11.04.2018, 15:25 Uhr

Ausgesummt! Leiser Tod durch Glyphosat und Neonicotinoide


Die Zahl fliegender Insekten nimmt weiter ab – Bienen besonders bedroht

PASSAU Wer früher etwa über die Autobahn brauste, musste durchaus öfter anhalten, um die Windschutzscheibe von Opfern aus dem Insektenreich zu reinigen. Diese Zeit ist vorbei und die Scheiben bleiben meist sauber. Eine mittlerweile dramatische Entwicklung ist bereits in vollem Gange – mit langfristig in ihrer Tragweite nicht abzusehenden Folgen. Besonders bedroht: die Bienen und damit zwangsläufig wohl auch der Mensch. Die PaWo sprach mit Günter Kunkel (62), Kriminalpolizist a. D. und Vorsitzender des Bienenzuchtvereins Passau.

Die fliegenden Insekten werden immer leiser! Immerhin hat ihre Zahl in den letzten 30 Jahren bundesweit um 75 Prozent abgenommen. Verstummen sie bald ganz. Was ist schuld?

Es ist richtig, in den letzten Jahren ist die Gesamtmasse der Insekten in Teilen Deutschland um mehr als 75 Prozent zurückgegangen. Das ist kein gefühlter Rückgang, weil wir auf der Windschutzscheibe unseres Autos keine Insekten mehr vorfinden. Diese Zahlen wurden in wissenschaftlichen Studien belegt. Wir müssen den dramatischen Insektenrückgang stoppen. Insekten sind Nahrung für Vögel, Fische, Reptilien und viele andere Tiere, weshalb auch diese Arten zahlenmäßig zurückgehen. Die gesamte Biodiversität ist in Gefahr. Für die Bestäubung der meisten Wild- und Kulturpflanzen sind Bienen und Wildbienen unverzichtbar. Im Norden Chinas gibt es jetzt schon keine Bienen mehr, weshalb dort die Bäuerinnen auf die Obstbäume klettern und die Blüten mit kleinen Pinseln bestäuben. Wir wollen uns diese Horrorszenarien bei uns nicht vorstellen, aber wenn wir so weiter machen, kann es bei uns auch Wirklichkeit werden.

Wer oder was ist schuld am Insektenrückgang?

Es gibt hierfür mehrere Faktoren. Die industrielle Landwirtschaft mit hohem Pestizideinsatz und Nahrungspflanzen- und Lebensraumvernichtung dürften wohl den größten Einfluss auf den Rückgang der Insektenpopulation haben. Ich will es an einem konkreten Beispiel einer Untersuchung bei Blütenpollen festmachen. Blütenpollen ist Nahrung für die Bienen und deren Brut. In nahezu 98 % aller untersuchten Blütenpollenproben konnten durchschnittlich fast acht verschiedene Substanzen von Pflanzenschutzmitteln festgestellt werden, schreibt der Deutsche Imkerbund in seinem Jahresbericht 2017. In 52 % der Proben wurde das hochgiftige Insektizid Thiacloprid aus der Klasse der Neonicotinoide gefunden. Beim Spitzenreiter wurden sogar 34 verschiedenen Substanzen gefunden. Dieser Giftcocktail in der Bienennahrung macht die Bienen krank und trägt zum Rückgang der gesamten Insektenpopulation bei.

Ich kritisiere nicht den einzelnen Bauern, denn der ist auch Opfer einer seit Jahren verfehlten Landwirtschaftspolitik nach dem Motto „wachsen oder weichen“. Imkerei und Landwirtschaft sind kein Gegensatz, sondern aufeinander angewiesen. Die Landwirte sind in aller Regel sehr verständnisvoll, wenn man sie bittet, auf die Bienen Rücksicht zu nehmen. Die Allianz aus Agro-Konzernen, Politik und Verbänden haben die Landwirtschaft in eine Sackgasse manövriert. Eine Umkehr ist für viele konventionell wirtschaftende Landwirte schwer, aber es geht wie die ökologisch bewirtschafteten Betriebe es seit Jahren beweisen.

„Glyphosat-Einsatz muss sofort gestoppt werden!“

Die EU will Neonicotinoide verbieten. Und Union und SPD haben vereinbart den Einsatz des Ackergiftes Glyphosat zu beenden, allerdings ohne genauen Termin. Was halten Sie davon?

Wir Imker kämpfen für einen sofortigen Stopp des Einsatzes von Glyphosat und Neonicotinoiden. Glyphosat ist ein Totalherbizid und vernichtet die Nahrungspflanzen der Bienen und Wildbienen, in dem alle Begleitkräuter auf den Äckern totgespritzt werden. Wo findet man noch Mohnblumen, Kornblumen, usw. auf Getreidefeldern? Wenn der Raps auf den Feldern verblüht ist, verhungern unsere Bienen zwischen den riesigen Maiswüsten. Neonicotinoide haben bereits in Kleinstmengen, die nicht sofort tödlich wirken, gravierende gesundheitliche Auswirkungen auf die Bienen. Das Gedächtnis, die Navigationsfähigkeit, die Kommunikation und die Fortpflanzung der Bienen sind dadurch erheblich beeinträchtigt, was zu einem schleichenden Tod ganzer Bienenvölker führen kann.

