04.02.2019, 10:29 Uhr

Bienen-Vortrag „Wenn wir die biologische Vielfalt nicht erhalten, zerstören wir unsere Zukunft“

V. li.: Dieter Scherf (Stellvertretender Vorsitzender BN Kreisgruppe Rottal-Inn), Marianne Watzenberger (Vorsitzende BN Ortsgruppe Unterer Inn), Anne Hennersperger (Stellvertretende Vorsitzende BN Kreisgruppe Rottal-Inn), Referent und Imker Günter Friedmann, Dr. Jürgen Riedler (1. Vorsitzender der BUND Naturschutz-Kreisgruppe Rottal-Inn) (Foto: Baumgart)V. li.: Dieter Scherf (Stellvertretender Vorsitzender BN Kreisgruppe Rottal-Inn), Marianne Watzenberger (Vorsitzende BN Ortsgruppe Unterer Inn), Anne Hennersperger (Stellvertretende Vorsitzende BN Kreisgruppe Rottal-Inn), Referent und Imker Günter Friedmann, Dr. Jürgen Riedler (1. Vorsitzender der BUND Naturschutz-Kreisgruppe Rottal-Inn) (Foto: Baumgart)

Vor rund 170 Zuhörern im Stadtsaal hielt Berufsimker Günter Friedmann kürzlich einen Vortrag zum Thema „Die Biene ein politisches Tier-Gedanken eines Imkers zum Insektensterben“. Unter den Teilnehmern waren sowohl Politiker als auch viele Imker und Landwirte. Die Veranstaltung war von der BUND Naturschutz Kreisgruppe Rottal-Inn in Kooperation mit der Katholischen Erwachsenenbildung Rottal-Inn-Salzach organisiert worden.

EGGENFELDEN „Wenn wir die biologische Vielfalt nicht erhalten, zerstören wir unsere Zukunft. Gerade Bienen und anderer Wildbestäuber spielen hier eine zentrale Rolle. Aufgrund des Volksbegehrens „Artenvielfalt- Rettet die Bienen“ sei gerade jetzt das Thema hochaktuell“, so Dr. Jürgen Riedler, Erster Vorsitzender der BN Kreisgruppe Rottal-Inn, in seiner Begrüßung. Er betonte die Wichtigkeit sich in seiner jeweiligen Heimatgemeinde bis zum 13.02.19 für das Volksbegehren einzutragen. Der Referent sei Demeter-Berufsimker mit fast 40 Jahren Berufserfahrung und einer der Pioniere der ökologischen Imkerei. In Süddeutschland betreibe er erfolgreich die weltweit größte Demeter-Imkerei mit über 500 Bienenvölkern.

Seinen Vortrag begann Günter Friedmann mit einer Warnung: „Insekten sterben still und leise. Man merkt es erst, wenn es zu spät ist. Momentan befinden wir uns mittendrin in einem dramatischen Verlust der Artenvielfalt.“ Bei dem Thema Insektensterben ginge es um wesentlich mehr als nur um die Honigbiene. Sie sei aber ein wichtiger Indikator für den Zustand der Natur. Ihre Verfassung zeige auf einfache Weise hochkomplexe Zusammenhänge, die man ansonsten nur schwierig darstellen könne. Der Umgang mit Bienen sei symptomatisch für unseren Umgang mit der Umwelt und deshalb eine politische Angelegenheit. Denn die Bienen lebten in der freien Natur und spiegelten den Zustand der Landschaft, da sie bis zu 10 KM weit fliegen und somit eine Fläche von bis zu 100 km² abdecken können.

Um die Honigbiene mache er sich weniger Sorgen, stellte Friedmann klar; denn diese hätte als Nutztier ihre Unterstützer durch die Imker. Gravierender sei die Situation bei den wildlebenden Insekten wie Schmetterlingen und Wildbienen, zu denen auch die Hummeln gehören, die neben der Honigbiene enorm wichtige Bestäubungsleistungen erbringen und für die Stabilisierung blütenreicher Ökosysteme eine Schlüsselrolle innehätten. Um Lösungsansätze zu finden, müsse man zunächst die Ursachen des Insektensterbens ergründen. Der Referent betonte, dass es ihm sehr wichtig sei, nicht den Landwirten die Schuld zuzuschieben. Letztendlich müsse man das ganze System verändern, um die Lage zu verbessern woran wir alle durch unsere Konsum-und Lebensweise beitragen können.

