17.12.2020, 10:55 Uhr

Außenstelle in Regensburg Psychotherapeutische Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftäter

Die bisherige Leiterin der Nürnberger Fachambulanz, Claudia Schwarze (rechts), übergibt zum 1. Januar 2021 an ihre Nachfolgerinnen Dr. Miriam Kolter (Mitte) und Nicola Buchen-Adam (links). Foto: Stadtmission Nürnberg/ Stephan GrumbachDie bisherige Leiterin der Nürnberger Fachambulanz, Claudia Schwarze (rechts), übergibt zum 1. Januar 2021 an ihre Nachfolgerinnen Dr. Miriam Kolter (Mitte) und Nicola Buchen-Adam (links). Foto: Stadtmission Nürnberg/ Stephan Grumbach

Ab Januar müssen ehemalige Gewalt- und Sexualstraftäter aus dem Oberpfälzer und niederbayerischen Raum nicht mehr 150 Kilometer Anreiseweg für Therapie und Nachsorge in einer spezialisierten Fachambulanz in Kauf nehmen.

Regensburg. Ein Psychologe, eine Sozialpädagogin und eine Verwaltungsfachkraft bilden seit 1. Dezember 2020 das Regensburger Team der Psychotherapeutischen Fachambulanz für Gewalt- und Sexualstraftaten der Stadtmission Nürnberg. Etwa 30 Klientinnen und Klienten pro Jahr können sie hier betreuen, und damit deren Risiko, eine weitere Straftat zu begehen konsequent minimieren. Die neue Regensburger Außenstelle erleichtert vielen Klientinnen und Klienten aus dem südöstlichen Bayern den Zugang zu einer spezialisierten Therapie, deren Anreise nun deutlich kürzer ist. Gleichzeitig erwartet das Team der Stadtmission Nürnberg, dass Therapiesitzungen mit Klientinnen und Klienten aus dem Regensburger Raum künftig seltener ausfallen, da die Fachleute jetzt besser erreichbar sind.

90 Prozent der Klientinnen und Klienten der Fachambulanz für Sexual- und Gewaltstraftaten sind aufgrund von Bewährungsauflagen oder Weisung der Führungsaufsicht nach einer begangenen Straftat verpflichtet, sich therapeutisch behandeln zu lassen. Seltener wenden sich Menschen aus eigenem Antrieb an die Fachambulanz, etwa weil sie befürchten, andere Personen aufgrund ihrer sexuellen oder gewalttätigen Fantasien zu schädigen. Dabei konzentrieren sich die Therapeutinnen und Therapeuten der Stadtmission auf jene ehemaligen Täterinnen und Täter, die ein mittleres oder hohes Rückfallrisiko haben, was im Bereich der Sexualstraftaten nur für etwa 15 Prozent gilt. Frauen sind dabei die Ausnahme.

Mit ihrer Arbeit in Nürnberg und Regensburg trägt die Fachambulanz der Stadtmission einem erklärten Ziel des Freistaates Bayern Rechnung: Justizminister Georg Eisenreich erklärt: „In Bayern hat der Schutz vor Sexual- und Gewaltstraftaten höchste Priorität. Rückfall-Prävention ist dabei ein wichtiger Bestandteil. Die bayerische Justiz bemüht sich seit vielen Jahren um die ambulante Nachsorge für aus dem Justizvollzug entlassene Gewalt- und Sexualstraftäter.“ Demnach will der Freistaat eine flächendeckende therapeutische Versorgung für ehemalige Täterinnen und Täter sicherstellen, was unter anderem durch die therapeutischen Fachambulanzen realisiert wird.

So startete 2008, nach der Reform der Führungsaufsicht, die erste Stelle dieser Art in München. Es folgten die Fachambulanzen in Nürnberg und Würzburg 2009 und 2011. Insbesondere der ländliche Raum in der Oberpfalz und Teilen Niederbayerns blieb dabei durch die langen Anfahrtszeiten nach Nürnberg schlecht versorgt. Die Stadtmission Nürnberg schließt diese Lücke im Hilfenetz nun durch Eröffnung einer Zweigstelle ihrer Psychotherapeutischen Fachambulanz in der Regensburger Innenstadt. Alle Fachambulanzen für Sexual- und Gewaltstraftaten in Bayern werden durch das Bayerische Staatsministerium der Justiz finanziert.

„Eine zeitnahe psychotherapeutische Nachbetreuung minimiert das Rückfallrisiko und dient letztlich dem Opferschutz“, erklärt Justizminister Eisenreich. Um etwa 25 Prozent sinke die Wahrscheinlichkeit einer neuerlichen Straftat bei Menschen, die Therapie in Anspruch nehmen, beziffert Dr. Miriam Kolter. Ab 1. Januar 2021 leitet sie die Fachambulanz der Stadtmission Nürnberg zusammen mit Nicola Buchen-Adam. Die beiden folgen Claudia Schwarze nach, die die Leitung der Nürnberger Fachambulanz seit der Eröffnung 2009 innehatte. „Die Ursachen für schwere Gewalt- und Sexualstraftaten liegen häufig in psychischen und sozialen Problemen. Kein Mensch wird als Täter geboren. Eine individuell ausgerichtete Therapie ist deshalb ein wirksames Mittel, um weitere Taten zu verhindern“, erklärt Psychologin Kolter. Dabei werden vorwiegend einzeltherapeutische Methoden genutzt. Grundsätzlich wirken die Therapeutinnen und Therapeuten darauf hin, dass sich ihre Klientinnen und Klienten innerhalb der Gesellschaft und ihres sozialen Umfeldes integrieren können, denn auch das sei entscheidend, um Straftaten vorzubeugen.

Die Stadtmission Nürnberg kümmert sich bereits seit Anfang des 20. Jahrhunderts um straffällig gewordene Menschen. Heute ist sie Trägerin vier verschiedener, stationärer und ambulanter Hilfeeinrichtungen für Strafentlassene, die deren Resozialisierung und gesellschaftliche Integration fördern. Dazu zählt auch die Psychotherapeutische Fachambulanz für Sexual- und Gewaltstraftaten mit ihren Standorten in Nürnberg und Regensburg. Sie wurde 2009 zunächst als Fachambulanz für Sexualstraftaten eröffnet und sechs Jahre später durch eine Praxis für Gewaltstraftaten ergänzt. Betreut werden Klientinnen und Klienten aus dem gesamten Oberlandesgerichtsbezirk Nürnberg. Etwa 900 Klientinnen und Klienten haben bisher in der Therapieeinrichtung Hilfe gefunden.


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