28.12.2019, 11:00 Uhr

Von Regensburg nach Nicaragua Fünf Jahre im Krater des Vulkans – „Bombas“ zur „Stillen Nacht“


Inmitten tropischer Schönheit gibt es für die Auswandererin Isabell Fincke kein Weihnachtsfeeling. Die Regensburgerin lebt seit fünf Jahren an einem Kratersee im Naturreservat Laguna de Apoyo in Nicaragua.

REGENSBURG „Weihnachten ist hier kein Fest der ‚Stillen Nacht‘. Geisterglauben und christliche Religiosität sind hier vermengt. Zur Feier von Heiligen oder zum Ausdruck von Freude werden dann unentwegt ‚Bombas‘ gezündet. Das sind große Konservendosen, die mit einem explosiven Material gefüllt sind und das klingt dann tatsächlich überall wie Gewehrsalven oder Bombenexplosionen – tags wie nachts. Man hat das Gefühl, man sei wieder im Bürgerkrieg“, berichtet Isabell Fincke über die „besinnlichen Feiertage“. Die Regensburgerin ist vor fünf Jahren mit ihrem Mann nach Nicaragua ausgewandert und betreibt an einem traumhaften See Ferienhäuser. Von daher ist das deutsche Weihnachten für sie schon längst kein Anlass mehr zum Feiern und Ausruhen, sondern zum Arbeiten, denn dann ist Hauptsaison.

Warum ausgerechnet Nicaragua? „Wir wollten nicht ‚auswandern‘. Wollten auch keine Immobilie, die man über eine Distanz von 10.000 Kilometern mit viel organisatorischem Aufwand ‚fern-pflegen‘ muss“, erinnert sich Isabell. Und hätte man ihr vermutlich auch nur eine Woche, bevor sie 2014 spontan nach Nicaragua reiste, gesagt, dass sie wenig später in diesem zentralamerikanischen Land „bauen“ und auch „leben“ würde, dann hätte sie es lachend von sich gewiesen. Und dann kam alles anders. Das Naturreservat Laguna de Apoyo, ein kreisrunder Kratersee im Herzen eines erloschenen Vulkans, zog die reiselustige Regensburgerin innerhalb weniger Tage in seinen Bann. Ein erschwingliches Grundstück, nette, hilfreiche Nachbarn, tropische Fauna und Flora, das kristallklare Wasser der Laguna … und es war um sie geschehen. Diese Passion trug sie lange beim Überspringen der manchmal unendlich scheinenden bürokratischen Hürden – beim Grundstückskauf, dem Häuserbau, der Firmengründung. Sie kam an ihre Grenzen, aber irgendwann war es geschafft. „Der anstrengende Prozess hat mich auch verändert. Vielleicht hat sich ein bisschen von der Europäerin abgeschliffen, und haben sich ein paar ‚Nica-Gene‘ eingeschlichen. Von der ‚Ausländerin‘ bin ich zur ‚Nachbarin‘ aufgestiegen“, freut sich Isabell. Überzogene Preise, die für die „Ausländer“ galten, haben sich halbiert. „Vermutlich war es bei vielen Einheimischen die Erkenntnis, dass die ‚Gringa‘ auch nur mit Wasser kocht und ein älteres Handy benutzt als der Nica, der stolz seine beide Smartphones aus der Tasche zieht“, witzelt Isabell.

Exotische Tierwelt fasziniert das Regensburger Stadtkind

Nach eineinhalb Jahren standen drei Häuser, der neu strukturierte tropische Garten mit vielen exotischen Früchten gedieh. Die Firma war gegründet und die Werkstatt eingerichtet. In Granada fand das Paar ein kleines Ladenlokal mitten im Herzen der kolonialen Fußgängerzone, in der sie außergewöhnliche Möbel verkaufen wollten. Aber nun ging es eigentlich erst richtig los. Der Laden musste mit Prototypen gefüllt werden. Das hieß nächtelanges Zeichnen, an Formen tüfteln, auf den Märkten geeignete Materialien suchen, um Preise feilschen, möglichst vielseitig versierte Mitarbeiter akquirieren und dann: gemeinsam den allerersten Stuhl bauen.

