12.03.2019, 13:47 Uhr

Umfrage Ohne Not in die Notaufnahme?

(Foto: leaf/123rf.com)(Foto: leaf/123rf.com)

38 Prozent würden das Krankenhaus trotz geöffneter Arztpraxen wählen.

DEGGENDORF Überlaufene Notaufnahmen, überlastete Ärzte, Patienten in der Warteschleife: Bundesgesundheitsminister Jens Spahn will die Notfallversorgung umkrempeln, damit genau das nicht mehr passiert. Ziel ist eine stärkere Steuerung der Patienten über neue gebündelte Leitstellen und zentrale Anlaufstellen in Kliniken, die beide jeweils über die Behandlung entscheiden sollen. Das Kernproblem bisher: Immer häufiger blockieren Patienten mit Bagatellerkrankungen den Ablauf in Notaufnahmen – auch zu den Öffnungszeiten der ambulanten Arztpraxen. Eine Forsa-Umfrage im Auftrag der KKH Kaufmännische Krankenkasse bestätigt dieses Bild: Von allen rund 1.000 Befragten würde mehr als jeder Dritte das Krankenhaus trotz geöffneter Praxen ansteuern – auch wenn er bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden Hilfe benötigt.

Von denjenigen Befragten, die in den vergangenen fünf Jahren tatsächlich mindestens einmal in der Notaufnahme waren, ging fast jeder Dritte innerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen ins Krankenhaus – auf eigene Initiative, ohne Überweisung oder Rettungseinsatz. Unter den 18- bis 29-Jährigen hätte alternativ sogar fast jeder Zweite einen Haus- oder Facharzt kontaktieren können. Als Grund gaben mehr als 40 Prozent der Notaufnahme-Nutzer an, dass sie sich im Krankenhaus medizinisch besser versorgt fühlen als in der Arztpraxis. Ein Viertel der Befragten wurde nach eigener Aussage vom Haus- oder Facharzt an die Notaufnahme verwiesen. Ebenfalls knapp ein Viertel führte als Grund an, dass Patienten dort ohne einen Termin Hilfe erhalten. 13 Prozent sagten, dass sie so kurzfristig keinen Termin in der Arztpraxis bekommen und deshalb die Notaufnahme aufgesucht hätten. Nur zwölf Prozent gaben an, dass ihre Beschwerden in der Arztpraxis nicht behandelt werden (etwa Berufsunfälle, schwere Unfälle, Fälle für Notoperationen).

„Bei gesundheitlichen Beschwerden will natürlich jeder rasche und umfassende medizinische Hilfe erhalten. Diese gibt es aber an Werktagen tagsüber nicht nur in der Notaufnahme, sondern auch in Arztpraxen“, erläutert Robert Deindl vom KKH-Serviceteam in Deggendorf. „Nur bei gravierenden und lebensbedrohlichen Beschwerden ist die Notaufnahme eines Krankenhauses tagsüber die richtige Adresse.“

Geht es darum, außerhalb der Öffnungszeiten von Arztpraxen bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden medizinische Hilfe zu erhalten, würde etwa je ein Drittel aller Befragten den ärztlichen Bereitschaftsdienst anrufen oder in die Notaufnahme gehen. Rund jeder Fünfte würde eine ambulante Notfallpraxis aufsuchen. Unter denjenigen, die die Notaufnahme bevorzugen, kennen immerhin fast 40 Prozent den ärztlichen Bereitschaftsdienst, würden aber dennoch zuerst ins Krankenhaus gehen, als dort anzurufen. Acht Prozent würden den Rettungsdienst unter der Nummer 112 alarmieren. „Natürlich ist es für Laien schwer einzuschätzen, ob es sich um einen Notfall handelt oder nicht“, sagt Robert Deindl. „Mögliche Gefahren hängen darüber hinaus mit dem Gesundheitszustand jedes einzelnen, also mit eventuellen Vorerkrankungen, zusammen.“ In lebensbedrohlichen Fällen wie bei Verdacht auf einen Schlaganfall, bei Blutungen oder Atemnot sollten Patienten auf jeden Fall den Rettungsdienst 112 rufen oder sich ins Krankenhaus bringen lassen. „Wer die Notaufnahme aber mit Bagatellbeschwerden aufsucht und so die Wartezeit auf einen Arzttermin umgehen will, erschwert die Versorgung echter Notfälle erheblich“, betont Deindl.

Das Bewusstsein, dass Schnupfen und aufgeschürfte Knie keine Notfälle sind, scheint auch bei nahezu allen von Forsa Befragten vorhanden zu sein: Obwohl für einen Großteil die Notaufnahme die erste Wahl ist, betonte dennoch die deutliche Mehrheit, dass sie das Krankenhaus nur mit größeren (83 Prozent) oder schweren Beschwerden (87 Prozent) aufsuchen würde – etwa bei Verdacht auf einen Knochenbruch, eine Vergiftung, Blinddarmentzündung oder einen Herzinfarkt. Nur zwei Prozent sagten, dass sie auch mit leichten Beschwerden wie einer Erkältung oder Verstauchung in die Notaufnahme gehen würden. „In vielen Fällen reicht es aus, den ärztlichen Bereitschaftsdienst zu kontaktieren“, sagt Robert Deindl. Dieser Service ist auch der großen Mehrheit aller Befragten bekannt – nämlich 78 Prozent. Allerdings konnten nur 15 Prozent die Nummer 116 117 korrekt angeben. Anrufer erfahren vom ärztlichen Bereitschaftsdienst etwa, in welche Praxen sie außerhalb der regulären Öffnungszeiten gehen können.

112 bzw. Notaufnahme: Bei Lebensgefahr, sehr starken Schmerzen, Herzbeschwerden sowie schweren Verletzungen und Atemnot. „Hinter Brustschmerzen kann auch mal ein kleiner Infekt stecken, aber möglicherweise auch ein Herzinfarkt oder eine Lungenembolie“, betont Robert Deindl. Auch bei sehr starken bis unerträglichen Bauchschmerzen sind ein Besuch im Krankenhaus oder ein Anruf beim Rettungsdienst unter 112 angezeigt, denn möglicherweise handelt es sich um eine Blinddarmentzündung, einen Darm- oder Magendurchbruch. „Auch bei Taubheitsgefühlen sollten Patienten lieber auf Nummer sicher gehen“, sagt Deindl.

116 117 bzw. Notfallpraxis: Bei nicht lebensbedrohlichen Beschwerden, wenn die Praxen geschlossen sind und die Behandlung nicht bis zum nächsten Tag oder bis nach dem Wochenende warten kann, etwa bei anhaltendem Brechdurchfall, hohem Fieber oder starken Bauchschmerzen. Das Personal des ärztlichen Bereitschaftsdienstes berät die Anrufer und vermittelt die nächstgelegene ambulante Notfall- bzw. Bereitschaftspraxis. Wenn Patienten diese aus gesundheitlichen Gründen nicht aufsuchen können, kommt ein Arzt nach Hause. Gegebenenfalls werden die Anrufer auch telefonisch mit einem diensthabenden Arzt verbunden. Der ärztliche Bereitschaftsdienst wird in einigen Regionen auch als Notfalldienst oder Notdienst bezeichnet. „Er ist jedoch nicht zu verwechseln mit dem Rettungsdienst, der bei lebensbedrohlichen Beschwerden unter 112 gerufen wird.

Das Meinungsforschungsinstitut Forsa hat 1003 Personen zwischen 18- und 70 Jahren Anfang 2019 repräsentativ befragt.


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