23.09.2019, 16:26 Uhr

Himmlischer Besuch in Burghausen Friseurengel schenken Haarschnitte

Die „Barber Angels“ in der Pfarrei St. Konrad. (Foto: Alexander Schmadel)Die „Barber Angels“ in der Pfarrei St. Konrad. (Foto: Alexander Schmadel)

„Barber Angels“ bieten 52 bedürftigen Menschen kostenlos „Waschen, Schneiden, Föhnen“

BURGHAUSEN. Die Stadt der Engel – das war zuletzt Burghausen. Zumindest für einen Nachmittag. Rund 20 von der Bruderschaft der Friseurengel – besser bekannt als „Barber Angels“ – waren aus dem ganzen südbayerischen und österreichischen Raum in die Pfarrei St. Konrad „eingeflogen“, um den Pfarrsaal in einen geräumigen Friseursalon zu verwandeln.

Insgesamt mehr als 300 Engel – davon drei im Landkreis Altötting – reisen seit der Gründung der Barber Angels im Jahr 2016 quer durch Europa, um bedürftigen und obdachlosen Menschen einen kostenlosen Haar- oder Bartschnitt anzubieten. Sage und schreibe 40.000 Menschen haben sie so bisher geholfen. Menschen, die oft Jahre lang keinen Friseursalon mehr betreten haben.

„Harte Jungs“ in Leder zaubern trendige Frisuren

Aber dies ist kein normaler Salon: Die Engel sehen in ihren schweren Biker-Outfits wie richtig „harte Jungs“ aus. Dabei seien die wenigsten von den ehrenamtlichen Friseuren selbst Biker, so der Regensburger Friseurmeister Uwe Pichl. Als „Zenturio“ koordiniert er die Einsätze der Barber Angels bayernweit. „Unser Outfit ist nur eine Uniform, damit unsere Gäste wissen, wer ihnen die Haare schneidet. Ein rosa Plüsch-Hasenkostüm würde es auch tun“, schmunzelt Uwe Pichl, dem allerdings, so groß und wuchtig er von Erscheinung ist, der „Biker“ ziemlich gut zu Gesicht steht.

Wie er zu den Angels gestoßen ist? Über einen Zeitungsbericht. Den habe er seiner Freundin Andrea gezeigt und sofort den „Befehl“ erhalten mitzumachen. „Wenn man die Geschichten der Leute hört, denen man da die Haare schneidet, merkt man: Es kann der Nachbar sein oder man selbst. Frau weg, Job weg. Dann noch der Alkohol … Es kann schneller abwärts gehen, als man denkt!“

„Angel“ Andrea schmiss ihren Job für die gute Sache

„Seine“ Andrea hat übrigens selbst das Angels-Fieber gepackt. Sie gab kurzerhand ihren Bürojob auf, erlernte das Friseurhandwerk – und ist nun selbst ein Friseurengel. „Jetzt ist sie jeden Tag happy. Anders als im Büro früher“, freut sich Uwe Pichl. Und das nicht nur, weil Andrea nun mit in seinem Regensburger Geschäft arbeitet. Andreas „Helfergen“ hat sich doppelt bezahlt gemacht. Natürlich war sie auch in Burghausen mit im Boot, um zusammen mit den „himmlischen“ Kollegen an einem Stuhlkreis ihren „Kunden“ jeden Friseur-Wunsch zu erfüllen. Spiegel gibt es übrigens keine. Dann wird die Überraschung zum Schluss umso schöner.

Um kurz nach 13 Uhr geht es endlich los. Der Andrang ist auch in Burghausen groß. Insgesamt 52 Menschen mit Gutschein in der Tasche sind gekommen. Mit dabei die Maltester Altötting und die Bürgerinsel Burghausen, die mit Organisation und Verpflegung aushelfen und im Vorfeld die Gutscheine vergeben haben. Auch in der wohlhabenden Salzachstadt ist der Bedarf gegeben. Rund 500 Bedürftige, die mit nur wenig Sozialleistung auskommen müssen, gebe es auch hier, betont Alfred Danninger von der Bürgerinsel Burghausen und Erster Vorsitzender der Burghauser Tafel.

Die Scham ist groß, wenn man nur wenig Geld hat

„Für diese Menschen erfordert es viel Mut, zu den Barber Angels zu kommen“, so Alfred Danninger. Schließlich sei die Scham groß, sich in der Öffentlichkeit als jemand mit nur wenig Geld zu zeigen – egal ob man nun als Aussiedler ohne Rentenanspruch oder als Flüchtling hier lebt, oder aber wegen Krankheit sozial gefallen ist.

Umso wichtiger sei es, gerade diesen Menschen wieder etwas Würde und Selbstvertrauen einzuflößen. Warum soll das nicht mit einem neuen Haarschnitt gehen? Elvira Dittler, Leiterin der Maltester Dienststelle in Altötting, ist sich sicher, dass auch das ein Weg sein kann, um ins Leben zurückzufinden. Die Resonanz aus der Pilot-Aktion in Altötting im Februar spreche für sich. Nicht nur, weil sich da im Spiegel wieder ein völlig neuer Mensch zeigt. Schon das Zuhören der Angels helfe diesen Menschen, beteuert Elvira Dittler. Diese Aktion zeige den bedürftigen Menschen, dass sie noch Teil dieser Gesellschaft sind. Eine Bereicherung.

Eine Bereicherung – das sind die Einsätze auch für die Angels selbst. „Wir bekommen viel mehr als Trinkgeld“, ist sich Uwe Pichl sicher. Das Gefühl, jemandem etwas Gutes getan zu haben, sei viel, viel mehr wert. Klingt wie ein Werbe-Slogan für mehr Mitarbeiter? Vielleicht. „Gast-Engel“ sind immer gefragt. Und wer weiß, vielleicht bleibt der ein oder die andere bei den Barber Angels hängen und wird in die Bruderschaft mit aufgenommen. Den Landkreis Altötting werden die Friseurengel wieder im kommenden März „anfliegen“ – und dabei direkt in der Wallfahrtstadt „landen“.


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