27.03.2020, 14:18 Uhr

Im Ausland während der Krise „Die Situation ist besonders kompliziert!“


Viele Deutsche verbringen die Zeit während der Corona-Krise im Ausland. Gestrandete Urlauber warten auf Rückholaktionen. Andere bleiben freiwillig im Ausland. Zu Letzteren gehört auch der gute Freund einer Landshuterin: David Riebesehl (26) aus Lüneburg, der seit 6 Jahren in Lettland (Riga) lebt.

Landshut/Riga. Wie es David Riebesehl aktuell in Lettland ergeht, was ihn bewegt, wie er mit der Situation des doppelten Alltags zweier Heimaten während der Pandemie umgeht – das wollten wir wissen: Und sprachen mit ihm am über sein Leben als Deutscher im Ausland während der Corona-Krise. Das Interview führten wir am 23. März.

Wie verschlägt es einen so jung ausgerechnet von Deutschland nach Lettland?

„Mein Wunsch, Medizin zu studieren, war so groß. In Deutschland durfte ich nicht wegen des NC. In Lettland aber bekam ich die Chance und die Ausbildung dort ist sehr gut. Ich bin vorher noch nie in Lettland gewesen, weder beruflich, noch privat in Urlaub. Aber ich wollte unbedingt Arzt werden. Da bin ich einfach aufgebrochen. Heute studiere ich an der Riga Stradins University und breite mich aktuell auf mein Examen vor.“

Wow, das klingt spannend – und mutig. Dürfte man denn nach dem ersten Semester vielleicht schon zurück, also wieder an eine deutsche Universität wechseln?

„Manche können nach dem vierten Semester zurück an eine deutsche Uni wechseln. Aber das ist auch Glückssache. Da wird nämlich unter anderem in Deutschland nochmal auf den NC geschaut. In meinem Fall ging es nicht. Ich muss in Lettland bleiben, um mein Studium erfolgreich beenden zu können. Ich bekomme viel Rückhalt von meiner Familie. Meine Eltern unterstützen mich.“

Wie war Ihr erster Eindruck von Lettland, als Sie damals umgezogen sind?

„Aufregend! Lettland ist ein sehr schönes Land und es wird mir sehr fehlen, wenn ich zurück gehe. Aber es brauchte hier auch Eingewöhnungszeit. Die lettische Kultur ist sehr verschieden zur deutschen. Die Letten sind die freundlichsten und nettesten Personen, die ich je kennen gelernt habe. Aber es braucht auch Zeit, bis sie sich jemandem öffnen: Sie sind zurückhaltend. Diese Distanz tut in der aktuellen Situation mit Corona aber gut.“

Wie meinen Sie das genau?

„Obwohl es keine Ausgangssperre gibt, halten sich die Letten an die Regeln. Ganz freiwillig. Klar, es sind etwa öffentliche Plätze gesperrt. Aber auch in offenen Cafés sieht man nur ganz vereinzelt jemanden sitzen. Es wird sich auch nicht mehr getroffen. Ich habe stark mitbekommen, dass es in Deutschland anders abgelaufen sein soll. Aber da ist die deutsche Kultur auch eine andere: Wir mögen’s nicht so, gesagt zu bekommen, was wir machen sollen. Da bemerkt man die liberale Demokratie. Hier in Lettland wird Autorität nicht so stark hinterfragt, wie in Deutschland. Allerding kann es neben der anderen Kultur schon auch am unterschiedlichen Wetter liegen. Ich hörte, ihr hättet schon 15 Grad gehabt?“

Ja, es ist warm und sonnig.

„Das haben wir hier in Lettland nicht. Das Wetter ist jetzt mit zwei bis drei Grad eher zu kalt, um sich draußen zu treffen. Man sieht jedenfalls nur ganz vereinzelt jemanden. Vielleicht mit seinem Hund spazieren gehen, aber ansonsten sind die Straßen leer. Die Leute bleiben zu Hause. Außerdem haben Geschäftsketten wie Maxima und Rimi einen extra Zeitraum für Pensionäre belegt, damit diese dann dort alleine einkaufen können. Zusätzlich wurden oft Handkörbe abgeschafft, wodurch nur noch Einkaufswagen zur Verfügung stehen: Damit soll zusätzlich ein Anreiz geschaffen werden, wenn, dann nur noch groß einkaufen zu gehen.“

Hören Sie denn viel aus Deutschland? Auch in der jetzigen Lage? Und wenn ja, aus welchen Quellen?

„Ja, ich höre nach wie vor sehr viel. Meistens von Familie und Freunden, wir stehen in Kontakt. Normalerweise lese ich auch Zeitung. Aber da ich mich jetzt gerade auch noch auf das Examen vorbereite – denn die Universität hat es bis jetzt noch nicht verschoben – habe ich momentan weniger Zeit für deutsche Medien.“

Hatten Sie den Eindruck, dass die Reaktionen auf das Corona-Virus in den beiden Ländern etwa gleich ausgefallen sind?

