14.04.2020, 15:07 Uhr

Corona-Pandemie Die Leiterin des Gesundheitsamtes, Dr. Beate Biermaier, im Interview – „keine einfache Aufgabe“

Leiterin des Gesundheitsamtes Straubing/Straubing-Bogen, Dr. Beate Biermaier. Foto: LRA Straubing-BogenLeiterin des Gesundheitsamtes Straubing/Straubing-Bogen, Dr. Beate Biermaier. Foto: LRA Straubing-Bogen

Das Gesundheitsamt Straubing/Straubing-Bogen ist seit Wochen an vorderster Front mit dem Thema Corona beschäftigt. Nicht immer erhält man dafür in der Öffentlichkeit die eigentlich verdiente Anerkennung für den derzeitigen Einsatz.

Straubing. Im Interview spricht die Leiterin des Gesundheitsamtes, Dr. Beate Biermaier, über die Herausforderungen in dieser speziellen Zeit.

Frau Dr. Biermaier, wir befinden uns in der sechsten Woche nach dem ersten Covid-19-Fall in Stadt und Landkreis. Ist mit dem exponentiellen Anstieg der Zahlen auch die Arbeit im Gesundheitsamt exponentiell angestiegen oder stellt sich langsam Routine ein?

Es stellt sich natürlich insofern schon etwas mehr Routine ein, dass mittlerweile neue Strukturen geschaffen wurden und die Abläufe etwas besser geregelt sind. Aber wir sind immer noch dabei, alle zwei bis drei Tage, mehr oder weniger neu zu organisieren. Grund hierfür ist vor allem, dass die anwachsende Zahlen von Infizierten und zu betreuenden Kontaktpersonen sowie neue Vorgaben auch wieder neue Strukturen fordern. Außerdem sind wir immer noch dabei, unser Personal zu vermehren. Allerdings sind wir inzwischen mit externen Mitarbeitern personell an einer Grenze angelangt, die wir mit unseren hauptamtlich tätigen Mitarbeitern gerade noch bewältigen können. Was die Arbeitsbelastung angeht, so wird die aber nicht geringer sondern eher noch immer höher.

Können Sie dies vielleicht kurz erläutern?

Ein entscheidender Teil unserer Arbeit ist ja das Kontaktpersonenmanagement, das heißt der Kontakt zu und mit infizierten Personen und direkten engen Kontaktpersonen der Gruppe I und auch die Findung dieser. Diese Anzahl beider Gruppen ist auf über 1.400 Leute gestiegen. Zwar fallen natürlich auch immer wieder Personen weg, aber man kann sich angesichts dieser Größenordnungen den Aufwand vorstellen.

Es ist ja auch so, dass viele momentan eine ganz falsche Vorstellung haben vom Zuständigkeitsbereich des Gesundheitsamtes, oder?

Ja, das ist in der Tat ein Problem. Viele denken, wir würden die Krankenbehandlungen durchführen oder wir sind für Arbeitsunfähigkeitsbescheinigungen oder dergleichen zuständig. Das ist aber nicht der Fall. Es geht wie gesagt um den Kontakt zu positiv Getesteten und zu Kontaktpersonen der Gruppe I. Zudem haben wir die Situation zum Beispiel in Alten- und Pflegeheimen und die Gesamtsituation im Blick. Außerdem sind wir ein Ansprechpartner für die Ärzte, Kliniken, Unternehmen und den Katastrophenschutz. Aber auch die Bevölkerung wendet sich mit vielen verschiedenen Fragen an uns.

Ist dort immer noch eine Verunsicherung zu spüren?

Auf jeden Fall. Zunächst einmal erleben wir ja eine völlig neuartige Situation und Krankheit und dann ändern sich auch immer wieder die Vorgaben und Einschätzungen der Experten, was natürlich auch bei der Bevölkerung entsprechend registriert wird. Da kann es sein, dass heute unter den gleichen Vorbedingungen andere Maßnahmen als noch vor zwei Wochen ergriffen werden. Und in zwei Wochen dann kann es schon wieder ganz anders sein. Das verstehen die Leute natürlich manchmal nicht.

