23.02.2018, 12:01 Uhr

Die etwas andere Kolumne von Mike Schmitzer Der Reserve-Italiener

Kellner müssen inzwischen auch „Reserve-Italienisch“ sprechen. (Foto: 123rf)Kellner müssen inzwischen auch „Reserve-Italienisch“ sprechen. (Foto: 123rf)

Bitte nicht mit dem vhs-Sprachwissen im Restaurant bestellen!

Als Kellner eines italienischen Restaurants in Deutschland muss man ein echtes Sprachtalent sein. Es reicht nicht mehr Bairisch und Deutsch zu verstehen, man muss auch bewandert sein im „Reserve-Italienisch“.

Kürzlich beim Italiener: Eine vierköpfige Gruppe wichtig erscheinender „Business-Leute“ macht sich an meinem Nachbartisch auf den Plastikstühlen breit. Als der Kellner erscheint, begrüßt ihn einer der Männer — offensichtlich der Anführer — schon von weitem mit einem langgezogenen „Tschaaaaauuuuu“. Ich wette, der Typ besteht normalerweise darauf, von jedem gesiezt zu werden. Zumindest siezen ihn die anderen drei Tischgenossen brav. Aber mit dem Kellner ist er per Du. Ich hab mich schon oft gefragt, warum unbedingt jeder mit dem Italiener und dem Griechen per Du sei muss.

Der Kellner schauspielert Wiedererkennungsfreude (was tut man nicht alles für ein ordentliches Trinkgeld), hebt die buschigen Augenbrauen und flötet: „Ciao Signori, darf es schon etwas zu Trinken sein?“ Und jetzt läuft unser Anführer zur Hochform auf: „Äh drei Dings, ähm Aqua Minerale ohne Gas — schee caldo — e una Birra äh spina — also alkoholfrei.“

Der Kellner verzieht keine Mine und wiederholt die Bestellung auf Deutsch: „Drei kühle Mineralwasser und ein alkoholfreies Bier. Sehr gern.“

Nun heißt „caldo“ eigentlich „warm“ und „Birra alla spina“ steht für „Bier vom Fass“, aber woher soll das der Kellner wissen, denn er ist ja mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit selbst kein Italiener. Die Italienerquote unter den Kellnern in italienischen Restaurants ist nach meiner Erfahrung erstaunlich niedrig. Aber der deutsche Gast kennt ja eh keinen Unterschied zwischen Italienern, Slowenen, Ungarn oder Kroaten. Hauptsache ein südländischer Typ serviert die Speisen. Apropos Speisen: Unser sprachkundiger Gast hat sich fest vorgenommen, die Sache durchzuziehen, und übernimmt jetzt für seine drei Kollegen die Bestellung. Und das klingt dann in etwa so:

„Also für mich einen Insalada mista aber ohne Tomaten bitte, also senza Pomodori und una Pizza Regina aber ned mit so vui Käs. Dann, ähm uno mal Calamari alla griglia — de san ja frisch, oder? — aber ohne Knoblauch. Wie heißt Knoblauch glei wieder auf italienisch? Egal. Dann brauch ma no uno Cotoletta Milanese, also paniert, mit Patatine fritto. Und was wollten Sie jetzt glei wieder Herr Dings? Ah ja genau: Rigatoni alla casa überbacken.“

Der Kellner (inzwischen ist mir wieder eingefallen, dass er mir mal erzählt hat, aus Mazedonien zu stammen) nickt verständig, wiederholt abermals die Bestellung auf Deutsch und wendet sich nach einigen Schritten schwungvoll um: „Ketchup zu den Pommes?“.

„Prego — ähm: per favore“. Unser Reserve-Italiener lehnt sich zufrieden mit sich zurück und grinst in die Runde.

Gut, dass er dabei war, sonst hätte die Bestellung wahrscheinlich in einem völligen Chaos geendet ...

Also ehrlich, ich würde mir wünschen, dass die vhs sich von jedem Teilnehmer eines Italienischkurses per Unterschrift bestätigen lässt, dass dieser das Gelernte unter gar keinen Umständen beim Italiener in Deutschland anwenden darf!


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