24.04.2018, 11:05 Uhr

Klimafaktor Mensch „Der Regenwald stirbt, ehe die Axt den letzten Baum gefällt hat“


Vortrag von Dr. Helgard Reichholf-Riehm am Freitag, 27. April, im „Haus am Strom“

JOCHENSTEIN „Klimafaktor Mensch – Brasilien zwischen Soja und Naturschutz“, darüber spricht Dr. Helgard, Reichholf-Riehm am Freitag, 27. April (19 Uhr), im „Haus am Strom“ in Jochenstein. Die PaWo befragte die Zooologin, Botanikerin und Chemikerin aus Aigen am Inn zur problematischen Situation in Brasilien.

Die globale Nachfrage nach billigem Soja steigt immer mehr, aber warum?

Schlüsselrolle bei der globalen Nachfrage nach Soja spielen die Chinesen, die nach wie vor alles (!!!) aufkaufen, aber zu deren Konditionen! Ihr Bedarf ist größer als das globale Angebot. Brasilien ist der weltgrößte Soja-Exporteur.

Die Dynamik der Globalisierung hat scheinbar den Amazonas erreicht, wie wirkt sich das ökologisch aus?

Unter den Präsidenten Cardoso, Lula und Rouseff bestand ein weitgehendes Rodungsverbot für den Amazonas. Das änderte sich gravierend unter dem Präsidenten Temer, der sich an die Spitze des Landes geputscht hatte. Eine Schlüsselrolle kommt dem Landwirtschaftsminister und persönlichen Freund von Temer zu. Sein Name lautet Maggi, ein Spross aus dem Schweizer Großkonzern. Er wanderte in den 70er Jahren mit viel Geld nach Brasilien aus. In Mato Grosso kaufte er riesige Ländereien für Viehzucht. In den 80er bis 90er Jahren stellte er auf Soja um. Um seinen Einfluss zu vergrößern, lies er sich zum Gouverneur des Bundeslandes Mato Grosso wählen. Damals erweiterte er sein Anbaugebiet bis an den Rand des Amazonasgebietes. Dort herrschte Rodungsverbot. Als sein Freund Präsident Temer Präsident Brasiliens wurde, ernannte ihn dieser zum Landwirtschaftsminister. Die beiden hoben das Rodungsverbot auf; die Folgen sind bekannt.

Es stimmt, dass heute mehr gerodet wird als in den vergangenen 450 Jahren zuvor. Doch diese Aussage muss relativiert werde. Brasilien hat neben dem amazonischen Regenwald einen genauso bedeutsamen weiteren Regenwald, den Küstenregenwald, die sogenannte Mata Atlantica mit 1315000 Quadratkilometer. Dieser weist eine größere Artenvielfalt im Vergleich zum brasilianischen Amazonasgebiet auf. Die Mata Atlantica erstreckt sich von Paraguay im Süden bis in den Nordosten Brasiliens und weit ins Landesinnere. Von ihr sind bis heute 90 Prozent vernichtet. Die Böden der Mata Atlantica konnten im Gegensatz zu den Böden des Amazonasbeckens genutzt werden. Deshalb interessierte sich damals fast niemand für den Amazonasregenwald.

Und was passiert, wenn es tatsächlich so kommen sollte?

Wenn der amazonische Regenwald tatsächlich in dem jetzigen Ausmaß weiter gerodet wird, werden die Niederschläge zurückgehen. Dann wird der Regenwald sterben, ehe die Axt den letzten Baum gefällt hat. Die Sojabauern ficht das nicht an. Die in Brasilien gezüchteten Sojapflanzen sind diesen Bedingungen angepasst. Dies war in den 70er Jahren noch nicht möglich. Soja gedieh nur im Süden Brasiliens, wo gemäßigtes Klima herrscht. Da der Regenwald für das Weltklima große Bedeutung hat, wird durch sein Verschwinden die Klimaerwärmung beschleunigt.

Fallende Sojapreise – steigende Kriminalität

Brasilien soll mittlerweile zu einem der größten Verursacher von Treibhausgasen geworden. Welche Gefahrenzeichen sind bereits (evtl. auch bei uns) erkennbar?

Durch die großräumigen Rodungen wird sehr viel CO² freigesetzt, das maßgeblich zur Klimaerwärmung beiträgt. Welchen konkreten Anteil dieser CO²-Wert auf unser (europäisches) Wetter hat, ist bei der Komplexität des Problems nicht in Prozenten anzugeben.

