20.04.2017, 09:25 Uhr

Bildung, Arbeit, Integration: Fachtag „Bildung für Neuzugewanderte“ in Aschau

Foto: Landratsamt MühldorfFoto: Landratsamt Mühldorf

Neue Wege zur Integration im Landkreis Mühldorf a. Inn. Bildung ist der Schlüssel zu einer guten Integration.

ASCHAU „Ich wurde gefragt: möchtest Du wieder in die Türkei zurückgehen? Und ich war einfach fassungslos. Das ist genau so absurd wie wenn ich zurückfragen würde: Wann möchtest Du nach China gehen?“ – mit diesen nachdenklichen und provokanten Worten brachte eine in Deutschland geborene junge Frau mit türkischen Wurzeln das Unverständnis anderer gegenüber ihrer Identität auf den Punkt, das ihr schon oft wiederfahren ist. In einem kurzen Einspielfilm mit dem Titel „Zwischen Welten“ schilderten junge Frauen, die aus verschiedenen Kulturen kommen, ihre Herausforderungen in Deutschland. Alle jedoch haben Eines gemeinsam: Sie sind sich einig darüber, dass Bildung der Schlüssel zu einer guten Integration ist.

Damit das gelingt und Schwierigkeiten sowie Herausforderungen gemeinsam bewältigt werden können, veranstaltete der Landkreis Mühldorf a. Inn mit der Stabsstelle „Lernen vor Ort“ am Landratsamt einen Fachtag „Bildung für Neuzugewanderte gemeinsam gestalten – Neue Wege zur Integration im Landkreis Mühldorf a. Inn“, der im Tagungshotel Don Bosco in Waldwinkel stattfand. Die von Regina Mösmang, Bildungskoordinatorin für Neuzugewanderte am Landratsamt moderierte Veranstaltung war gut besucht: rund 70 Gäste aus den Bereichen Politik und Bildung, wie Vertreter der Schulen, der Bildungsträger, der Kammern, der Wohlfahrtsverbände sowie Netzwerkpartner, folgten der Einladung von „Lernen vor Ort“. In seiner Begrüßung erklärte Landrat Georg Huber die Herausforderung, der insbesondere junge Menschen mit Migrationshintergrund gegenüberstehen: „Wir alle wachsen in bestimmten Kulturen mit eigenen Werten und Konventionen auf. Es ist für junge Menschen oft schwer, hier eigene Wege zu gehen. Außerdem müssen wir berücksichtigen: Neuzugewanderte sind keine homogene Gruppe, jeder Mensch ist individuell mit eigenen Sorgen und auch Wünschen. Gerade hier muss unsere Integrationsarbeit ansetzen.“ Im Landkreis Mühldorf leben derzeit rund 1.300 Personen mit Fluchthintergrund, 76 Prozent davon sind unter 30 Jahren, so dass all diese Menschen noch eine lange Bildungsbiographie bzw. ein ganzes Arbeitsleben vor sich haben. Das biete wiederum laut Landrat Georg Huber eine große Chance, denn besonders in den kleinen und mittelständischen Unternehmen und Handwerksbetrieben würden händeringend Nachwuchskräfte gesucht: Allein im Landkreis Mühldorf blieben im vergangenen Jahr nach einer Statistik der Agentur für Arbeit mehr als 90 Ausbildungsstellen unbesetzt. Landrat Georg Huber dankte dabei den Grund- und Mittelschulen für die Einrichtung der Übergangsklassen, den Berufsschulen für die Beschulung der berufsschulpflichtigen Asylbewerber, die beispielhaft sei und in Kooperation mit dem Berufsbildungswerk Waldwinkel bestens funktioniere, den Asylsozialarbeitern, den Bemühungen der Kammern, der Unternehmen, der Agentur für Arbeit und des Jobcenters, die „trotz so mancher Hürden intensiv daran arbeiten, die jungen Menschen in Ausbildungs- und Arbeitsverhältnisse zu integrieren“, sowie den vielen ehrenamtlichen Helferinnen und Helfern.

Peter Konietzko, Leiter Berufsvorbereitung beim Berufsbildungswerk Waldwinkel, dankte ebenfalls allen Beteiligten und ließ die vergangen Jahre Revue passieren mit den Worten: „Wir sind mit viel Energie an die Sache rangegangen, aber es war nicht einfach. Man muss ehrlicherweise sagen: nicht immer gelingt die Integration, aber wir können insgesamt sehr gute und positive Ergebnisse vorweisen.“

Den Hauptvortrag, bevor es in die vier verschiedenen Workshops ging, hielt Dr. Tilly Lex, ehemalige stellvertretende Leitung von „Übergänge im Jugendalter“ am Deutschen Jugendinstitut in München. Die Jugendforscherin gab eine gute Übersicht über die Ausgangslage, über Rechtsgrundlagen bis hin zu aktuellen zentralen Herausforderungen. Sie stellte fest, dass sich die Asyl-Erst- und Folgeanträge von Kindern und jungen Erwachsenen ab 2012 bis 2014 jeweils verdoppelt haben und es aktuell über 10.000 geförderte Schülerinnen und Schüler in Bayern gibt. Die Anforderungen an Schulen und Lehrkräfte ergeben sich laut Lex insbesondere an der kulturellen Prägung, die ein besonderes Verständnis für interkulturelle Kompetenz erfordere. Mit Stand Februar 2017 seien über 1.100 Berufsintegrations- und Sprachlernklassen eingerichtet worden. Auch nannte sie die betriebliche Ausbildung junger neuzugewanderter Menschen als eine große Chance, dem prognostizierten Fachkräftemangel zu begegnen. Vier zentralen Herausforderungen gelte es laut Dr. Tilly Lex zu begegnen: Die Lösung von Kapazitätsproblemen im Ausbilder- und Lehrerbereich, der Abbau von Zugangsbeschränkungen zur Bildung, die Entwicklung von Förderkonzepten sowie die Vernetzung und Koordinierung der Angebote.

In den anschließenden Workshops wurden von den Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Fachtags Antworten auf Fragen erarbeitet, wie „Welchen Beitrag leistet die Schule zur Integration?“, „Welche Unterstützungsangebote brauchen wir vor und während der Ausbildung?“, „Auf welchen Wegen finden Unternehmen und Neuzugewanderte zueinander?“

Als wichtigste Aufgabe der Schulen, sehen die Teilnehmer die Vermittlung der Deutschen Sprache, die als Schlüssel zu einer weiteren Integration bezeichnet werden kann. Hierbei sind besonders das Engagement und die Kreativität der Lehrkräfte gefragt. Weiterhin wünschen sich die Teilnehmer des Workshops mehr Möglichkeiten für den Übertritt von den Übergangsklassen an Realschulen und Gymnasien.

Im Bereich der Ausbildung- und Arbeitsverhältnisse wird der Bedarf von den Teilnehmern der Workshops vor allem bei einer stärkeren berufsbezogenen Sprachförderung gesehen. Außerdem brauche es vor allem auch eine pädagogische Unterstützung für junge Auszubildende und eine stabilisierende Begleitung der Arbeitsverhältnisse sowie eine Förderung der interkulturellen Kompetenzen auf beiden Seiten. Als positiv stellten die Teilnehmer aber auch heraus, dass die Motivation und Arbeitsmoral vieler Geflüchteter als sehr hoch anzusehen ist.

Neben all den thematischen Inputs und Workshops bot die Veranstaltung auch einen Rahmen zur Vernetzung und zum Austausch aller beteiligten Akteure, wodurch bestehende und zukünftige Kooperationen gefestigt werden konnten.


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