29.09.2020, 10:45 Uhr

Peripheres Sehen Regensburger Studie lässt auf neuen Reha-Ansatz für Patientinnen und Patienten mit zentralem Sehverlust hoffen

 Foto: Universität Regensburg/Margit Scheid Foto: Universität Regensburg/Margit Scheid

Eine Studie von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern des Lehrstuhls für Allgemeine Psychologie I an der Universität Regensburg zeigt, dass gezieltes Training die Fähigkeit des Sehens im peripheren Gesichtsfeld verbessern kann. Die Erkenntnisse könnten zur Entwicklung neuer Reha-Methoden für Patienten mit zentralem Sehverlust führen: Sie können Gegenstände oder ihre Umgebung nicht direkt fokussieren, sondern sind in der visuellen Wahrnehmung auf ihr peripheres Gesichtsfeld angewiesen.

Regensburg. Die Studie ist in der Zeitschrift „Translational Vision Science & Technology“ erschienen. Menschen und andere Säugetiere zeichnen sich unter anderem dadurch aus, dass sie sich an Veränderungen in der Umwelt anpassen können. Ein glücklicher Umstand, den sie der erfahrungsabhängigen Plastizität ihrer Gehirne zu verdanken haben. In der Kindheit ist diese Plastizität am stärksten ausgeprägt, doch auch das Gehirn eines erwachsenen Menschen weist die Fähigkeit zur Formbarkeit noch auf. Psychologinnen und Psychologen der Universität Regensburg haben nun untersucht, inwieweit sich das Gehirn darauf trainieren – also „verformen“ – lässt, Objekte im peripheren Gesichtsfeld detaillierter wahrzunehmen.

Eines der Probleme beim Sehen an den Außenrändern des Gesichtsfelds ist das sogenannte „Crowding“: Gemeint ist das Unvermögen, ein Objekt zu erkennen, wenn es von vielen anderen Objekten umgeben ist. Das „Crowding“ macht sich zum Beispiel bemerkbar, wenn man mit Hilfe des peripheren Gesichtsfelds versucht zu lesen. Wie stark sich das visuelle „Crowding“ negativ auswirkt, ist auch von der Anordnung der Objekte abhängig: Bei tangential, also an einer gedachten Kreislinie ausgerichteten Elementen ist die Unterscheidungsfähigkeit stärker ausgeprägt als bei radial, das heißt strahlenförmig gegliederten – der Fachausdruck hierfür lautet radial-tangentiale Anisotropie.

Für ihre Untersuchung trainierte das Team um Dr. Maka Malania 17 gesunde Freiwillige an vier aufeinander folgenden Tagen in einer Lückenerkennungsaufgabe. Die Aufgabe bestand darin, den Blick auf das rote Kreuz zu fokussieren und gleichzeitig die Öffnungsrichtung des Buchstaben C im peripheren Gesichtsfeld zu erkennen. Es wird deutlich, dass dies bei radialer Ausrichtung der das C umgebenden Störreize (links) schwieriger ist als bei tangentialer Ausrichtung (rechts). Um den Einfluss des Trainings zu untersuchen, wurden vor und nach dem Training Aufnahmen des Gehirns mittels funktioneller Kernspintomographie an einem 3-Tesla-MRT-Scanner der Universität Regensburg gemacht. Im Vorher-Nacher-Vergleich zeigt sich, dass die „Crowding“-Zone infolge des Trainings deutlich geschrumpft ist.

In den Lehrbüchern der Psychologie wird die „Crowding“-Zone meist als Ellipsoid dargestellt; die Achsen dieses Ellipsoids geben an, wie weit die Störreize vom zu erkennenden Objekt entfernt sein müssen, damit sie die Wahrnehmung gerade nicht mehr beeinträchtigen. Dieser Abstand war bei den 17 Probanden vor dem Training in der radialen Ausrichtung verhältnismäßig größer als in der tangentialen Ausrichtung. Nach dem Training hatte dieser Abstand insbesondere entlang der radialen Achse abgenommen. Das zeigt, dass die Anisotropie zwischen diesen beiden Bedingungen zurückging.

Darüber hinaus beobachteten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler vor Beginn des Trainings, dass strahlenförmig angeordnete Objekte schwerer zu erkennen waren als gleich weit entfernte tangentiale Elemente. Nach Abschluss des Trainings machte sich dieser Effekt weniger stark bemerkbar, was darauf hinweist, dass das Gehirn gelernt hatte, radial angeordnete Objekte trotz der Störreize in der Umgebung besser zu erkennen. Im Ergebnis zeigt die Regensburger Studie, dass gezieltes Training die Sehleistung in der Peripherie durch Förderung der neuronalen Plastizität verbessert. Dies motiviert zur Entwicklung geeigneter Rehabilitationsprotokolle für Patienten mit zentralem Sehverlust, die auf detailreicheres Sehen in ihrem peripheren Gesichtsfeld angewiesen sind.


0 Kommentare