04.05.2020, 18:27 Uhr

Studie der Uni Regensburg Smartphone, Tablet, Fernseher – Bildschirmmedien beeinflussen Vorstellungskraft von Kindern

Kinder vom Bildschirm eingenommen – was läuft im Geist ab? Foto: Philipp MartzogKinder vom Bildschirm eingenommen – was läuft im Geist ab? Foto: Philipp Martzog

Regensburger Pädagogen stellen einen negativen Einfluss von häuslichem Bildschirmkonsum auf einen wichtigen Baustein für Denken und Handeln fest.

Regensburg. Stellen Sie sich eine Blumenwiese an einem sonnigen Tag vor: Sie leuchtet in unterschiedlichen Grüntönen, durchsetzt mit blauen, violetten, gelben, weißen und roten Farbtupfern – den bunten Blüten der Wiesenblumen. Schmetterlinge flattern umher und scheinen sich gegenseitig zu jagen, Vögel zwitschern ein fröhliches Lied und es steigt Ihnen der würzige Geruch der Wiesenkräuter in die Nase… Können Sie die Wiese sehen? Hören Sie vielleicht sogar das Vogelgezwitscher und riechen den Duft der Kräuter? – Dann liegt das an Ihrer Vorstellungskraft. Diese Fähigkeit der Vorstellung haben nun Pädagogen der Universität Regensburg bei Kindern untersucht – und zwar im Zusammenhang mit dem häuslichen Bildschirmkonsum, etwa per Fernseher, Tablet oder Smartphone. Dabei haben die Wissenschaftler herausgefunden, dass eine häufigere Nutzung von Bildschirmmedien mit einer verzögerten Entwicklung von Vorstellungsfähigkeiten einhergehen kann. Die Ergebnisse der Studie sind in „Developmental Science“ erschienen.

Die Vorstellungskraft (Englisch: mental imagery) ermöglicht es uns, Ereignisse oder Objekte wie vor einem „inneren Auge“ abzubilden. Dies wird nicht zuletzt auch beim Lesen deutlich. Wer etwa Goethes „Italienische Reisen“ richtig liest, nimmt die beschriebenen Berge und Städte innerlich wahr. Dabei ist davon auszugehen, dass die Fähigkeit zur Erzeugung solcher inneren Bilder wesentlich auf tatsächlichen Erlebnissen und Erfahrungen mit den Vorstellungsobjekten basieren. Generell stellt die Vorstellungskraft sowohl bei Kindern als auch bei Erwachsenen einen wichtigen Baustein für kognitive Funktionen, wie etwa Denken, Problemlösen, Sprache und Fantasie dar. Blicken wir auf einen Bildschirm, nimmt uns dieser hier viel Arbeit ab. Allerdings ermöglichen Bildschirme nach wie vor fast ausschließlich visuelle und auditive Erfahrungen. Dies trifft besonders dann zu, wenn Bildschirmmedien genutzt werden, um Bilder oder Filme zu konsumieren. Die über den Bildschirm vermittelten Reize und Bilder werden dem Zuschauer bereits „vollständig“ präsentiert. Die eigenständige Erzeugung oder Ergänzung von Bildern, wie dies beim Hören oder Lesen einer Sprache erforderlich ist, entfällt.

Vor diesem Hintergrund haben die Regensburger Pädagogen untersucht, ob sich die Vorstellungskraft im Kindesalter langsamer entwickelt, wenn Kinder verstärkt Bildschirmerfahrungen machen. Angenommen wurde, dass solche Kinder generell weniger Übung bei der Erzeugung eigener Bilder haben und folglich eine geringere Vorstellungskraft entwickeln. An der Studie nahmen 266 Kindergartenkinder und Grundschülerinnen und Grundschüler zwischen drei und neun Jahren teil. Die Wissenschaftler stellten fest, dass sich die Vorstellungskraft im Beobachtungszeitraum umso langsamer entwickelte, desto länger die tägliche Nutzung von Bildschirmmedien andauerte. Dies galt nicht nur für die passive Bildschirmnutzung, zum Beispiel am Fernseher, sondern auch für die sogenannten aktiven Medien, wie Smartphone, Tablet oder PC. Die Wissenschaftler raten daher zu einer besonneneren Bildschirmnutzung und mehr kompensatorischer Aktivität. So gibt es Apps, die das Konzept des „Interaktiven“ berücksichtigen und zum Beispiel Elemente haben, die die aktive Bilderzeugung anregen. Generell gilt jedoch, dass Bildschirmmedien gesprochene Sprache, Vorlesen und so weiter nicht ersetzen können. Darüber hinaus sollten Kinder ausreichend Gelegenheit erhalten, sich auch in der dreidimensionalen Welt aktiv und kreativ zu betätigen.


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