15.12.2019, 12:40 Uhr

Irlacher See wiedererstanden Rekultivierung des ehemaligen südlichen Wackersdorfer Braunkohlereviers – Baustelle auf dem Westfeld ruht bis März 2020

(Foto: Jan Kiver/Uniper SE)(Foto: Jan Kiver/Uniper SE)

Bis Anfang März 2020 ruhen die Bauarbeiten auf dem Westfeld im rund fünf Hektar großen nördlichen Bauabschnitt Zwei unterhalb des Geotops. Andreas Stake, Leiter des Uniper-Projekts Oberpfälzer Seenland, erläutert den Hintergrund für die rund dreimonatige Pause: „Neben der Frostgefahr können in der nass-kalten Jahreszeit die Rekultivierungsböden, die wir bis zu einer Stärke von 1,2 Meter aufbringen und als sanfte Hügellandschaft modellieren, nur schwer stand- und erosionssicher verarbeitet werden. Zudem lassen sich bei den niedrigen Temperaturen unter anderem auch die Matten aus dem wasserabsorbierenden, quellfähigen Bentonit nicht mehr verlegen. Daher ist es besser, die Arbeiten ruhen zu lassen.“

WACKERSDORF Im Frühsommer des Jahres waren die Rekultivierungsmaßnahmen in diesem Bereich des ehemaligen südlichen Wackersdorfer Braunkohletagebaus gestartet. Zum Baufortschritt sagte Stake: „In der Firma Kassecker haben wir einen ausgezeichneten Partner gefunden, der mit großer Sorgfalt und Termintreue unter Beachtung der hohen Arbeitsschutzanforderungen bei Uniper die Baustelle betreibt. Wir freuen uns, dass als wichtiger Meilenstein zum Abschluss der diesjährigen Arbeiten der ehemalige Irlacher See in einem befestigten Becken wiedererstanden ist.“ Der Irlacher See dient als Sickerwassersammler. Diese Wässer werden über die vier hochmodernen, neuen Saugpumpenschächte in die Aufbereitungsanlage gepumpt und von dort entsprechend den behördlichen Vorgaben gereinigt in den Knappensee weitergeleitet. Über zehn Millionen Euro investiert Uniper allein in diesen zweiten Rekultivierungsabschnitt. Neben diversen regionalen Zulieferfirmen sind rund 20 Mitarbeiter von Kassecker, Uniper sowie den Gutachter-, Planungs- und Überwachungsbüros mit den Arbeiten vor Ort beschäftigt. Auch der eingesetzte Maschinenpark, zur Qualitätskontrolle großteils satellitengesteuert, kann sich sehen lassen: mehrere Radlader in unterschiedlichen Gewichtsklassen für den Massenumschlag und zur Bodenaufbereitung, Kettenbagger mit diversen Anbauwerkzeugen, ein kalibrierter Walzenzug mit GPS-überwachter Verdichtungskontrolle, eine „Schneekanone“ und Traktoren mit Wassertanks zur Befeuchtung und Staubbindung sowie die bei Großbaustellen obligatorische Reifenwaschanlage für die Transportfahrzeuge.

„Unser Ziel ist es“, so Stake, „die von den ursprünglichen Eigentümern intensiv industriell genutzten Flächen nicht nur der Natur als ökologisch wertvolle Landschaften, sondern auch den Menschen in der Region als öffentlich zugängliche Flächen zurückgeben zu können. Dafür erhalten die mit Tagebauabraum, Aschen aus dem Kraftwerksbetrieb und Bauschutt verfüllten Braunkohlegruben auf der Abdichtung eine bis zu 1,2 Meter dicke tragfähige Abdeckung aus verschiedenen Bodenschichten. Eine besondere Herausforderung war und ist es, die notwendigen rund 240.000 Tonnen Rekultivierungsböden in der behördlich geforderten Qualität für die Abdeckung und die Modellierung der Flächen zu bekommen.“ „Mit Hilfe von Kassecker ist das sehr gut gelungen, denn das Bodenmaterial kommt aus der Region, wodurch im Sinne von Klimaschutz und Ressourcenschonung die Transportwege recht kurz sind“, ergänzte Stake.

