10.11.2017, 14:48 Uhr

Dingolfing Brutaler Überfall „um Geld und Gold“ im Junkie-Milieu

Foto: Jürgen Unterhauser (Foto:Jürgen Unterhauser)Foto: Jürgen Unterhauser (Foto:Jürgen Unterhauser)

Drei Russlanddeutsche wegen schweren Raubs und gefährlicher Körperverletzung auf der Anklagebank

DINGOLFING Die Hintergründe für den brutalen Überfall eines Trios mit kasachisch-usbekischen Wurzeln auf einen kirgisischen Mechaniker (42) blieben zunächst im Dunkeln. Ob sie je geklärt werden, steht auf einem anderen Papier; denn das Trio schwieg zum Prozessauftakt vor der 6. Strafkammer des Landshuter Landgerichts zunächst zu den Tatvorwürfen und das Opfer ist derzeit schwer erkrankt, liegt auf der Intensivstation des Deggendorfer Klinikums.

Laut der von Staatsanwalt Thomas Rauscher vertretenen Anklage hatten sich der 33-jährige Schweißer Eugen K., der 34-jährige Möbelmonteur Andrej M. - beide mit kasachischen Wurzeln - und der aus Usbekistan übergesiedelte 34-jährige Gelegenheitsarbeiter Wilhelm B. von ihren Wohnorten Passau bzw. Deggendorf aus am 15. Januar dieses Jahres den Dingolfinger Mechaniker Vitali S. (42) aufgesucht. Maskiert und mit Handschuhen ausgestattet, sollen sie sich gewaltsam Zutritt zur Wohnung ihres späteren Opfers verschafft haben.

Der 42-Jährige soll dann sofort von seinen ungebetenen „Gästen“ mit Füßen und Fäusten, u.a. auch mit Tritten gegen den Kopf, attackiert worden sein. Anschließend soll man das Opfer gefesselt und unter weiteren Schlägen in einen Abstellraum gebracht, ihn dort mit einem nassen Handtuch gedrosselt und aufgefordert haben, ihnen mitzuteilen, wo er Geld und Gold habe. In Todesangst und um weitere Schläge zu vermeiden, habe der 42-Jährige von sich gegeben, dass er seine Geldbörse in einem Sideboard im Wohnzimmer aufbewahre. Darin fand das Trio letztlich 270 Euro.

Die Situation spitzte sich zu, als kurz eine von Nachbarn alarmierte Polizeistreife eintraf und an der Wohnungstür klopfte. Das Trio soll seinem Opfer klar gemacht haben, „Ruhig, keiner ist zuhause“ und die Beute unter dem Küchenteppich versteckt haben. Der 42-Jährige war durch die Schläge und Tritte erheblich, allerdings nicht lebensbedrohlich verletzt worden. Laut ärztlichem Attest erlitt er ein ausgeprägtes Brillenhämatom, blutunterlaufene Augen, deutliche Schwellungen im Gesicht und am übrigen Kopf, Schürfwunden am ganzen Körper und last not least wurde ihm eine Zahnprothese ausgeschlagen.

Zum Prozessauftakt ließ sich das auf der Anklagebank sitzende Trio lediglich zum jeweiligen Lebenslauf ein, zu den Tatvorwürfen wurden keine Angaben gemacht. Eugen K., der 1999 mit seiner Mutter aus Kasachstan nach Deggendorf übergesiedelt war, hatte seine Alkohol- und Drogen„karriere“ erst als junger Erwachsener begonnen. Ab dem 20. Lebensjahr habe er Speed, Crystal, Kokain und schließlich Heroin konsumiert. U.a. wegen Drogenhandels hatte er bereits über fünf Jahre hinter Gitter verbracht, wurde auch nach Therapien wieder rückfällig. An jenem Tatabend, so erklärte er, „war ich wieder einmal vollgedröhnt.“

Ähnlich die Vita von Andrej m.: Mit der Mutter war er 1999 übergesiedelt, hatte u. a. als Produktionshelfer und zuletzt als Möbelmonteur gearbeitet - wenn er nicht gerade Haftstrafen verbüßte bzw. in Entziehungsanstalten untergebracht war. Begonnen habe er den Drogenkonsum 2005 mit Marihuana, ihn dann bis hin zu Heroin „gesteigert“. Finanziert, so der 34-Jährige, habe er seine Sucht u.a. mit dem Überbrückungsgeld. Da habe er, so Vorsitzender Richter Ralph Reiter, was „Überbrückung“ angehe, wohl etwas missverstanden: „Für Drogenerwerb war es nicht gemeint.“

Bereits 1996 war Wilhelm B. mit seinen Eltern übergesiedelt. „Über andere Russlanddeutsche bin ich schon bald in der Drogenszene und schließlich mit 22 bei Heroin gelandet“, berichtete er. Dazu habe er auch ab dem 15. Lebensjahr dem Alkohol gefrönt. Zunächst Wodka, zuletzt aber mit Vorliebe für Cognac. Insgesamt über sieben Jahre Haft habe er bereits hinter sich, auch gescheiterte Therapien: „Danach bin ich immer wieder in alte Kreise geraten.“ Derzeit befinde er sich erneut in einer Therapiemaßnahme und mache nebenbei eine Ausbildung zum Metallbauer.

Auch das Opfer Vitali S. ist kein unbeschriebenes Blatt: 2007 wurde er zusammen mit drei Kumpanen verurteilt, nachdem das Quartett über mehrere Jahre hinweg Heroin in großen Mengen aus Holland eingeführt und in der niederbayerischen Szene vertickt hatte. Er hatte sich dafür eine Freiheitsstrafe von sechseinhalb Jahren eingefangen. Als Zeuge im Prozess gegen seine Peiniger fällt er allerdings - nicht wegen der damals erlittenen Verletzungen, sondern offenbar als Folge seines eigenen Drogenkonsums - aus.

Der Prozess wird am Montag fortgesetzt, Plädoyers und Urteil sind für den Mittwoch geplant.


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