Der Moment der Ladeneröffnung in Granada war für das Paar unsagbar aufregend. Die bunte Palette unterschiedlichster Stühle, Liegen, Lampen und Dekorationsgegenstände erfüllte das kleine Team mit Stolz. Jeder Kunde im Laden ließ ihre Herzen schneller schlagen. Erst lief der Verkauf jedoch zäh. Zwei Aspekte hatten die Auswanderer nicht ausreichend bedacht: Touristen hätten gern größere Stücke gekauft, allein der Transport im Flugzeug als Sperrgepäck erwies sich als zu kompliziert. Ein Versenden in das Heimatland aber hätte unverhältnismäßig viel gekostet. „Und doch, aller Anfangsschwierigkeiten zum Trotz. Auf einmal hatten wir Hotel- und Gastronomiekunden, die gleich große Stückzahlen orderten“, berichtet Isabell. Das Team vergrößerte sich, teilweise arbeiteten alle bis in die Nacht hinein. Als auch noch eine Kundin aus New York mit den ungewöhnlichen Möbeln einen Pop-up-Shop eröffnen wollten, konnte das Team sein Glück kaum fassen.

Und plötzlich: politisches Chaos. Von einem Tag auf den anderen brannten Autoreifen. Protestierende blockierten Straßen und Zufahrtswege. Aus dem zwölf Jahre lang ruhigen Land schien plötzlich wieder das unberechenbare Bürgerkriegsland geworden zu sein. Entzündet hatte sich die Lage an aus Sicht der Europäer vergleichsweise „üblichen“ sozialen Kürzungen beziehungsweise Teuerungsraten. Vier Monate herrschten an Brennpunkt-Orten bürgerkriegsähnliche Zustände mit hunderten Toten und tausenden Verletzten. Aufgrund der Straßensperren gelangten Berufstätige nicht mehr zur Arbeit, Touristen verließen das Land. „Unser Ladenlokal existiert nicht mehr. Nach den Unruhen blieb nur noch eine Ruine. Die Werkstatt mussten wir schließen, um der Forderung von Protestanten zu entgehen, in der Schlosserei Waffen zu schmieden. Entsetzt hat mich während dieser Zeit die Erkenntnis, wie abrupt sich politische und ökonomische Vorzeichen ändern können“, berichtet Isabell traurig. Ihrer beruflichen Existenz war plötzlich jegliche Grundlage entzogen. Erschöpft und deprimiert begann das Paar nach dem Abebben der Unruhen im Juli 2018 mit dem Wiederaufbau.

Wieder nach Deutschland zurückzukehren? Das war bislang keine Option für das Paar. Denn die Warmherzigkeit der Menschen hat die „Expats“ tief berührt. „Hier kommen hilfsbereite Nachbarn sofort mit der Machete gelaufen, kaum hat sich rumgesprochen, dass ein umgestürzter Baum fast das neue Haus der ‚Extranjeros‘ unter sich begraben hätte“, erinnert sich die 52-Jährige. Für eine nächtliche Fahrt mit einem kranken Kind ins Krankenhaus bekam sie noch monatelang ihr Leibgericht, Milchreis mit echter Vanille und ganzen Zimtstangen, gekocht.

Manchmal gibt es auch exotischen Besuch: „Direkt neben meiner Hängematte schlängelte sich eines Morgens eine Anakonda, sie hielt inne, schaute mich an und glitt seltsam langsam durch raschelndes Laub irgendwohin in unseren Garten“, erzählt Isabell. Ein befreundeter Schweizer zeigte ihr in der paradiesischen Lagune den ersten Ameisenbären ihres Lebens. „Für ein Regensburger Stadtkind sind das kleine tierische Sensationen.“ Und da ist noch Isabellas Amazon-Papageiendame „Apple“, die sich vertrauensvoll rücklings in ihrem Schoss liegend am Bauch kraulen lässt. Das Leben in Nicaragua ist eben auch eine äußerst sinnliche Erfahrung. „Ich kann mich nicht erinnern, in Deutschland je tagtäglich so heftige emotionale Wechselspiele erlebt zu haben“, so Isabell.

Nicaragua ist wieder herausgeputzt, der staatliche Tourismusverband buhlt um Kunden. Wenn Isabell Fincke nun in Regensburg, ihrer alten Heimat zu Besuch ist, lässt sie sich von der „trachten-prallen ‚Mia san mia‘-Mentalität tragen“. Ob sie hier die „heile Welt“ schätzt? „Was ich in Nicaragua gelernt habe: Wohlstand ist fragil. Menschlichkeit ist das, was zufrieden macht. Ein einfacheres Leben, ganzjährig unter freiem Himmel, körperlich und nervlich den unplanbaren täglichen Herausforderungen trotzen und danach angenehm ermattet im Schaukelstuhl sitzen.“ Vielleicht ist das ein Wunsch, den man sich für das neue Jahr auch hierzulande vornehmen sollte.


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