20.03.2018, 13:21 Uhr

Fachtag Die demenzfreundliche Gemeinde will die Teilhabe ermöglichen

Aufmerksame Zuhörer verfolgen den Vortrag von Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker. (Foto: Julia Schmidt/LRA)Aufmerksame Zuhörer verfolgen den Vortrag von Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker. (Foto: Julia Schmidt/LRA)

Bereits zum vierten Mal fand kürzlich der von der lokalen Allianz für Menschen mit Demenz organisierte Fachtag Demenz statt. Thema war dieses Jahr „Die demenzfreundliche Gemeinde – Teilhabe ermöglichen“. Weil vor Ort bedarfsgerechte Versorgungsangebote oftmals fehlen und in Gemeinden Rahmenbedingungen dafür erst noch geschaffen werden müssen, versucht die Lokale Allianz für Menschen mit Demenz im Landkreis Regensburg, bei den Kommunen den Blick für die Lebenssituation von Demenzkranken und deren Angehörigen zu schärfen.

LANDKREIS REGENSBURG Vor rund 60 Teilnehmern, die sich im Bildungshaus der Diözese Regensburg auf Schloss Spindlhof in Regenstauf eingefunden hatten, bezeichneten der stellvertretende Landrat Willi Hogger und der Bischöfliche Beauftragte für Erwachsenenbildung und Hausleiter des Bildungshauses Spindlhof, Wolfgang Stöckl, in ihrer Begrüßung das Thema Demenz als Herausforderung, das ein Zusammenwirken verschiedener Akteure notwendig mache: Verwaltung, Gewerbe, Wohlfahrtsverbände, Nachbarschaftshilfevereine, Mehrgenerationenhäuser, Ehrenamtliche und soziale Initiativen.

Erfolgreiches Beispiel von Vernetzung aus der Gemeinde Taufkirchen an der Vils

Beim Fachtag ging es vor allem darum, deutlich zu machen, dass die Angst vor der Krankheit Demenz durch wirksame Netzwerke entschärft werden kann. Besonders dann, wenn Betroffene und Angehörige nicht auf ein soziales Netz zurückgreifen können. Weil traditionelle Stützen und Hilfen durch Familie, Verwandte, Freunde, Dorf- oder Stadtteilgemeinschaften in schwierigen Lebenslagen zunehmend fehlen, müsse sich die Gesellschaft neue Strategien einfallen lassen, wie man Herausforderungen in schwierigen Lebenslagen angehe. Dass dies durch „Vernetzen“ möglich sei, schilderte der erste Bürgermeister der oberbayerischen Gemeinde Taufkirchen an der Vils und Bezirksrat, Franz Hofstetter. Bis 2013 hätten die Gruppen „Senioren, Kinder und Jugendliche, Eltern, Migranten sowie Menschen mit Behinderung“ ein Dasein nebeneinander geführt. Ab dem Projekt „Lokale Allianz für Menschen mit Demenz“ habe mehr und mehr gemeinsames Handeln unterschiedlicher Akteure stattgefunden. Ziel sei dabei die Verbesserung des Alltags und der Teilhabemöglichkeiten für Demenzbetroffene und Angehörige. In sich quasi überlappenden Kreisen hätten sich Mitglieder aus Seniorenbeirat, Gemeinde, Mehrgenerationenhaus (MGH), Mittelschule, Realschule, Altenheime, niedergelassene Ärzte, Klinikum und Krankenpflege-Schule angesiedelt. So treffe sich beispielsweise einmal wöchentlich eine Demenzgruppe im Mehrgenerationenhaus im Rahmen eines niedrigschwelligen Betreuungsangebots, auch Jugendliche kämen hin und wieder dazu.

Die Rolle der Kommunen

Zunehmend gebe es auch Menschen, die ohne Demenz, zum Beispiel bei einer längeren Krankheit oder einem längeren Krankenausaufenthalt, Probleme hätten, ihren Alltag zu managen, weil sie niemanden hätten, der ihnen in einer solchen Situation beistehe. Prof. Dr. Irmgard Schroll-Decker, Professorin für Sozialmanagement und Bildungsarbeit an der OTH Regensburg, zeigte anhand des 7. Altenberichts der Bundesregierung auf, welche Rolle die Kommunen für die Gestaltung des Lebens im Alter einnehmen könnten und sollten. Im Altenbericht seien Bund und Länder aufgefordert, die Kommunen zu stärken und soziale Ungleichheit zu überwinden. Der Bericht plädiere für Kooperation und Vernetzung in den Handlungsfeldern, die für ältere Menschen besonders bedeutsam seien. Teilhabe, beziehungsweise das Gefühl „dazu zu gehören“, verhindere nachweislich Krankheitskosten. Damit dies gelingt, seien generationenübergreifende Konzepte erforderlich und Menschen, die in verschiedenen, gleichsam konzentrischen Kreisen hilfebedürftige Personen im Blick behalten, angefangen von Familienangehörigen und Freundeskreisen bis hin zu Nachbarschaftshilfen, stationären Pflegeeinrichtungen, Kirchengemeinden, Kommunen und sogar bis hin zu Wohnungsbaugesellschaften. Sie alle sieht die Referentin als Teil einer sorgenden Gemeinde. Insgesamt forderte Schroll-Decker auf, „Grenzen zu überschreiten, vernetzt zu denken, bürokratische Hürden abzubauen mit Blick auf die Person, die Hilfe braucht“.

Der richtige Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen

Birgit Meier, Diplom-Sozialpädädagogin und zertifizierte Gedächtnistrainerin sowie langjährige Leiterin eines Sozialdienstes in der stationären Altenpflege, stellte mit ihrem Thema „Wertschätzender Umgang mit an Demenz erkrankten Menschen“ sehr praxisbezogen vor, wie man mit an Demenz erkrankten Menschen umgehen sollte. Dazu gehöre, die Person anzuerkennen, die Lebensleistung zu würdigen und wertzuschätzen, eigene Kompetenzen spüren zu lassen und aus dem Gefühlskarussell aus Angst, Misstrauen, Scham und Wut herauszuhelfen. Meier stellte, untermalt mit praktischen Beispielen, allgemeine Kommunikations- und Betreuungsregeln in Anlehnung an die positive Interaktion nach Tom Kitwood vor. Sie ergänzte ihre Ausführungen noch mit zahlreichen Vorschlägen einer nichtmedikamentösen Therapie- und Betreuungsmöglichkeit, wie beispielsweise Bewegung, Rituale, Musik sowie handlungs- und eben nicht ergebnisorientierte Beschäftigung.

Zum Abschluss des Fachtages stellte Julia Schmidt, Mitarbeiterin des Landratsamtes im Sachgebiet Senioren und Inklusion, den „Helferkreis Auszeit“ vor. Der Helferkreis Auszeit trägt zur Organisation eines selbstbestimmten Lebens bei. Er ist ein nach § 45b SGB XI anerkanntes, niedrigschwelliges Betreuungsangebot. Er kann geschulte, ehrenamtliche Personen vermitteln, die an Demenz erkrankte Menschen im häuslichen Bereich stundenweise betreuen. Ziel sei es, pflegenden Angehörigen Freiräume zu schaffen.


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