Was tun die brasilianischen Behörden etwa auch gegen die aus der Situation sich ergebende steigende Kriminalität?

Die Politik von Präsident Temer ist mit der von Präsident Trump vergleichbar. Sie nähert sich den Zeiten, als in Brasilien über Jahrzehnte Generäle das Land regierten. Diese kümmerten sich nicht um Arbeitsplätze, sozialen Frieden oder gar ökologische Herausforderungen, sondern nur um ihren Machterhalt.

Unter Präsident Lula und Rouseff ging die Kriminalität in den Elendsvierteln (Favelas) stark zurück. Infrastrukturen in den Favelas schufen Arbeitsplätze, neue Schulen und vor allem sanitäre Verbesserungen. Schon während der Schmutzkampagne gegen Rouseff, die mit fallenden Preisen für Soja und Bodenschätzen zusammenfiel, schlingerte Brasilien in die Rezession. Als Folge davon stieg die Kriminalität, vor allem in den Favelas, deren Infrastruktur in sich zusammenfiel. Als Reaktion darauf schickt die Regierung schwer bewaffnete Polizei in die Favelas. Mit Europa hat diese Entwicklung nichts, oder nur peripher, mit den olympischen Spielen vor zwei Jahren zu tun – wie es allgemein heißt.

Was können wir in Deutschland tun, um diese Entwicklung noch zu stoppen?

Zwischen Brasilien und Deutschland besteht seit Jahrhunderten eine enge Freundschaft – sowohl auf kulturellem Gebiet wie auch in wirtschaftlicher Zusammenarbeit. Es gibt Millionen deutschstämmiger Brasilianer, die auch heute noch Kontakt zu ihrer alten Heimat pflegen.

Deutschland ist für Brasilien nach China der zweitgrößte Abnehmer für Soja. Bisher bestanden beide Länder auf nicht genverändertem Soja. China errichtete sogar Häfen für nicht GV-Sojaexport. Bei meinem Besuch in Besuch in Mato Grosso bei Sojabauern schimpften diese auf die peniblen Kontrollen. Aber die Chinesen schicken zur Kontrolle eigene Experten nach Brasilien. Man kann also davon ausgehen, dass dies eingehalten wird. China baut eine eigene Agroindustrie auf, die mit Monsanto/Bayer konkurriert, ein Grund für sie, kein GV-Saatgut zu verwenden. Allerdings werden Totalherbizide unverändert in großen Mengen verarbeitet und von den Chinesen nicht beanstandet! Deutschland, als Großabnehmer, könnte darauf einwirken, wie Saatgut bearbeitet und die Felder mit welchen Mitteln besprüht werden.

Übrigens hat China mit Uruguay einen Exklusiv-Vertrag abgeschlossen, dass das ganze Land in Zukunft verpflichtet, keine genveränderten Pflanzen anzubauen.

Gremium-Mitglied erhielt Morddrohungen

Inwiefern sind Menschenrecht und Umweltschutz untrennbar miteinander verbunden?

In Brasilien gibt es ein Gesetz zur Biosicherheit. Ihr wurde zur Seite ein Gremium bestellt. Ein Mitglied, Inacio Andreoli, war für den Umweltschutz, aber auch als Vertreter der Kleinbauern, sehr aktiv und international anerkannt. Heute lebt er im Untergrund, da er ernst zu nehmende Morddrohungen erhalten hatte. 2017 verließ er das Gremium, nachdem er beklagt hatte, dass seine Arbeit behindert worden war. So wurden ihm notwendige Informationen vorenthalten, seine Briefe ignoriert. Brasilianisches Agro Business strebt nach der totalen Macht, muss sich aber nach den Wünschen der Kunden richten. Und darin liegt die Chance Deutschlands: sie hat Einfluss auf das Saatgut einerseits, aber auch auf die Verwendung von Totalherbiziden.

Dr. Helgard Reichholf-Riehm, besuchte die Schule in Nürtingen am Neckar und studierte Zoologie, Botanik und Chemie an der Universität Tübingen, in Sao Paulo (Brasilien) und München. Als freiberufliche Biologin beschäftigt sie sich seit über 60 Jahren mit Brasilien, wo sie unter anderem auch studiert hat. Am Freitag, 27. April (19 Uhr), informiert sie in einem Vortrag im „Haus am Strom“ in Jochenstein näher über die problematische Situation, denn „um die Hintergründe der Problematik zu verstehen, muss man sich mit der Geschichte des Landes und den gravierenden Einflüssen auf die Groß-Ökosysteme – die sogenannten Biome – beschäftigen.


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