02.08.2018, 11:41 Uhr

Unfallpräventionsprogramm Erst P.A.R.T.Y., dann Führerschein!

In der Notaufnahme lernen die Schüler, wie ein Traumapatient versorgt wird. (Foto: UKR/Johannes Beutler)In der Notaufnahme lernen die Schüler, wie ein Traumapatient versorgt wird. (Foto: UKR/Johannes Beutler)

Als eine Art Schocktherapie könnte man das Unfallpräventionsprogramm P.A.R.T.Y. bezeichnen, das heute bereits zum 25. Mal am Universitätsklinikum Regensburg (UKR) stattfand. Ziel ist es, Jugendliche für die Risiken im Straßenverkehr zu sensibilisieren.

REGENSBURG Wie jeden Tag fährt Max Winter (Name geändert) im April vor zwei Jahren mit zwei seiner Kollegen zur Arbeit. An diesem Tag aber ist die Fahrbahn der Bundesstraße glatt. Ein anderer Autofahrer kommt mit knapp 170 km/h auf sie zu, verliert die Kontrolle und rammt das Fahrzeug. Max erinnert sich heute noch, dass er sein Bein neben sich liegen sah, sonst an nichts. Ein Kollege von Max stirbt noch an der Unfallstelle, der zweite nach ein paar Monaten im Krankenhaus. Max ist dem Tod näher als dem Leben, doch die Ärzte kämpfen um ihn – mit Erfolg. Heute, zwei Jahre und unzählige Operationen später, sitzt Max in einem Hörsaal des UKR und berichtet 27 Oberpfälzer Schülern, die im Rahmen eines Ferienprogramms das P.A.R.T.Y.-Programm des UKR besuchen, welche Konsequenzen ein unachtsamer Moment im Straßenverkehr nach sich ziehen kann. Das ist das Ziel von P.A.R.T.Y., was ausgesprochen „Prevent Alcohol and Risk Related Trauma in Youth“ bedeutet, und am Mittwoch, 1. August, am UKR Jubiläum feiert: Bereits 25 Mal lernten Jugendliche hier im direkten Kontakt mit Unfallpatienten die Gefahren des Straßenverkehrs kennen. „Dieser eine Augenblick, in dem der andere Fahrer sein Können überschätzt hat, hat drei Leben zerstört“, berichtet Max, der an dem Unglückstag sein Bein verloren hat und seither auf den Rollstuhl angewiesen ist.

Jeder Unfall ist einer zu viel

Die Geschichte von Max ist nur eine von vielen, wie Ärzte sie jeden Tag erleben. Alleine im Jahr 2017 verunglückten insgesamt 3.180 Menschen auf deutschen Straßen tödlich, 390.312 wurden verletzt. Besonders gefährdet sind dabei die jungen Verkehrsteilnehmer zwischen 15 und 24 Jahren: sie haben das mit Abstand höchste Unfallrisiko im Straßenverkehr. Überhöhte Geschwindigkeit, Fahren unter Alkoholeinfluss, Handynutzung am Steuer oder schlicht mangelnde Fahrpraxis – die Gründe sind vielfältig. Genau bei dieser Altersgruppe setzt deswegen P.A.R.T.Y. an. Das Präventionsprogramm will die Anzahl von schweren Verletzungen aufgrund von risikoreichem Verhalten im Straßenverkehr reduzieren.

Das Programm bieten im Auftrag der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie unter Koordination der Akademie für Unfallchirurgie bundesweit 38 Unfallkliniken an. Am Universitätsklinikum Regensburg nehmen sich die Interdisziplinäre Notaufnahme und die Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie seit 2014 P.A.R.T.Y. an. „Jeder Mensch, der in Folge eines Unfalls zu Schaden kommt, ist einer zu viel. Besonders tragisch ist es für uns, mitzuerleben, wenn junge Menschen aufgrund einer Unachtsamkeit oder einer Nachlässigkeit ihr Leben aufs Spiel setzen“, so Professor Dr. Michael Nerlich, Direktor der Klinik und Poliklinik für Unfallchirurgie des UKR. „Uns ist es daher ein großes Anliegen, Jugendliche für Gefahren, die durch Überschätzung oder Rücksichtslosigkeit im Straßenverkehr entstehen, zu sensibilisieren“, ergänzt PD Dr. Michaela Huber, stellvertretende Leiterin der Interdisziplinären Notaufnahme des UKR.

Echte Patienten lassen das Risiko lebendig werden

Die jungen P.A.R.T.Y.-Gäste erlebten am heutigen Jubiläumstermin einen Tag im UKR, der ihnen wohl noch lange im Gedächtnis bleiben wird. Das Programm startete mit einem Vortrag der Polizei. Bildhaft berichtete eine Beamtin den Schülern von einigen besonders tragischen Unfällen, zu denen sie gerufen wurde. Sie sprach offen darüber, dass solche Einsätze bei allen Beteiligen lange nachwirken. Anschließend durchliefen die 16- bis 18-jährigen Jungen und Mädchen die verschiedenen Stationen bei der Versorgung eines Unfallpatienten. Ein Schüler schlüpfte dafür in die Rolle des verunfallten Patienten, weitere durften als Rettungssanitäter oder Assistent im Schockraum der Notaufnahme Hand anlegen. Die Jugendlichen erfuhren so, wie Patienten am Unfallort erstversorgt und anschließend in der Notaufnahme weiterbehandelt werden. „Die Arbeit der Ärzte in der Notaufnahme beeindruckt mich. Bis zur Ankunft des Patienten wissen sie nicht, was genau auf sie zukommet. Durch blitzschnelles Handeln und Teamwork können sie dann aber Leben retten“, sagt der 16-jährige Thomas Lehner (Name geändert) Über seine Erlebnisse in der Notaufnahme. Danach lernten die Schüler in einer Intensivstation des UKR einen Traumapatienten kennen und wurden so mit den ernsten Konsequenzen eines Verkehrsunfalls konfrontiert. Dies wiederholte sich auf einer Allgemeinstation, in der ein Patient ihnen von seinem Verkehrsunfall und den schweren Verletzungen berichtete.

Später durften die P.A.R.T.Y.-Teilnehmer dann noch in der Physiotherapie Hilfsmittel zur Rehabilitation ausprobieren, bevor sie mit dem Bericht von Max wieder nach Hause entlassen wurden. „Der Tag heute hat mich sehr nachdenklich gemacht. Ich denke, ich werde meinen Führerschein nun ganz anders angehen“, resümiert Thomas am Ende des P.A.R.T.Y.-Programms am UKR.

Das Universitätsklinikum Regensburg bietet vier Mal im Jahr einen P.A.R.T.Y.-Tag an. Anmelden können sich interessierte Lehrer für ihre Klassen im Internet unter www.ukr.de.


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