Hintergrund

Insgesamt sieben Jahrzehnte war das Wackersdorfer Braunkohlerevier von bergmännischer Nutzung geprägt. Die Rekultivierung der Westfeld-Flächen lag bei der ehemaligen Bayerischen Braunkohleindustrie (BBI), dem Bayernwerk und E.ON, von der Uniper die Aufgabe übernommen hat. Das Rekultivierungsprojekt wurde 2002 gestartet. Der Abschluss ist bis Ende 2022 in mehreren Etappen vorgesehen. Auf dem insgesamt gut 80 Hektar großen, ehemals weitgehend ebenen südlichen Wackersdorfer Braunkohle-Tagebaugebiet Westfeld wurden während der Betriebszeit des Kraftwerks Schwandorf-Dachelhofen (1930-2002) der im Kraftwerk benötigte Brennstoff Braunkohle erst abgebaut und in Teilbereichen später eigene und tschechische Braunkohlelieferungen gelagert. Die ausgekohlten Tagebaugruben wurden mit Abraum aus dem Braunkohleabbau und mit Kraftwerksasche sowie im Bereich des heutigen Westfeld-Damms mit Bauschutt und Abbruchmaterial einer ehemaligen Brikettfabrik und des Schwandorfer Kraftwerks verfüllt. Seit 2009 dient das Areal des Westfeld-Damms zum Teil als Lagerplatz für die benötigten Baumaterialien zur Rekultivierung des Westfeldes.

Im Zuge des Rekultivierungsvorhabens werden insbesondere auch das vorhandene Entwässerungssystem und die Sickerwasseraufbereitung für das Westfeld grundlegend modernisiert und ausgebaut. Neben dem Sickerwassersammelbecken (kurz: Sickerwassersammler beziehungsweise Irlacher See), das sich an der tiefsten Stelle des Westfelds (-30 Meter) befindet, wurden vier großvolumige Saugpumpenschächte mit modernen Hochleistungs-Saugpumpen installiert. Auch die Aufbereitung von verunreinigtem Sickerwasser möchte Uniper soweit wie möglich energie- und ressourcenschonend gestalten. Dazu unterstützt Uniper am Standort Westfeld ein zukunftsweisendes Umweltforschungsprojekt der Base Technologies GmbH, einem Umwelttechnologiespezialisten aus München, in Kooperation mit der Universität Bayreuth und mit Förderung der renommierten Deutschen Bundesstiftung Umwelt (DBU). Ziel des Projektes ist die Einführung und Weiterentwicklung einer naturnahen und nachhaltigen Technologie zur Wasseraufbereitung unter vollständigem Verzicht auf den Einsatz von Energie und Chemikalien. Eine innovative mehrstufige Versuchsanlage arbeitet seit 2017 auf dem Westfeld und belegt die Möglichkeit eines dauerhaften, sicheren Betriebs einer solchen passiven Reinigungsanlage unter realen Bedingungen. Uniper beabsichtigt die Beantragung einer deutschlandweit ersten passiven Großanlage als nachhaltige Alternative zur bestehenden Sickerwasseraufbereitungsanlage. Mit der vorliegenden Datenbasis konnte durch Base Technologies in enger Kooperation mit den zuständigen Behörden bereits die Genehmigungsplanung angestoßen werden.

Auch für die Regenwassersammlung werden drei neue Pumpenschächte zur Sammlung des Oberflächenwassers in den Rekultivierungskörper gesetzt. Über diese wird künftig das saubere Regenwasser zum Teil mit Pumpen in Regenrückhaltebecken gesammelt und über den Entwässerungsgraben Nord weiter in das Naturschutzgebiet Hirtlohweiher geleitet. Das Grabensystem in Richtung Hirtlohweiher wird durch Rückbau von Verrohrungen und Überbauungen umgestaltet. Dadurch verbessern sich dessen Gestalt und die Gewässerökologie spürbar. Zudem wird es als wichtiger Baustein zu Verbesserung des Hochwasserschutzes, zum Beispiel bei Starkregenereignissen, für das Gemeindegebiet Wackersdorf mit Herstellung naturnaher Retentionsräume und Überschwemmungsflächen im Westfeldgelände angepasst und ausgebaut.