Was aber gleichzeitig auch wieder verständlich ist ...

Natürlich. Deshalb versuchen wir es der Öffentlichkeit auch immer wieder zu erklären. Covid-19 ist eine Erkrankung, die neu ist. Von daher haben wir es mit einer sehr dynamischen Entwicklung zu tun, die nicht immer vorhersehbar ist. Auch was Verlauf, Heilung und Maßnahmen betrifft. Und deshalb passen das Robert-Koch-Institut und das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit ihre Vorgaben auch immer wieder den neuesten Entwicklungen an. Das ist für uns alle eine Herausforderung und die Änderungen machen es natürlich nicht unbedingt leichter. Aber das ist eben momentan auch das Tückische, dass man kaum Erfahrungswerte in diesem Zusammenhang hat, auf die man gesichert zurückgreifen kann.

Immer wieder hörte man zuletzt Beschwerden, dass die Testergebnisse relativ lange dauern ...

Das stimmt leider. Es erreichen uns bei unseren Telefonaten auch viele Beschwerden. Aber wir haben darauf keinerlei Einfluss. Es liegt an den Kapazitäten in den Labors, die jedoch inzwischen erweitert wurden, so dass uns die Ergebnisse der Untersuchungen jetzt oft relativ zeitnah, d.h. nach etwa zwei Tagen, vorliegen. Wir verständigen die Leute so schnell wie möglich per Telefon über die Sars-Co-2-Nachweise bzw. bzw. schriftlich bei negativen Befunden, wenn das Ergebnis bei uns ankommt. Es erfolgt danach – nachdem die Leute bereits verständigt wurden – auch noch eine offizielle, behördliche Quarantäneanordnung per Post. Da kann man sich vorstellen, dass dann, bei verzögertem Eintreffen des Testergebnisses am Gesundheitsamt, schon mal über zehn Tage vergehen können, bis diese bei den Betroffenen ankommt. Dass das zu Ärger und Unverständnis führt, ist verständlich. Leider bekommen diesen Ärger immer wieder unsere Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter zu spüren.

Ist die Motivation trotzdem immer noch hoch?

Die Belastung ist natürlich immens. Man merkt auch, dass bei den Menschen die allgemeine Situation zunehmend auf die Stimmung drückt und häufig sind dann leider unsere Leute am Telefon das Ventil dafür. Aber der Zusammenhalt und die Motivation sind trotzdem immer noch sehr gut. Obwohl es natürlich auch an die Substanz geht, wenn teilweise der Arbeitstag zwölf Stunden dauert und momentan auch Wochenenddienste an der Tagesordnung sind.

Angekündigt sind ja auch Verstärkungen für die Gesundheitsämter. Was ist davon vor Ort schon angekommen?

Intern aus der Verwaltung haben wir verfügbare Kräfte aus anderen Gebieten bereits bekommen. Darüber sind wir sehr dankbar. Von außen haben wir bisher zwei Medizinstudenten erhalten. Parallel haben wir auch selbst bei nicht mehr in eigener Praxis oder in Teilzeit tätigen Ärzten angefragt, von denen auch einige mittlerweile ehrenamtlich bei uns tätig sind.

Ein schnelles Ende der Belastung für das Gesundheitsamt ist ja auch nicht in Sicht ...

Deshalb möchte ich alle Bürgerinnen und Bürger auch um Verständnis bitten. Es ist keine einfache Aufgabe derzeit und mit normalen Aufgaben und normalen Zeiten nicht zu vergleichen. Deshalb kann es auch sein, dass alles nicht so prompt und glatt verläuft, wie das eigentlich unser Anspruch und der Wunsch der Bürgerinnen und Bürger ist. Aber ich hoffe, das verstehen die Menschen.


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