Die Intensivlandwirtschaft habe Auswirkungen auf die Blühwelt und die Insekten. Der Einsatz von Insektiziden und Herbiziden, Intensivierung und Mechanisierung der Landwirtschaft, blütenlose Monokulturen, Silagewirtschaft und die Gewinnung von Energie aus Biogasanlagen seien hier die Schlagworte. Die Agrartechniken hätten sich in den letzten 50 Jahren komplett verändert. Seitdem greife der Mensch massiv und selektiv in Ökosysteme ein, um Nutzpflanzen zu fördern und Beikraut („Unkraut“) zu eliminieren. Etwa um das Jahr 2000 fiel auch die Blütenvielfalt auf den Wiesen der modernen Landwirtschaft zum Opfer. Der Siegeszug der Silage habe aus ökonomischen Gründen die traditionelle Heuwirtschaft abgelöst und dazu geführt, dass Wiesen inzwischen fünf- bis siebenmal im Jahr vor der Blüte gemäht würden. Maschineneinsatz in atemberaubendem Tempo über Wiesen einer einzigen Gemarkung lässt schlagartig die Nahrungsquellen der Bienen verschwinden. „Das ist regelmäßig ein Schock für die Insekten. Sie können nicht mehr ausweichen und finden keinen Nahrung mehr“. so Friedmann.

Ein anderes großes Problem seien die Biogasanlagen. „Da kann man nur mehr schwer imkern“, so Friedmann. Denn wo flächendeckend Biogasanlagen seien, gebe es eine große Maisdominanz und kaum mehr Blühwiesen. Mais sei eine unschlagbare Energiepflanze, für Bienen jedoch wegen fehlendem Nektar und minderwertiger Pollenproduktion völlig uninteressant und zudem toxisch, da das Saatgut im Maisanbau intensiv mit Neonicotinoiden gebeizt werde. Auch Sonnenblumenfelder nutzen den Bienen nicht mehr: die heutigen Hochleistungssorten hätten ihre Nektarbildung verloren.

Seit Tausenden von Jahren sei die Biene gewöhnt, genug Pollen in ihrem Umfeld zu finden und sich selbst zu ernähren. Dazu brauche sie Blühpflanzen und bunte Sommer. Der Sommer sei inzwischen nicht mehr bunt sondern verdächtig grün geworden; „Wir erleben heute Grünlandgebiete die mehrmals im Jahr einer riesigen Golfanlage gleichen“ so Günter Friedmann. Der Ökolandbau sei ein wesentlicher Bestandteil der Lösung für die Zukunft. Allerdings befinde sich auch dieser inzwischen in der Intensivierung.

Die Lösungsansätze für das Bienensterben seien vielfältig genauso wie die Ursachen, die nicht nur im Bereich der Landwirtschaft zu finden seien. Einige Kernforderungen von Seiten der Imkerei: Weniger Monokulturen. Mehr Biogas aus Blühflächen. Extensivierung der Landwirtschaft und Biotopvernetzung. Umweltbewusster Einsatz von Agrarsubventionen. Einschränkung der Insektizide und Herbizide. Änderung der Mähtechniken. Weniger Lichtverschmutzung. Große Blühhabitate anstatt von Blühstreifen. Beikraut auf den Feldern. Mehr Brachflächen. „Es muss einfach mehr blühen, vor allem in den Sommermonaten. Unsere Bienen brauchen für Ihre Gesundheit in den Monaten ohne „r“ am Schluss ein Trachtfließband aus abwechslungsreichen, ununterbrochenen Pollen- und Nektarquellen am besten aus verschieden Blühpflanzen. Momentan ist es leider so, dass die Bienen in den Sommermonaten nach der Rapsblüte an vielen Standorten Hunger leiden müssen oder nur sehr einseitige Nahrung finden“, so der Experte.

Außerdem könne jeder mit seinem eigenen Verhalten politisch tätig werden durch Einkauf von regionalen und saisonalen Produkten am besten aus dem Ökoanbau. Biodiversität und gute Qualität bei Nahrungsmitteln seien nicht zum Nulltarif zu haben. Gartenbesitzer sollten nicht so oft Rasen mähen und zumindest auf einem Teil des Gartens eine Wiese mit heimischen Wildblumen wachsen lassen. „Wir brauchen mehr Mut zu Wildnis. Mähroboter und Einsatz von Pestiziden sind ein absolutes NO GO im Privatgarten.“

Der Referent nahm zuletzt auch Stellung zum aktuellen Volksbegehren. Dieses habe als politische Antwort auf das Artensterben eine wichtige Signalfunktion. Er befürwortete dessen Ziele, bemängelte jedoch das Fehlen von bestimmten Themen, insbesondere der Biogasproblematik. Günter Friedmann forderte auf, sich am Volksbegehren zu beteiligen und schloss mit den Worten: „Die Imkerei wird schwieriger, macht aber immer noch verdammt viel Spaß.“


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