10.05.2012, 11:11 Uhr

Urspiel Was Kinder heute wirklich brauchen

"Urspiel – Was Kinder heute wirklich brauchen." Zu diesem Thema veranstaltete der Waldkindergarten Bernried einen Informationsabend in der Stadtbücherei Deggendorf.

DEGGENDORF Referent Rudolf Hettich zog mit seinem Fachvortrag mehr als 30 Interessierte, Pädagogen und Eltern über eineinhalb Stunden in seinen Bann.

Hettich ist Umweltpädagoge, NaturSpielRaumPlaner, Spieltherapeut und leidenschaftlicher Naturfotograf. Neben dem Fachverlag für Pädagogik und Natur leitet er die freie Bildungseinrichtung GNU (Gesellschaft für Natur- und Umwelterziehung e.V.) und die Naturgarten Schule. Für zahlreiche Kindergärten gestaltete er bereits kindgerechte Grünflächen.

Sein Thema ist das Urspiel der Kinder und die Spuren, die sie dabei in freier, unveränderter Natur hinterlassen. Anhand eindrucksvoller Bilder von Kindern konstruierter Häuschen aus Holz und Stein zeigt Hettich auf, wie wichtig Urspiel für unsere Kinder heute ist. Er weist auf die „ordentlich“ gehaltenen Vorgärten und Spielplätze hin, deren Nutzung Kindern immer gleiche und stupide Bewegungsabläufe abverlangt. Platz für Kreativität und individuelles Experimentieren mit Elementen, wie Erde und Wasser ist an Orten wie diesen nicht mehr gegeben, meint Hettich. „Dabei wird in der Natur ein Ort als ordentlich definiert, an dem eine reiche Vielfalt an Pflanzen und Tieren im Einklang leben, an dem alles im Fluss ist, frei von menschlicher Einwirkung.“

Er bezieht sich in seinem Vortrag zudem auf die KIM-Studie 2011, die regelmäßig verlässliche Daten zur Rolle der Medien im Alltag von Kindern liefert. Die Befragungen von Eltern und Kindern zeigen auf, dass im Schnitt ein zweijähriges Kind bis zu vier Stunden pro Tag fernsieht. Laut Hettich benötigen diese Kinder umso mehr Zeit zum Spielen in Wald und Wiese, um die erlangten, oft nicht kindgerechten Eindrücke wieder verarbeiten zu können.

„Kinder sind die Experten des Spiels und die größten Wissenschaftler. Wir Erwachsene müssen ihnen den Raum ermöglichen, werte- und urteilsfrei spielen zu können!“ Und damit meint Hettich nicht das Spielen mit Plastiksteinen in einem Zimmer, sondern das Spielen im Wald, mit Natur belassenem Material.

Zeitgleich rückt Rudolf Hettich die vielen Vorteile des Spielens in freier Natur in den Vordergrund. Ein Kind kann seinen elementaren Bewegungsdrang grenzenlos ausleben, sich motorisch frei entfalten und sich altersgerecht entwickeln. Und wenn man berücksichtigt, dass laut Hettich mehr als 1000 Muskeln entwickelt sein müssen, um das Sprechen zu beherrschen, nimmt die Rolle der Bewegung in der Sprachentwicklung eines Kindes einen hohen Stellenwert ein. Dabei bemerkt er aber, dass Eltern so spät wie möglich an Gerätschaften, wie das Laufrad heranführen sollten. Denn durch deren Anwendung bleibt die Überkreuz-Bewegung der Arme aus, die für das Arbeiten beider Gehirnhälften so ausschlaggebend ist, da der Oberkörper durch die Bedienung des Lenkers weitestgehend steif bleibt.

Aber auch die Kreativität, das Sozialverhalten und die Eigenwahrnehmung werden im Urspiel in hohem Maße angesprochen. Aus seinen Beobachtungen heraus bestätigt der Umweltpädagoge, dass eine Gruppe von elf Kindern im Alter von vier bis ef Jahren ohne jegliche Aufsicht durch Erwachsene über Stunden hinweg gefahrlos spielen kann.

„Wir Erwachsene können nicht mehr wertefrei spielen und sind diesbezüglich keine guten Vorbilder für unsere Kinder. Kinder brauchen Kinder, um richtig spielen zu können und da müssen sich die Erwachsenen zwingen, auch einmal wegzusehen!“

Zusammenfassend sollten wir uns als Eltern, Lehrkräfte und Pädagogen im Klaren sein, was wir als „Spielen“ definieren und wie viel Raum wir unseren Kindern zum Spielen geben. Jedes Kind erfreut sich über einen längeren Zeitraum mehr an einem Fleckchen im Garten, an dem es uneingeschränkt graben, bauen, matschen und mit Werkzeug und Brettern konstruieren kann, als an der kurzlebigen Nutzung eines neuen Plastikautos oder einer Puppenküche.

„Urspiel ist kein Kinderkram, keine nutzlose Zeitverschwendung, sondern die Befriedigung urmenschlicher Bedürfnisse.“ Rudolf Hettich (Auszug aus dem Buch „Spielplätze für Kinderseelen“)


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