Natur- und Artenschutz-Maßnahmen im Vorfeld

Alle Maßnahmen wurden und werden unter Hinzuziehung externer Fachleute und unabhängiger Gutachter von Uniper Kraftwerke GmbH geplant und von den zuständigen Behörden intensiv geprüft und genehmigt. Die Umsetzung der Rekultivierungsmaßnahmen erfolgt auch in Abstimmung mit den örtlichen Forst- und Naturschutzbehörden. Umfangreiche naturschutzfachliche Ausgleichmaßnahmen, sogenannte CEF-Maßnahmen (continuous ecological functionality measures), sind den eigentlichen Rekultivierungsarbeiten zwingend vorgeschaltet. Unter CEF-Maßnahmen versteht man „vorgezogene ökologische Ausgleichsmaßnahmen“ zur Sicherung des Artenreichtums eines Gebietes. Damit wird schon im Voraus ein kontinuierlicher und durch optimierte Ausgestaltung bisweilen sogar besserer ökologischer Zustand hergestellt. Die CEF-Maßnahmen müssen gewährleisten, dass die betreffenden Fortpflanzungs- und Ruhestätten zu keinem Zeitpunkt eine Unterbrechung oder Reduktion ihrer ökologischen Funktionsfähigkeit erleiden. Habitate werden in Qualität und Quantität erhalten. Dies wird von einem unabhängigen Gutachter und den Naturschutzbehörden überprüft.

Im Fall Rekultivierung des Westfeld-Damms wurde bereits 2013 mit den planungsrechtlich relevanten und umfassenden naturschutzfachlichen Untersuchungen der Biotop-, Habitat-, Boden-, Wasser-, Klima- und Landschaftsbildfunktionen in einem groß angelegten, weit über die eigentliche Rekultivierungsfläche hinausgehenden Betrachtungsbereich von rund 74 Hektar begonnen. Sie umfassten neben der Vegetation vor allem eine Bestandserfassung der Artengruppen Vögel, Reptilien, Fledermäuse, Heuschrecken, Amphibien und Libellen sowie Biotop-, Horst- und Höhlenbaumkartierungen. In Vorbereitung zu den Rekultivierungsmaßnahmen wurden auf über acht Hektar Ausgleichsflächen angelegt. Westlich des Rekultivierungs-Areals entstanden neue Laichgewässer- und Landhabitate sowie Verbund- und Vernetzungskorridore, die auch einer Lebensraumvernetzung zum Naturschutzraum Hirtlohweiher dienen. So sind Ersatzlebensräume für wichtige und geschützte Amphibien (zum Beispiel Kreuzkröte, Knoblauchkröte), Eidechsen (speziell Zauneidechse), Fledermäuse und sonstige wertvolle Spezies, zum Beispiel der Haselmaus, in den umliegenden Gehölzbereichen geschaffen und die Tiere umgesiedelt worden. Außerhalb des Westfelds wurden mehrere Bienenvölker angesiedelt, die auf den rekultivierten Magerrasenflächen ein reiches Blüten-/Nahrungsangebot finden. Zusätzlich werden auch die westlich des Westfeldes liegenden reinen Nadelholzkulturen 2020 zu einem naturschutzfachlich gewünschten robusten Mischwald umgestaltet. Durch die Rekultivierungsmaßnahmen wird sich die Fauna und Flora auf dem Westfeld-Gelände zu einem naturschutzfachlich hochwertigen Vegetations- und Lebensraum entwickeln, verbunden mit einer positiven Veränderung des Landschaftsbildes. Infolge der Biotopvernetzung und Integration des ehemaligen Braunkohleabbaugebietes in die Naturlandschaft der Region wird der ökologische Zustand des Geländes nachhaltig verbessert. Die Umgestaltung der Oberfläche sichert darüber hinaus die dauerhafte Verbesserung der Schutzgüter Grundwasser und Boden.


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