14.02.2018, 14:56 Uhr

Nach Übergriff Gefährliche Sextäter auf freiem Fuß – wer schützt die Bevölkerung?


Immer wieder kommt es zu Übergriffen, obwohl Behörden die Täter bereits kennen. Das Wochenblatt hat recherchiert, wie die Justiz und die Polizei mit freigelassenen Sexualstraftätern umgehen. Das Ergebnis ist ernüchternd.

REGENSBURG Es ist ein Fall, der viele Menschen in der Region erschüttert hat. Ein zehnjähriger Junge wurde am Montag vor einer Woche von einem bislang unbekannten Mann in der Nähe des Jakobstores angesprochen, in den Stadtpark gelockt – und sexuell missbraucht.

Immer wieder kommt es zu Übergriffen auf Frauen und Kinder. Nicht selten sind es Täter, die bereits wegen Sexualdelikten verurteilt wurden. Bayern war auf dem Gebiet der Erfassung von gefährlichen Sexualstraftätern auf freiem Fuß Vorreiter: Bereits 2007 wurde die „Haft-Entlassen-Auskunfts-Datei-Sexualstraftäter“, kurz HEADS, eingerichtet. Dort sind in Bayern all jene Täter gespeichert, die wegen einer Sexualstraftat oder wegen Tötungsdelikten mit sexueller Komponente verurteilt wurden. Sie müssen zudem ihre Haftstrafe verbüßt haben und von der Staatsanwaltschaft, die der Polizei ihre Freilassung meldet, als weiterhin gefährlich eingestuft werden.

Zuständig für die Datei ist das Polizeipräsidium München. Derzeit sind laut den Münchnern 1.400 sogenannte Probanden in HEADS gespeichert. „Seit der Konzeption der Datei 2006 ist die Anzahl der darin gespeicherten Probanden zunächst kontinuierlich gestiegen, seit fünf Jahren bewegt sie sich nunmehr auf konstantem Niveau“, sagt ein Sprecher der Behörde auf Anfrage. Eingestuft werden die Täter in vier verschiedene Stufen des Gefährdungspotentials, das übrigens die Polizei einschätzt: Das Rückfallpotential ist demnach niedrig, mittel, hoch oder herausragend. Laut Polizei sind es 4,5 Prozent der in der Datei gespeicherten Personen, die als herausragend rückfallgefährdet eingestuft werden – es sind exakt 63 Menschen, die in ganz Bayern irgendwo in der Nachbarschaft leben, von denen aber nur die Polizei erfährt. Weitere 18,5 Prozent, also 259 Menschen, haben ein hohes Rückfallpotential. Insgesamt leben in Bayern also mehr als 320 hoch- oder sogar herausragend gefährliche Sexualstraftäter.

„Oft sind Kinder die einzigen Zeugen“

Günther Perottoni ist Vorsitzender des Weißen Rings in Regensburg, betreut Opfer sexueller und körperlicher Gewalt. „Viele Opfer fühlen sich allein gelassen“, sagt Perottoni im Gespräch mit dem Wochenblatt. „Vor allem, wenn es im familiären Bereich zu sexuellen Straftaten kommt und etwa der Großvater die Enkelin missbraucht, steht oft Aussage gegen Aussage.“ Kürzlich erst erlebte Perottoni, was das für eine Familie bedeuten kann. „Wir hatten jüngst einen Fall, bei dem eine Marokkanerin von ihrem deutschen Ehemann mehrfach vergewaltigt wurde“, so Perottoni. Die beiden Kinder, acht und zwölf Jahre alt, waren die einzigen Zeugen. „Die mussten Aussagen, das war wirklich schlimm. Aber anders konnte man den Fall juristisch nicht klären.“ Zu wenig Schutz für die Opfer, zu niedrige Strafen für die Täter – das ist, was Perottoni in seinem Arbeitsalltag erlebt. Der ehemalige Kripo-Mann, der 25 Jahre lang Mord und Totschlag aufklärte, weiß auch: Nicht jede restriktive Maßnahme ist wirksam. „Als vor Weihnachten eine Frau von einem verurteilten Sexualstraftäter angefallen und fast vergewaltigt wurde, nutzte es auch nichts, dass der Mann eine Fußfessel trug“, sagt Perottoni. Und auch die Tatsache, dass der Mann in der Sextäter-Datei gespeichert war, hielt ihn nicht davon ab, eine Frau anzufallen.

Regensburger Polizei will keine Details nennen

Die Polizeipräsidien gehen sehr unterschiedlich damit um, dass in ihren Computern das Gefahrenpotential für die Bevölkerung schlummert. Das Präsidium Niederbayern beispielsweise teilt auf Anfrage mit, dass 78 freigelassene Sexualstraftäter in Niederbayern leben. Vier davon sind Passauer, sechs Straubinger und drei Landshuter. Das Polizeipräsidium Oberpfalz mit Sitz in Regensburg teilt lediglich mit, dass es 88 HEADS-Probanden im Regierungsbezirk gibt. Wie viele es in Regensburg sind, wolle man „aus grundsätzlichen Erwägungen heraus“ nicht mitteilen. Täterschutz vor Opferschutz – ein Klassiker in unserem Rechtsstaat. Doch wie funktioniert die Datei, wenn man sie als Warnsystem versteht? Der Sprecher der Münchner Polizei sagt, das Ziel von HEADS „ist die Minimierung des Risikos einer erneuten Begehung von Straftaten von als besonders rückfallgefährdet eingestuften Sexualstraftätern“. Um solche Entwicklungen „frühzeitig zu erkennen, werden umfangreiche polizeiliche Maßnahmen durchgeführt.“ Das kann das regelmäßige „polizeiliche Ansprechen sein, aber auch der enge Austausch mit anderen beteiligten Behörden“. Ein Alarmsignal ist, wenn ein Sexualstraftäter eine gerichtlich angeordnete Therapie abbricht. Diese Täter sind „statistisch signifikant höher rückfallgefährdet“, heißt es bei der Polizei. Überhaupt ist es schwer, die Täter richtig einzuschätzen. Eine Studie aus Hessen unter Sexualstraftätern in der dort „ZÜRS“ genannten Datei ergab, dass 20 Prozent der Täter versuchten, Gutachter über die Rückfall-Wahrscheinlichkeit zu täuschen. Nur 22 Prozent der Täter – Kinderschänder, Vergewaltiger, aber auch Exhibitionisten – bereuten ihre Tat.

Im Fall des missbrauchten Zehnjährigen vom Stadtpark rät Perottoni Eltern übrigens, mit ihren Kindern über das Geschehene zu sprechen. „Man muss die Kinder frühzeitig aufklären, dass sie nichts von Fremden annehmen, geschweige denn mitgehen dürfen“, sagt der ehemalige Kripo-Mann.


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