„Nein, überhaupt nicht! In Lettland hat man schon reagiert, als die Deutschen es noch nicht einmal ernst genommen haben. Die ganzen Reaktionen kamen hier viel schneller. Nach 15 bis 20 Fällen wurden in Lettland schon die Grenzen geschlossen. Aber man muss auch dazu sagen, dass hier die Bevölkerungsanzahl viel geringer ist. Deutschland hat mehr Einwohner. Hier dagegen sind 15 bis 20 Fälle viel. Die lettischen Grenzen bleiben, heißt es offiziell, bis zum 14. April geschlossen. Aber inoffiziell munkelt man, dass es noch viel länger dauern wird.“

Bedeutet das, dass es gar keine Möglichkeit mehr für Sie gibt, nach Deutschland zurück zu kehren?

„Ich habe die Deutsche Botschaft angeschrieben. Mir wurde geantwortet, dass sie noch regelmäßig Fahrten zurück nach Deutschland organisieren. Ich müsste also vielleicht etwa 14 Tage warten, wenn ein Notfall einträte. Aber momentan käme ich vermutlich schon noch zurück. Air Baltic, ein lettisches Flugunternehmen, bietet zum Beispiel am Freitag einen Flug von Riga nach Frankfurt an. Aber mal schnell fliegen? Regelmäßig meine Familie besuchen? Das geht jetzt nicht mehr.“

Zwischen zwei Ländern zu pendeln, in beiden Länden eine Heimat, Familie und Freunde zu haben, das ist bestimmt auch so schon nicht leicht? Ist die Situation denn momentan verglichen dazu noch schwieriger für Sie?

„Ja, die Situation jetzt ist besonders kompliziert. Sie ist belastend, vor allem auch für mich, da ich mitten in der Vorbereitung meines Examens bin. Das viele Lernen macht es noch schwieriger, bei beiden Ländern – also doppelt – „up to date“ zu bleiben. Und die Sorgen um meine Eltern sind natürlich riesig. Zum Glück habe ich Geschwister. Für andere Familien ist es sicher noch schwerer.“

Als angehender Mediziner: Haben Sie den Eindruck, dass die Gefahr durch das Virus für die lettische Bevölkerung etwa vergleichbar mit der Gefahr für die deutsche Bevölkerung ist? Sind sich die Gesundheitssysteme ähnlich?

„Das lettische Gesundheitssystem ist extrem unterbesetzt. In Deutschland heißt es das ja schon immer. Aber hier ist die Lage noch mal eine andere. Gravierend auch schon in normalen Zeiten. Es läuft, aber es ist auch ohne Corona schon kurz davor gewesen, zusammen zu krachen. Denn obwohl die Ärzte sehr gut ausgebildet werden, verdienen sie später etwa 500 Euro im Monat. Sie müssen 3 Jobs machen, damit sie überhaupt leben können. Die Arbeitsbelastung ist enorm. Es kann auch zu normalen Zeiten vorkommen, dass Krankenschwestern nicht in Urlaub gehen dürfen, weil einfach zu wenig Personal da ist. Auch Maschinen und Material sind ein Luxus, den nicht jede Klink hat. Es fehlt an allen Ecken und Ende.

Am 07. November gab es eine Demonstration des Gesundheitspersonals mit der Forderung nach 20 Prozent mehr Gehalt. Die Regierung hatte diese dem Gesundheitspersonal zuvor zugesagt, aber bei der Budgetverteilung des Regierungshaushalts nicht eingehalten. An diesem Tag legte das Gesundheitspersonal die Arbeit nieder und demonstrierte vor dem Rathaus. Nur noch Notfallprozeduren wurden durchgeführt. Die Politiker hielten an dem Tag eine Wahl ab, um zu entscheiden ob das Budget neu verteilt werden sollte, entschieden sich jedoch dagegen.

Krankenversicherung für die Bevölkerung gibt es zwar, aber auch die läuft auf Low-Level. Jeder Arztbesuch kostet den Patienten zusätzlich extra Geld. Das wird sehr teuer. Man kann sagen: Lettland ist das Land, wo man am meisten zur Krankenversicherung dazu bezahlen muss. Und die Wartezeiten sind wirklich lang. – Jetzt, in der aktuellen Notfalllage, hat die Regierung 1 Milliarde Euro ins Gesundheitssystem investiert.“

Was würden Sie sich persönlich, speziell in Ihrer eigenen jetzigen Lage, für die Zukunft wünschen?

„Ich hoffe natürlich, sowohl für Deutschland, als auch für Lettland, dass während der Krise in beiden Ländern jeweils gute, geeignete Maßnahmen getroffen werden. Und ich hoffe für uns alle, dass alles schnell wieder gut, normal wird.“