01.07.2020, 16:54 Uhr

Abrechnung mit dem Millionenzirkus „Poker-Profi? Ich würde es keinem raten“


Der Straubinger Thomas Pinzke tourte als Poker-Profi durch die Welt – in seinem Buch erzählt er von schillernden Stars, spektakulären Händen aber auch von geplatzten Träumen.

Straubing. „Disziplin, Geduld, Lernbereitschaft“. Für Thomas Pinzke sind dies die wichtigsten Eigenschaften, die ein guter Pokerspieler für den Erfolg mitbringen muss. Der Straubinger muss es wissen. Seit über 30 Jahren brennt seine Leidenschaft für das bekannteste Kartenspiel der Welt. Gut zwei Jahre war der heute 47-Jährige sogar als Profi unterwegs. In einer schillernden Welt, in der um begehrte Titel, vor allem aber um schwindelerregende Preisgelder gezockt wird.

Einige Stars der Szene sind zigfache Millionäre. Allein bei der Weltmeisterschaft, der World Series of Poker (WSOP), streicht der Sieger des „Main Events“ satte zehn Millionen Dollar ein. Der amtierende Champion, Hossein Ensan (55), kommt aus Deutschland. Pinzke kennt ihn gut. „Ich saß im King's Casino (bekannte Spielbank in Tschechien, d. Red.) schon einige Male mit Ensan am Cash Game-Tisch und hatte mit ihm meinen Spaß“, erzählt er.

Die Summen, die bei den hochkarätigen Events ausgespielt werden, sind atemberaubend. Doch längst nicht jeder Spieler kann vom Kartenspielen leben. Viele scheitern, müssen die Hoffnung auf Ruhm und finanzielle Unabhängigkeit begraben. Auch das Privatleben kann Schaden nehmen. Pinzke hat in seinem zweijährigen Profi-Intermezzo die Schattenseiten kennengelernt. Heute sagt er: „Letzten Endes muss man sich entscheiden, ob man mit allen Konsequenzen das Leben eines Pokerprofis führen will oder nicht. Ich würde es keinem raten. Es ist sehr schwierig, dies mit einer Partnerin oder der Familie zu vereinbaren. Deswegen habe ich mich, als ich meine Liebe und Familie gefunden habe, dagegen entschieden.“

Die große Liebe, das ist seine Verlobte Katalin (35). Als echte Patchwork-Familie mit drei Kindern (16, 10, 7) leben sie in Straubing. Im nächsten Jahr, so sich bis dahin die Corona-Krise entspannt hat, wollen sie heiraten.Vielleicht sogar in der glitzernden Spielerstadt Las Vegas, die für Pinzke die „zweite Heimat“ geworden ist.

Der gebürtige Regensburger (Spitzname „Raiser“) kehrte also dem Profi-Zirkus den Rücken, hat beruflich längst andere Prioritäten gesetzt. „Ich habe momentan einen sehr interessanten Job im Reisemobil- und Caravan-Verkauf und auch noch nebenher meine kleine Firma für Seniorenbetreuung“, berichtet er. Gleichwohl, die Faszination Poker hat ihn nie wirklich losgelassen.

Dann kam Corona und das bis dahin pulsierende Turniergeschehen im In- und Ausland praktisch zum Stillstand. Auch die Weltmeisterschaft, die von Mai bis Juli in den USA stattfinden sollte, wurde auf einen noch unbekannten Termin verschoben. Weil Menschenansammlungen gemieden werden, boomt das Online-Poker. Auch beim digitalen Ableger lassen sich Titel und dicke Preisgelder gewinnen. Und mit einem fiesen Virus anstecken kann man sich dort auch nicht. Für Pinzke, der sich in der Region auch als Coach und Turnierveranstalter einen Namen gemacht hat, bestenfalls eine Notlösung: „Ich spiele ab und an und das auch mit Erfolg, dennoch bin ich kein Fan vom Online-Poker.“ Seine Begründung: „Ich mag vor allem den psychologischen Aspekt und und dieser ist aber beim Online-Poker fast gar nicht vorhanden.“ Die Kontrahenten lesen, verräterische Gesten oder Mimik erkennen und auszunutzen – das macht für ihn den Reiz aus. Nach der Schockstarre durch die Pandemie öffnen nun langsam die Casinos wieder ihre Pforten. „Der Rubel muss rollen“, sagt Pinzke. Für ihn selbst ist der Besuch einer Spielbank derzeit kein Thema: „Ich bin ein sicherheitsbewusster Mensch. Wegen Corona verspüre ich keinen Drang, ins Casino zu gehen.“

In den vergangenen drei Jahrzehnten hat er an den Pokertischen dieser Welt eine Menge erlebt: denkwürdige Sessions, spektakuläre Hände und Duelle mit Topleuten wie etwa Daniel Negreanu oder Tom Dwan – Pinzke kann eine Menge erzählen. Deshalb ist er unlängst unter die Autoren gegangen, arbeitet an seinem ersten Buch. Titel: „Die ganze Wahrheit über Poker und nichts als die Wahrheit“. Anfang nächsten Jahres soll sein Erstlingswerk erscheinen, das, so verrät der 47-Jährige, nicht nur Tipps und Tricks, sondern auch viele persönliche Einblicke in sein Leben enthalten wird. Auch einige Poker-Promis kommen zu Wort. „Es soll kein trockenes Lehrbuch sein, sondern ein spannendes, witziges, interessantes Buch mit viel autobiografischem Hintergrund. Und eben auch schonungslos ehrlich“, erzählt er. Der 47-Jährige will in seinem Buch „mahnende Worte“ finden und „nicht das Gelbe vom Ei versprechen“. Denn Schein und Sein liegen in der vermeintlichen Poker-Traumfabrik oft weit auseinander.

Dennoch, auch als Amateur ist Pinzkes Lust auf Siege längst nicht gestillt. Dem Turniertriumph 2013 im legendären Caesars Palace in Las Vegas („Mein schönstes Erlebnis“) und so manch profitablem Cash Game („Meine Spezialität“) möchte er weitere Poker-Sternstunden folgen lassen. Wenn es Corona zulässt, stehen zwei millionenschwere und prestigeträchtige Events im Fokus: Der Hauptwettbewerb der Weltmeisterschaft in den USA und die PCA (Pokerstars Caribbean Adventure) auf den Bahamas.

Wenn er sich diese beiden Träume erfüllt, könnte seinem ersten Buch vielleicht ja irgendwann ein nicht minder spannendes Sequel folgen.


0 Kommentare