26.11.2019, 15:29 Uhr

Olympiade der Naturvölker Alaska – das Land, in dessen Richtung das Meer strömt

(Foto: Christian Bauer)(Foto: Christian Bauer)

Fächerübergreifender Unterricht vom Feinsten erwartete die Schüler der achten und neunten Jahrgangsstufe der Gregor-Scherr-Realschule in Neunburg vorm Wald beim Alaska-Vortrag am 14. November. Schon zum dritten Mal war der Referent, Axel Burgheim, in Neunburg zu Gast und präsentierte in 90 Minuten auf anschauliche, mitreißende Art und Weise geballtes Wissen aus den Bereichen Biologie, Geographie und Geschichte in englischer und deutscher Sprache.

NEUNBURG VORM WALD Die Liebe zu Land und Leuten führte dazu, dass sich der gebürtige Hamburger bei einem Urlaub in Nordamerika vor vielen Jahren dazu entschied, in Alaska zu bleiben. Er erlebte mit, wie sich dieses wunderschöne Land veränderte, weil das Klima sich veränderte, und berichtet von extremer Trockenheit nördlich des 60. Breitengrades. Die daraus resultierenden Feuerstürme, die im Sommer in Alaska wüteten, vergleicht Burgheim mit dem brennenden Hamburg nach dem Bombenabwurf der Engländer im 2. Weltkrieg. Deutschland liegt nördlich des 50. Breitengrades. Was erwartet dieses waldreiche Land, wenn es nicht gelingt, den Klimawandel aufzuhalten?

Dann schildert Burgheim seine „ersten Schritten“ im fremden Land: Die ersten drei Jahre sei er nur schwer bewaffnet unterwegs gewesen, erzählt er und zeigt ein Bild, auf dem der Schatten eines Mannes mit einem Gewehr und einer Pistole zu sehen ist. Doch irgendwann sei er dann doch „seinem ersten Bären“ begegnet und habe erkannt, dass die Tiere meist nicht aggressiv und auf Angriff aus sind. Als leidenschaftlicher Angler saß Burgheim an einem der glasklaren Flüsse Alaskas, um Lachse zu fangen. Viele Stunden hatte er da schon gesessen - ohne Erfolg. Er wechselte den Köder. Da! Ein Biss! Bergheim war gerade dabei, den Fisch an Land zu bringen, da bemerkte er aus dem Augenwinkel einen Bären, der ganz interessiert das aufspritzende Wasser beobachtete. Burgheim holte die Leine weiter ein, der Bär blieb. Der Lachs wurde losgemacht, der Bär kam näher. Der Deal war klar: Lachs für den Bären, Schnur und Köder für den Angler. Der Bär machte sich mit dem Lachs davon in den Wald. Trotz dieser Begegnung wollte Burgheim nicht aufhören zu angeln. Er hatte jetzt endlich den richtigen Köder gefunden! So ging das mehrere Tage. Jeder Fang wurde an den immer näher herankommenden wartenden Bären abgegeben. Der Angler wunderte sich über den unersättlichen Gefährten. Schließlich wurde er neugierig, folgte dem Bären mit der Kamera in den Wald und schoss viele Fotos. Doch nach einiger Zeit wurde es dem Bären zu viel und er schnaubte missmutig in Burgheims Richtung. Der verstand und trat den Rückzug an. Dabei sah er, dass nicht nur ein Bär in diesem Waldstück saß, sondern mehrere. Sie alle hatte er in den letzten Tagen mit seinen Lachsen durchgefüttert!

