18.06.2015, 19:58 Uhr

Verfahren eingestellt Asylbewerber von Polizist angeschossen: "Aus meiner Sicht völlig richtig reagiert"

Foto: FDFoto: FD

Im November letzten Jahres wurde ein Asylbewerber in Dingolfing von einem Polizisten niedergeschossen.

DINGOLFING Das dramatische Geschehen vom 14. November letzten Jahres vor dem Döner-Imbiss in der Dingolfinger Bruckstraße, bei dem ein Polizeibeamter einen Schuss aus seiner Dienstwaffe einen in Reisbach untergebrachten syrischen Asylbewerber (40) am Oberschenkel verletzte, wurde jetzt strafrechtlich unspektakulär abgeschlossen: Das Verfahren gegen den Syrer wegen Bedrohung wurde von Strafrichter Alfred Zimmerer eingestellt. 

Aber auch dem Polizeibeamten gegenüber ließ er keine Zweifel: „Aus meiner Sicht haben Sie völlig richtig reagiert, der Schusswaffengebrauch war absolut gerechtfertigt.” Das war ein deutlicher Wink in Richtung Landshuter Staatsanwaltschaft, die Ermittlungen gegen den 51-jährigen Polizisten abzuschließen und das Verfahren einzustellen.

Verhandelt wurde allerdings gegen den Asylbewerber, der am 14. November letzten Jahres aus unerfindlichen Gründen ein Werbeschild des „Bay Döner” zerschlug und damit einen Sachschaden von gut 100 Euro verursachte. Als ihn der 57-jährige Arbeiter Alcan Ö., dessen Tochter den Imbiss betreibt, zur Rede stellte, ging der Syrer auf ihn zu und warf zwei Stöcke, die in der Hand hatte, auf den 57-Jährigen, um sich dann zunächst aus dem Staub zu machen.

Die Imbissbetreiberin (28) verständige wegen der Sachbeschädigung die Polizei. Wenige Minuten später waren ein 51-jähriger Beamter und seine 23-jährige Kollegin vor Ort. Als sie gerade dabei waren, die Beschädigungen am Reklameschild zu fotografieren, nahm das Drama seinen Lauf.

Laut der von Staatsanwältin Barbara Keimel vertretenen Anklage kam der Asylbewerber schreiend zurück und lief mit erhobener Faust, in der er ein Küchenmesser mit einer Klingenlänge von 20 Zentimeter hielt („So, dass er von oben nach unten stechen hätte können”) auf den Polizeibeamten bis auf einen Abstand von zwei Meter zu.

Der Beamte, so die Anklage weiter, habe die Drohung mit dem Messer ernst genommen, um sein Leben gefürchtet. Er habe den Asylbewerber noch aufgefordert, stehen zu bleiben und das Messer wegzuwerfen. Da er der Aufforderung nicht nachgekommen sei, habe der Polizist einen Schuss abgegeben, der den 40-Jährigen am Bein traf.

Wegen Sachbeschädigung in Tatmehrheit mit versuchter Körperverletzung zum Nachteil des türkischen Arbeiters sowie wegen Bedrohung - was die Attacke gegen den Polizisten betraf - landete der Asylbewerber auf der Anklagebank, wo er sich zur Anklage im Einvernehmen mit seinem Verteidiger Johann Kohlschmidt nicht äußerte.

Der türkische Arbeiter machte deutlich, dass er sich von dem Syrer nicht angegriffen gefühlt habe: „Stöcke, die er in der Hand hatte, warf er auf den Boden, er wollte mich wahrscheinlich nur erschrecken.” Was dann die dramatischen Szenen mit dem Polizeibeamten betraf, erinnerte er sich, dass der Asylbewerber mehrfach aufgefordert worden sei: „Stopp!“ Er sei zunächst an dem Polizisten vorbeigelaufen, habe sich dann umgedreht und einen Schritt auf den Beamten zu gemacht: „Das war schon bedrohlich, der Polizist hat recht gehabt, zu schießen”, kommentierte der 57-Jährige seine Sicht der Dinge. Seine Tochter bestätigte weitgehend seine Schilderung.

Die Streifenbeamtin bekundete, dass sie sich in der Nähe des Dienstfahrzeugs aufgehalten ihren Kollegen noch gewarnt habe, als der Syrer mit dem Messer in der erhobenen Hand auf ihren Kollegen zugelaufen sei. Trotz der „Stopp”-Rufe sei der 40-Jährige zunächst an ihm vorbeigelaufen, habe sich dann umgedreht und herumgefuchtelt. „Es warf eine Bedrohungssituation”, gab sich die 23-Jährige überzeugt. 

Der Polizeibeamte, der seit dem Vorfall traumatisiert und dienstunfähig ist, erinnerte sich nicht mehr an alle Details. „Irgendwann habe ich ihn gesehen, er hat sich in meine Richtung bewegt und in der Hand habe ich das Messer gesehen.” Zunächst sei der Syrer zielstrebig an ihm vorbei. „Ich habe ihn angeschrien, dass er das Messer fallen lassen soll, da hat er mich wahrgenommen und sich umgedreht. „Da habe ich ihn nochmals aufgefordert, das Messer wegzuwerfen, statt dessen ist er auf mich zugegangen: Ich habe nur noch seine Augen und das Messer gesehen. Dann habe ich abgedrückt...” Das alles habe sich in Sekunden abgespielt. „Als er am Boden saß, hat er mich noch angeschrien und mit der Hand auf seine Brust geschlagen, quasi als Aufforderung, noch einmal zu schießen.” Er habe den 40-Jährigen als sehr aggressiv eingeschätzt. Froh sei er gewesen, so der Beamte, als er danach wieder seine Kollegin „auf dem Radar” gehabt und festgestellt habe, dass ihr nichts passiert sei. 

Er selbst habe heute noch psychische Probleme und wolle etwas los werden, so der 51-Jährige: „Ich war mir sicher, dass er mit dem Messer auf mich einstechen will. Blitzartig sind mir meine zwei Töchter durch den Sinn geschossen und dann: Wenn du nichts tust... Ich hätte es gerne anders gelöst, aber er hat mir keine Chance gegeben.” Betroffen sei er angesichts der gegen ihn eingeleiteten Ermittlungen durch die Staatsanwaltschaft. Strafrichter Zimmerer machte dem Polizeibeamten Mut: „Aus meiner Sicht trifft sie Null Vorwurf.”

Allerdings sei es aus strafrechtlicher Sicht schwierig, den Asylbewerber strafrechtlich zu belangen. Die versuchte Körperverletzung sei nach der Aussage des türkischen Arbeiters vom Tisch und eine Verurteilung wegen Bedrohung setze eine Drohung mit einem Verbrechen voraus: „Da müsste ihm nachgewiesen werden, dass er bewusst gedroht habe, den Beamten zu erstechen. Dafür reicht aber die Beweislage nicht aus.” Dem Vorschlag von Strafrichter Zimmerer, das Verfahren deshalb einzustellen, stimmten die Prozessbeteiligten schließlich zu. 


0 Kommentare