kartenrechnung für ein ,Unheilig‘-Konzert zugeschickt. Er wolle als anständiger Deutscher auch ein Gratiskonzert. Ärgerlich, aber mittlerweile kann ich da auf Durchzug schalten. Schließlich gehen im Rathaus nach jedem Bericht über unsere Flüchtlingsarbeit Schreiben dieser Art ein. Ein Absender verwendet sogar ,SS‘-Runen in seinen Briefen und adressiert diese stets an den ,Asylanten-Oberbürgermeister‘.

Sind das Randerscheinungen, oder geht das bis in die Mitte der Gesellschaft?

Hass ist wieder gesellschaftsfähig geworden. Früher habe ich mich im Geschichtsunterricht gefragt, wie Hitler und seine dumpfsinnige Bande in den 30ern innerhalb kurzer Zeit gesellschaftsfähig werden konnten. Ich will Deutschland 2016 nicht mit dem von 1933 vergleichen. Ich merke aber, dass immer mehr Bürger ins Extreme abdriften. Der Unterschied zu früher ist aber, dass heute neben Hass auch Liebe und Mitmenschlichkeit gesellschaftsfähig sind. Ich bin davon begeistert, wie viele Menschen in Wenzenbach sich für die Flüchtlinge einsetzen. Die positiven Eindrücke überwiegen und dürfen nicht ausgeblendet werden.

Was kann man denn gegen den Hass tun?

Bei uns werden die Flüchtlinge der Dorfgemeinschaft persönlich vorgestellt. Zum Beispiel haben wir mit den Oberpflälzer Volksmusikfreunden eine multikulturelle Sitzweil gemacht: ,Heit gib’s a Rehragout‘ und orientalische Klänge an einem Abend – eine tolle Mischung! Durch so was wird deutlich, dass hinter den ganzen Flüchtlingszahlen Menschen und ihr Schicksal stehen. Ferner verweise ich gegenüber Bürgern stets darauf, dass Flucht an sich nicht kriminell, sondern in vielen Fällen menschlich nachvollziehbar ist. Natürlich gibt es nur begrenzt Aufnahmekapazitäten, aber es gibt gerade auch im Winter die sittliche Verpflichtung dazu, an unseren Landesgrenzen niemanden erfrieren zu lassen. Das gehört auch zur Bewahrung des christlichen Abendlandes.

Apropos Grenzen: Teilen Sie die Meinung von OB Joachim Wolbergs, dass wir es schaffen, 300.000 Menschen im Jahr aufzunehmen und zu integrieren, mehr aber nicht?

Obergrenzen sind Unsinn. Man kann Flucht nicht bekämpfen, sondern nur Fluchtursachen. Wir geben derzeit 0,4 Prozent des BIPs für Entwicklungshilfe aus. Nach einer EU-Vereinbarung müssten es 0,8 sein. Und: Wir diskutieren zu viel darüber, wie wir die Leute wieder losbekommen. Wir müssen uns damit abfinden, dass viele dauerhaft bleiben werden. Wenn jetzt auf Merkels Satz ,Wir schaffen das‘ geschimpft wird, frage ich mich, was soll sie als Kanzlerin sonst sagen? Es war richtig, Zuversicht zu vermitteln. So langsam muss die Regierung aber nachlegen, weil sonst große Probleme auf dem Wohnungs- und Arbeitsmarkt auf uns zukommen werden.

Sie unterstützen also Merkel? Ist sie ihre Kanzlerin?

Beim Thema Asyl unterstütze ich sie, weil es in Krisen nicht auf die Partei ankommt.

Vielen Dank.


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