15.07.2020, 06:20 Uhr

Schrebergarten-Schock in Neufahrn „Wir haben Angst, dass wir hier weg müssen“


Familie aus Neufahrn (Landkreis Landshut) erfüllte sich den Traum von der Parzelle im Grünen – doch jetzt gibt's ein böses Erwachen.

Neufahrn. Natur, frische Luft, abschalten vom Alltag – der eigene Schrebergarten war für Anita Eichstetter (49) und ihren Lebensgefährten Tobias (39) ein lang gehegter Traum. Im Frühling wurde er endlich Wirklichkeit. Doch die Freude über eine eigene Parzelle im Grünen währte nur kurz. Jetzt droht dem Pärchen und den Kindern Isabel (16), Veronika (14), Franziska (13) und Johann (12) nämlich die Vertreibung aus ihrem kleinen Paradies. Anita Eichstetter ist fassungslos: „Das ist so traurig.“

Der Reihe nach: Im April entdeckt die 49-Jährige eine Annonce in einem Online-Portal. Nicht weit von ihrer Wohnung in Neufahrn (Landkreis Landshut) werden Schrebergarten-Grundstücke verpachtet. „Biete einen kleinen Garten zur Freizeitgestaltung und zur Erholung am Wochenende“ heißt es in der Anzeige. Anita Eichstetter wird sich mit der Inserentin einig, mietet zwei Freiflächen, die sie zu einem etwa 160 Quadratmeter großen Areal vereint. Endlich, genug Platz für die ganze Familie!

Um so wichtiger, weil die Großfamilie ansonsten auf wenigen Quadratmetern in einer Gemeindewohnung lebt. „Man ist da ziemlich eingezwängt“, erzählt die Reinigungskraft, „und durch Corona ist es noch schlimmer.“ Kontaktbeschränkungen, kaum Freizeitmöglichkeiten, Unterrichtsausfall – vor allem den Kindern fiel da in der Drei-Zimmer-Wohnung ganz schnell die Decke auf den Kopf.

Nach Vertragsabschluss über das Grundstück am Schneiderweg (50 Euro Pacht pro Monat) beginnt die Familie mit dem Projekt „Schrebergarten“: Eine Hütte wird errichtet, dazu Sichtschutz, Bepflanzung, verschiedenes Mobiliar – das Areal wird zur Wohlfühl-Oase aufgehübscht. Alles eitel Sonnenschein? Nein. Denn vor ein paar Wochen urplötzlich die Hiobsbotschaft.

In einem Telefonat mit der Gemeinde, so erzählt Anita Eichstetter, sei ihr mitgeteilt worden, dass das Lauben-Idyll schon bald ein Ende haben könnte: „Mir wurde gesagt, dass es sich um landwirtschaftliche Flächen handelt. Die hätten gar nicht als Schrebergarten vermietet werden dürfen.“

Neufahrns Bürgermeister Peter Forstner (SPD) sagt zum Wochenblatt: „Wir waren überrascht, dass da neu hingebaut wird, ohne dass die Gemeinde davon etwas weiß.“ Der Gemeinderat hat Ende Juni den Daumen gesenkt und sich gegen eine Tolerierung der „Freizeitgrundstücke“ (Forstner) ausgesprochen. Für die Nutzer sei dies keine einfache Situation, weiß Neufahrns Rathauschef, „aber wir müssen uns ans Gesetz halten.“

Ein Schock für die Familie, die bereits viel Geld, Liebe und Arbeitszeit investiert hatte. Weitere Projekte, zum Beispiel ein neues Gerätehaus oder das geplante Hochbeet, haben sie auf Eis gelegt. Die Unsicherheit nagt an ihnen. „Wir haben schlaflose Nächte. Wir wissen nicht, wie es weitergeht.“

Sie sind nicht allein. Auf dem Areal am Schneiderweg gibt es mehrere Grundstücke mit Bebauung. „Die Gemeinde möchte, dass alles zurückgebaut wird“, sagt Anita Eichstetter.

Die Hobbygärtnerin hat zwar die Pachtzahlung ausgesetzt, aber viel schwerer wiegt die Sorge, ihren Schrebergarten nicht mehr nutzen zu dürfen.

Inzwischen ist das Landratsamt als Genehmigungsbehörde in den Schrebergarten-Ärger eingebunden. Anita Eichstetter, Lebensgefährte Tobias und die Kinder blicken den nächsten Wochen mit einem mulmigen Gefühl entgegen: „Da wird über unsere Zukunft entschieden. Wir haben große Angst, dass wir weg müssen.“


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