Ex-Agrarminister Christian Schmidt verhinderte das europaweite Verbot von Glyphosat. Denken Sie, dass seine Nachfolgerin Julia Klöckner ins gleiche Horn bläst?

Ich hoffe es nicht. Jedoch bin ich mir nicht sicher. Die Lobby der Agro-Chemie-Konzerne hat einen langen Arm. Im Jahr 2008 wurde das massive Bienensterben einer breiteren Öffentlichkeit bekannt.

Wie sieht die Lage heute aus?

2008 starben mehrere Tausend Bienenvölker durch die Abdrift von hochgiftigen Neonicotinoiden bei der Aussaat von Mais innerhalb von Stunden oder Tagen. So dramatische Bienenvergiftungen, die zeitlich und örtlich mit der Ausbringung bestimmter Gifte in der Landwirtschaft zusammenhängen, haben wir momentan nur in Einzelfällen zu verzeichnen. Problematisch sind jedoch die nicht sofort tödlichen Gifte bzw. Giftmengen, denen die Bienen dauernd ausgesetzt sind. Wie diese Gifte auf die Bienen wirken, hatte ich vorher bereits gesagt. Von den Bieneninstituten wird prognostiziert, dass jedes 5. Bienenvolk in diesem Jahr sterben wird.

Wo auf der Welt sind Bienen besonders bedroht?

Es gibt sicher verschiedene Bereiche auf der Erde, wo die Bienen noch größeren Gefahren, als bei uns ausgesetzt sind. Man kann hier ohne Anspruch auf Vollständigkeit die USA und den Norden Chinas nennen. Die Gründe hierfür sind mannigfaltig, es würde den Rahmen sprengen, diese zu erörtern.

Welche Feinde haben die Bienen hierzulande bzw. sind aus dem Ausland eingewanderte hinzugekommen?

Mit europäischen Bienenfeinden können unsere Bienen umgehen und werden dadurch in ihrem Bestand nicht gefährdet. Die Varroamilbe ist ein Parasit, der vor über 35 Jahren aus Asien nach Europa eingeschleppt wurde. Im Ursprungsland hat sich die dortige Biene im Laufe der Evolution an den Parasit gewöhnt. Die asiatischen Bienenvölker sterben nicht an der Varroamilbe (Varroa destructor). Unsere heimische Biene in Europa konnte sich in der kurzen Zeit nicht an den Parasiten gewöhnen. Hoher Milbenbefall bedeutet in aller Regel den Tod des Bienenvolkes. Auch wenn man seit Jahren versucht, varroatolerante Bienen zu züchten, überleben die Bienenvölker bei uns derzeit ohne Behandlung noch nicht. Es kommen weitere tierische Bedrohungen hinzu, die bereits in Südeuropa nachgewiesen wurden. In Bayern wurden sie noch nicht festgestellt. Das ist zum einen die asiatische Hornisse und zum anderen der kleine Beutenkäfer. Beide können die Bienenvölker zum Absterben bringen.

Große Bedrohung aus Asien

Wie kann jeder von uns den Bienen helfen?

Im Privatgarten sollte man auf jeglichen Einsatz von Giften verzichten. Man kann der Natur im Garten mit vielen ungefüllten Blühpflanzen wieder einen Lebensraum bieten. Gefüllte Blüten sind Mogelpackungen und bieten den Bienen keine Nahrung. In der Landwirtschaft müssen die Programme zum Schutz unserer Bienen ausgeweitet und die bereits bestehenden besser umgesetzt werden, vor allem muss auf ein durchgehendes Nahrungsangebot geachtet werden. Greening- und Blühstreifenprogramme begrüßen wir Imker. Die Anlage von Blühstreifen wird leider von den Landwirten aufgrund bürokratischer Hindernisse noch zu wenig angenommen. Auf den übrigen landwirtschaftlichen Flächen sollte man sich wieder auf agrarökologische Methoden besinnen, also mit der Natur und nicht gegen sie zu arbeiten. Es bleibt nicht mehr viel Zeit, weshalb der Gifteinsatz in der Landwirtschaft zügig zurückgefahren werden muss und bei bienengefährlichen Giften (z. B. Neonicotinoide, usw.) erscheint ein sofortiger Verzicht als geboten. Flächen von Kommunen, Landkreisen, usw. sollten ökologisch mit nektar- und pollenspendenden Pflanzen als Bienenweide aufgewertet und der Einsatz von Pestiziden verboten werden.


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