03.12.2017, 13:57 Uhr

„Einsatzspektrum hat sich verändert“ Wichtige Übung – besondere Einsatzlagen erfordern besonderes Vorgehen der Rettungskräfte


Es knallt und kracht, Funken sprühen in die Luft, ein riesiger Feuerball erleuchtet den Himmel. Ein Mann mit einer Waffe schießt wild um sich. Schreiende Menschen liegen verletzt am Boden. Szenen wie man sie normalerweise nur aus einem Action-Film kennt. Und dennoch wurden sie für Einsatzkräfte in den letzten Jahren Realität, wie zum Beispiel beim Amoklauf am Olympiaeinkaufszentrum in München oder beim Terroranschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am Breidscheidplatz.

DIESENBACH Das sind Lagen, die die normale Ausbildung von Rettungskräften übersteigen. Lagen, auf die der normale Feuerwehrmann oder Rettungssanitäter nicht vorbereitet sind und auch in seiner Grundausbildung nicht behandelt werden. Deshalb gibt es Unternehmen, die genau für solche Einsatzszenarien Workshops anbieten.

Zwei Männer haben genau so einen Workshop entwickelt: Michael Bild, selbst als Notfallsanitäter und Paramedic tätig, kann auf zehn Jahre Erfahrung im Bereich der taktischen Medizin zurückgreifen und weiß: „Das Einsatzspektrum hat sich verändert. Was sich verändert hat, sind zum einen die Lagen. Wir haben jetzt einfach teilweise Bedrohungslagen, wo wir anders reagieren müssen. Und es hat sich auch die Medizin weiterentwickelt; wir haben jetzt viel mehr Möglichkeiten, die wir frühers gar nicht so hatten. Das wollen wir den Leuten an die Hand geben.“ Der Zweite im Team ist Sebastian Metzner. Er ist als Rettungsassistent tätig, sowie als Einsatzleiter Rettungsdienst im Raum Regensburg. Bereits seit 15 Jahren arbeitet Metzner im Rettungsdienst und kann so auf allerhand Praxis zurückgreifen. „Maximale Realität ist uns wichtig: psychische Faktoren werden eingebracht, wie maximaler Stress und Druck; pyrotechnischen Gegenständen und Wundsimulation kommen zum Einsatz; Schreierei wird simuliert“, so Metzner.

Basierend auf dem dreistündigen, sehr erfolgreichen „Rebel-Schulungskonzept (Handlungsempfehlung Rettungsdienst in Besonderen Einsatzlagen des Bayerischen Innenministeriums) aus Regensburg von Sebastian Metzner, wurde zusammen mit Michael Bild und Kevin Frey ein zweitägiges Trainingskonzept mit Namen „Fobel“ geschaffen. Auswertungen und Feedback der“Rebel“-Schulungsteilnehmer ergaben, dass deutlich mehr Praxis zur Handlungskompetenz und auch die praktische Umsetzung in Szenarientrainings gefordert wurde. „Fobel“, Fortbildung für besondere Einsatzlagen, dient aber nicht nur zur Vorbereitung auf terroristische Anschläge. Gewalt ist medial und global allgegenwärtig, selbst Gewalt gegenüber Rettungskräften in Bayern gehört zum traurigen Alltag für Rettungskräfte. Tragische Gewaltverbrechen erfordern eine enge und koordinierte Zusammenarbeit zwischen den eingesetzten Einsatzkräften. Niemand wünscht sich Bilder des Terrors wie in Berlin, Paris oder London herbei. Sich konsequent und verantwortungsvoll auf neue Gefahren einzustellen ist für Hilfs- und Rettungsdienste aufgrund ihrer gesellschaftlichen Verpflichtung unumgänglich. Die Initiatoren wollen keine unseriöse Panikmache vor terroristischen Anschlägen und so dem Islamischen Staat eine Plattform bieten. Ihr Ziel ist es, Rettungskräfte auf Eigensicherung zu sensibilisieren, aber auch auf neue medizinische Ausrüstung aus dem Militärbereich zu schulen. Ein weiterer Beweggrund für „Fobel“ war, dass bereits mehrfach „Tactical Trauma Life Support“-Kurse (Taktische Medizinausbildung mit der Zielgruppe Militär und Polizei, kurz TTLS) auch in Regensburg abgehalten wurden. Leider ist TTLS für den zivilen Rettungsdienst völlig unbrauchbar, da unter anderem taktisches Vorgehen in Gefahrenbereichen trainiert wird. Mittlerweile hat es sich in Bayern und Deutschland trotz utopischer Ansichten Einzelner manifestiert, dass der Einsatz von Rettungsdienstpersonal im Gefahrenbereich untragbar und unverantwortbar ist. Für den Gefahrenbereich ist und bleibt rein die Polizei als originäre Behörde allein zuständig „Fobel“ ist auch – egal im welchen Bundesland – absolut kompatibel mit polizeilichen Konzepten und bedarf nahezu keinerlei Vorfeldabsprachen. Der sensible behördliche Bereich wird bei „Fobel“ nicht tangiert.

Der Kurs, der kürzlich in Diesenbach stattfand, dauert zwei Tage. Am ersten Tag wird theoretisches Wissen gelehrt und am zweiten Tag geht es dann in die Praxis. Hier werden Szenarien, wie eine Messerstecherei auf offener Straße, Blutbad eines gekündigten Mitarbeiters in einer Schreinerei und eine unklare Sicherheitslage in der Stadt nach einer Explosion simuliert. Am Ende erhalten alle Teilnehmer ein Zertifikat. Auf eines möchte Bild aber besonders hinweisen: „Es ist uns ein großes Anliegen, dass unser Kurs und auch die Berichterstattung nicht dazu dienen soll, unbegründete und unseriöse Angst in der Bevölkerung vor terroristischen Gewalttaten zu erzeugen. Wir möchten Sie daher bitten, mit dem Wort ‚Terror‘ höchst sensibel umzugehen. Unsere Szenarien und unser Training zielen auf eine Vielzahl anderer, nicht alltäglichen Einsatzsituationen ab. Terror ist und darf niemals zur alltäglichen Angst in unserem Land werden.“ Metzner füt noch hinzu: „Dass sich Rettungsdienste und Hilfskräfte aber auch auf solche Gefahren im Stillen vorbereiten müssen, um Ihrer Aufgabe im Ernstfall gerecht werden zu können, ist unserer Meinung nach unumgänglich. Wir möchten die Rettungsdienstmitarbeiter auf Eigensicherung in kleinen, alltäglichen Lagen bis hin zum Worst-Case-Szenario sensibilisieren.“


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