23.02.2018, 15:13 Uhr

„Warten auf Godot“ Ein vieldeutiges Experiment

„Warten auf Godot“ mit (v.l.): Stefan Sieh, Olaf Schürmann, Klemens Neuwirth und Jochen Decker. Foto: Litvai  (Foto: Peter Litvai)„Warten auf Godot“ mit (v.l.): Stefan Sieh, Olaf Schürmann, Klemens Neuwirth und Jochen Decker. Foto: Litvai (Foto: Peter Litvai)

Zwei Stimmen zur Inszenierung des Landestheaters Niederbayern

PASSAU Die zwei Landstreicher Estragon und Wladimir, eine Landstraße und eine dritte Person, die niemals kommt. Darum geht es, zugegeben sehr verkürzt, in Samuel Becketts „Warten auf Godot“: ein Stück als absurdes Experiment. Beckett bleibt auch Beckett in der aktuellen Studioproduktion des Landestheaters Niederbayern. Und doch ist sie ein bisschen anders, ein mehr als vieldeutiges Experiment.

Zum Start wird quasi als Straße ein roter Teppich ausgerollt. Die beiden Protagonisten nennen sich Didi und Gogo. Sie streiten sich um eine Steckdose: Fürs Musikgerät, das will der eine. Für den beleuchtbaren Theaterspiegel, der andere. Das sind Landstreicher? Allmählich – und zunächst gewöhnungsbedürftig – wird klar: Die Protagonisten sind dies eben nicht, sondern schlüpfen in die Rollen von Schauspielern.

Regisseur Uwe Bautz, der zuletzt am Landestheater Niederbayern „Ziemlich beste Freunde“ inszenierte, macht aus Wladimir/Didi (Olaf Schürmann) und Estragon/Gogo (Jochen Decker) zwei abgetanzte, ältere Schauspieler, die das Stück „Warten auf Godot“ seit 40 Jahren spielen. Immer dasselbe, das inzwischen nervend-ätzende Stück, das ebenso nervende Gegenüber und dann immer die gleichen trostlosen Phrasen: „Wir warten auf Godot. Ja, nein, Scheiße!“ Ein gutes Stück Verzweiflung.

Immer wieder klingen bei Didi und Gogo die unerfüllten Schauspielerträume durch. Die große Karriere hat es bei beiden nicht gegeben. Als Wladimir/Didi mehrfach ins Publikum fragt, ob man ihn denn kennt, erntet er nur betretendes Schweigen und Kopfschütteln: Verzweiflung auf einer ganz anderen Ebene, zwei Protagonisten wie in einem Hamsterrad, in einer Welt der Trostlosigkeit.

Was Olaf Schürmann und Jochen Decker in 100 Minuten abliefern, ist zum einen grandiose Schauspielkunst und pure Spielfreude mit Entertainment-Qualitäten. Es ist ein mimisches und gestisches Mit- und Gegeneinander, das das Publikum auch immer wieder zum Lachen bringt. Die beiden geben alles. Das gilt auch für Klemens Neuwirth als Pozzo und Stefan Sieh als sein Diener Lucky (der lange Zeit in einem Affenkostüm schuftet). In einer zweiten Sequenz ist der eine erblindet, der andere verstummt.

Ulrike Aigner

Übersetzbarkeit in alle Zeiten und Situationen

Es ist nicht immer sofort auf den ersten Blick erkennbar, ob man gerade Wladimir und Estragon oder Didi und Gogo zusieht, die sich zanken, bereden, trösten… Der Übergang ist fließend, mal sind die Namen, das Thema oder die gerade hinter der Bühne lautstark agierenden weiteren Schauspieler der ausschlaggebende Hinweis, wo man sich gerade befindet.

Aber es ist auch nicht wichtig, wer worüber genau spricht, um zu verstehen, worum es in dem Stück geht – im Gegenteil, es unterstützt die Aussage noch, die Übersetzbarkeit des Themas in alle Zeiten und Situationen, in alle Leben.

Besonders schön ist die Beziehung zwischen Wladimir/Didi und Estragon/Gogo dargestellt. Nicht nur im Reden über das gemeinsame Warten, das gemeinsame Erlebte, zeigt sich, wie sie doch voneinander abhängig sind; nicht nur einmal kommt der Vorschlag, sich zu trennen, der jedoch nach all der Zeit zusammen auch nicht mehr als nützlich angesehen wird –, sondern man sieht es auch: in ehrlichen Umarmungen, Rangeleien, der vertrauten Nähe des Wegbegleiters.

Passend in das Stück eingebaut war nicht nur, das Publikum an manchen Stellen mit direkter Anrede einzubeziehen (Olaf Schürmann ins Publikum: „Kennen Sie mich?“ – Antwort: „Ja, Sie sind Olaf Schürmann!“), sondern auch das Bühnenbild und die Verwendung der Requisiten. Ob und inwiefern Bestimmtes von Bedeutung ist, wird im Großen und Ganzen dem Zuschauer überlassen. Man hat in keinem Moment das Gefühl, es wird einem Symbolik, die man vielleicht gar nicht nachvollziehen kann, aufgedrängt. Sophie Greiler

Wegen der großen Nachfrage ist die Inszenierung des Landestheaters Niederbayern von „Warten auf Godot“ noch einmal am 16. März im Stadttheater Passau zu sehen (Zusatztermin).

Vorverkauf an der Theaterkasse (Di-Fr, 10-13 und Dienstag, Donnerstag, Freitag von 16-17.30 Uhr, Tel. 0851/92919-13, theaterkasse@passau.de); Abendkasse ab einer Stunde vor der Vorstellung. – Weitere Informationen unter www.landestheater-niederbayern.de


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