Es gibt noch weitere bärenstarke Erlebnisse. Da ist der junge Bär, der sich klein machte und davonlief, als er in Burgheim seinem ersten Menschen begegnete. Da ist die Bärenmutter mit dem schneeweißen Kopf, die mit ihren Jungen in Burgheims Zelt eingedrungen war. Bei der Plünderung seines Lebensmittelvorrats hatte sie den Kopf in den Mehlsack gesteckt. Als sie ertappt wurde, schaute sie Burgheim ganz schuldbewusst an. Der machte sich mithilfe seiner Jacke ganz groß, sie drehte sich schnell um und brach voller Panik durch die Rückwand des Zeltes. Und da ist der Bär, der dem flüchtenden Burgheim zu einer Hütte folgte und, nachdem der die Tür verbarrikadiert hatte, auf der anderen Seite zum Fenster hineinschaute. Untermalt werden die Geschichten mit vielen Bildern: Man sieht Abdrücke von Bärentatzen, die einen Eindruck von der Größe der Tiere vermitteln, Bärenmütter mit ihren Kindern, die sich aus dem schützenden Wald an den Fluss wagen, junge Bären, die im Wasser toben wie Menschenkinder und sichtlich Freude und Spaß haben, und noch viele Bären mehr, die Burgheim im Laufe der Jahre vor die Linse gekommen sind. Aber auch Fotos von anderen Tieren, von Elchen, Bergziegen, Orcas, Weißkopfseeadlern, Kolibris, Elstern, Haubentauchern, und von verschiedenen Pflanzen werden gezeigt. Auf einem Bild sieht man riesige Farne und Bäume an einem Fluss, in den so viele Lachse zum Ablaichen kommen, „dass man das Wasser nicht sehen kann“. Die Pflanzen an diesem Fluss, so erklärt Burgheim, seien deshalb so groß, weil die Lachse nach dem Ablaichen sterben und sich die toten Körper im Wasser zersetzen. Durch die Aufnahme des Wassers über die Wurzeln kommen den Pflanzen Stoffe, die die Fische aus dem Meer mitgebracht haben, zugute und sie erreichen dadurch ihre immense Größe. Das zeige, dass auf unserem Planeten alles zusammenhänge, so Burgheim.

Tier- und Pflanzenarten verschwinden, aber für Burgheim ist Umweltzerstörung noch viel mehr. Für ihn betrifft sie nicht nur Tiere und Pflanzen, sondern auch Menschen. Er erzählt von Begegnungen mit Nachkommen der Ureinwohner, der Haida in Kanada und der Yupik in Alaska, die vor mehreren zehntausend Jahren über die Beringa, die Region zwischen Sibirien und Alaska, die damals durch den Rückgang des Meeresspiegels trocken und damit begehbar war, nach Nordamerika einwanderten. Haida und Yupik findet man heute vom nördlichen Nordamerika bis hinüber nach Grönland. Noch immer leiden diese Menschen unter denen, die erst später auf den Kontinent kamen und die Macht darüber an sich rissen. Durch Kolonialisierung und Missionierung wurden die Ureinwohner verdrängt, ihre Kinder wurden den Eltern weggenommen und in kirchliche Internate gesteckt. Dort waren ihre Sprache und ihre Traditionen verboten. Die Kinder sollten nach den Wünschen der Kolonialherren zu brauchbaren Mitgliedern der Gesellschaft umerzogen werden. In den letzten Jahren erkannte so mancher Politiker, dass man den Ureinwohnern unfassbares Leid zugefügt hat, und entschuldigte sich dafür. An dieser Stelle zollt der Referent dem Premierminister Kanadas, Justin Trudeau, Respekt. Die Katholische Kirche habe dafür bisher keine Notwendigkeit gesehen, kritisiert Burgheim.

Am Ende des Vortrags erzählt Axel Burgheim von den Alaska Native Game Olympics, der Olympiade der Naturvölker, zu der auch Angehörige indigener Völker Südamerikas anreisen. Zusammen mit einigen Schülerninnen und Schülern zeigt Burgheim ein paar Disziplinen, in denen man sich bei diesen olympischen Spielen misst: Kinderrettung, wenn der Bär aus dem Wald kommt oder die Eisscholle bricht, Gegner aus dem Gleichgewicht ziehen und Schuhkicken aus dem Stand. Die Schüler waren konzentriert bei der Sache und spendeten Axel Burgheim am Ende einen langen Applaus.


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