22.01.2019, 18:25 Uhr

Provenienzforschung Suche nach Nazi-Raubkunst in der Ostdeutschen Galerie beginnt

Die neue Mitarbeiterin für Provenienzforschung, Natascha Mazur M.A., übernahm im Dezember 2018 ihr Aufgabengebiet. (Foto: KOG)Die neue Mitarbeiterin für Provenienzforschung, Natascha Mazur M.A., übernahm im Dezember 2018 ihr Aufgabengebiet. (Foto: KOG)

Das Kunstforum Ostdeutsche Galerie startet eine systematische Erforschung der Provenienz seiner Sammlung. Das vom Deutschen Zentrum Kulturgutverluste geförderte Projekt, das zusätzlich von der Landestelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern unterstützt wird, soll die Geschichte der Bestände zu Tage bringen und mittels Forschung Aufschluss über ihre Herkunft geben. Die Stelle ist zunächst auf ein Jahr befristet mit einer Perspektive auf Verlängerung. Die neue Mitarbeiterin für Provenienzforschung, Natascha Mazur M.A., übernahm im Dezember 2018 ihr Aufgabengebiet.

REGENSBURG Jedes einzelne Kunstwerk hat seine individuelle Objektbiografie - vom Entstehungszeitpunkt bis zum heutigen Tag. Dazwischen können viele unterschiedliche Stationen liegen. Diese herauszufinden und möglichst lückenlos zu dokumentieren ist Hauptaufgabe der Provenienzforschung. „Auf der Rückseite von Gemälden lassen sich oftmals Provenienzmerkmale finden. Stempel, Aufkleber und Beschriftungen können Aufschluss über die Vergangenheit des Werks geben. In Kombination mit Informationen aus Archivbeständen, Literatur, Kaufverträgen oder Auktionskatalogen lässt sich im Optimalfall eine Provenienzkette rekonstruieren, also eine möglichst komplette Darstellung der Besitzverhältnisse des Kunstwerks,“ beschreibt Natascha Mazur M.A., Provenienzforscherin am Kunstforum Ostdeutsche Galerie, ihr Aufgabengebiet. Erschwert wird das Rückverfolgen der Geschichte eines Kunstwerks durch die unzulängliche Quellenlage, bedingt durch Kriegsverluste und die große Zeitspanne seit Entstehung. Doch auch wenn nicht alle Fälle gänzlich aufgeklärt werden können, bringt die Forschung vertiefende Erkenntnisse zur Sammlungsgeschichte von Institutionen und zur Kulturgeschichte allgemein.

Ein großes Augenmerk liegt insbesondere auf dem Zeitraum 1933 bis 1945, da während der Zeit des Nationalsozialismus unzählige Kulturgüter geraubt und enteignet wurden und sich heute nicht mehr im Besitz ihrer rechtmäßigen Eigentümer und deren Erben befinden. Durch die 1998 verabschiedete ,Washingtoner Erklärung‘ haben sich insgesamt 44 Staaten dazu verpflichtet aktiv NS-verfolgungsbedingt entzogene Raubgüter ausfindig zu machen und „faire und gerechte Lösungen“ zur Rückgabe dieser Kulturgüter zu finden. Im November 2018 jährte sich die ,Washingtoner Erklärung‘ zum 20. Mal. In Zuge dessen bekräftigte Kulturstaatsministerin Monika Grütters Deutschlands Bemühungen um die Provenienzforschung und versprach diese weiter zu intensivieren.

Dank der Förderung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste und weitere Unterstützung durch die Landestelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern kann das Kunstforum Ostdeutsche Galerie den bisher nur in akuten Einzelfällen betriebenen Provenienznachweis systematisch angehen. Erforscht werden zunächst rund 100 Gemälde aus dem Bestand, die Provenienzlücken im Zeitraum zwischen 1933 und 1945 aufweisen und vor 1946 entstanden sind. „Um die Errichtung der Stelle für Provenienzforschung haben wir uns bereits längere Zeit bemüht,“ erklärt Dr. Agnes Tieze, Direktorin des Kunstforums Ostdeutsche Galerie. „Keine Sammlung, die schwerpunktmäßig nach dem Zweiten Weltkrieg entstanden ist, ist gegen problematische Provenienzen gewappnet. Umso wichtiger ist es, eine sorgfältige Untersuchung durchzuführen und die Ergebnisse transparent darzustellen,“ fügt Tieze hinzu. Das Projekt ist vorerst auf ein Jahr befristet. Es besteht jedoch eine Perspektive auf Verlängerung durch das Deutsche Zentrum Kulturgutverluste. Ferner gibt es Pläne zu einem Anschlussprojekt, das die Leihgaben der Bundesregierung überprüfen soll.

Als Spezialistin für die Provenienzforschung ist seit Dezember 2018 Kunsthistorikerin Natascha Mazur M.A. im Kunstforum Ostdeutsche Galerie tätig. Die junge Wissenschaftlerin fokussierte sich auf die Provenienzforschung bereits während ihres Studiums an der Ludwig-Maximilians-Universität München. Unter anderem beteiligte sie sich an einem Forschungs- und Ausstellungsprojekt der Fachbibliothek der Kunstwissenschaften der LMU sowie im Rahmen von Seminaren an der Vorbereitung der Ausstellungen „Entartete“ Kunst - Verfolgung der Moderne im NS-Staat. Werke aus der Sammlung Gerhard Schneider“ 2016 im Kallmann-Museum Ismaning und „vermacht. verfallen. verdrängt. Kunst und Nationalsozialismus“ 2017 in der Städtischen Galerie Rosenheim. Als freiberufliche Provenienzforscherin sammelte sie ferner Erfahrungen bei der Betreuung privater Sammler sowie im Rahmen ihrer Tätigkeit für ein Münchner Auktionshaus.