08.02.2018, 16:09 Uhr

Mikroplastikflut Winzige Teilchen, große Gefahr für Mensch und Umwelt: Mikroplastik


Mini-Müll längst auch in heimischen Gewässern zu finden

BAYERN Täglich erreicht eine Plastikflut unsere Flussufer und Küsten –Flaschen, Verpackungen, Netze, Tüten und Co. verschmutzen zunehmend unsere Umwelt. Doch eine weitaus größere Gefahr stellen wohl Mikro-Kunststoffpartikel dar.

„Wir haben dem Mini-Müll den Kampf angesagt“, erklärt die Bayerische Umweltministerin Ulrike Scharf auf PaWo-Anfrage. So hat Bayern bereits 2014 als erstes Bundesland ein Forschungsprojekt in Auftrag gegeben: Das Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit (LGL) sowie das Landesamt für Umwelt (LfU) in Kooperation mit der Universität Bayreuth und der Technischen Universität München untersuchen die Gewässer Altmühl, Inn, Isar und Donau. Eine geringe bis mittlere Belastung mit Mikroplastik ist die Bilanz.

Laut Dr. Thomas Marzahn, Pressesprecher des Bayerischen Umweltministeriums, stellt nach derzeitigem Kenntnisstand das sogenannte sekundäre Mikroplastik die Haupteintragsquelle in der Umwelt dar, das überwiegend aus unsachgemäß entsorgtem Plastikmüll entsteht. Dieser zerfällt wiederum durch Verwitterung und die natürliche UV-Strahlung in immer kleinere Einzelteile, die dann vom Wind in die Gewässer geweht werden. „So kann beispielsweise allein der Deckel eines Coffee-to-go-Bechers in rund 2 Millionen kleine Plastikpartikel zerfallen“, nennt Dr. Marzahn als Beispiel.

Mikroplastikpartikel mit einer Größe von unter 5 Millimetern konnten bereits in unseren Gewässern nachgewiesen werden. „Eine aktuelle Auswertung zeigt, dass sich auch noch kleinere Mikroplastikpartikel mit einer Größe von unter einem Millimeter im Oberflächenwasser nachweisen lassen. Sie stellen sogar den Hauptanteil an Mikroplastik im Wasser dar,“ erklärt der Sprecher des Umweltministeriums. Auch konnte nachgewiesen werden, dass Muscheln die kleinen Partikel aufnehmen, im Körper anreichern und in reinem Wasser auch wieder abgeben können.

Eine abschließende Beurteilung der Belastung bayerischer Fließgewässer könne erst nach der Untersuchung aller Proben erfolgen. Und: „In Kürze soll ein erster Vergleich der bayerischen Daten mit Untersuchungsergebnissen aus anderen Bundesländern erfolgen“, so Dr. Marzahn. Bayern wolle auch seine Untersuchungsmethoden für Mikroplastik weiter optimieren und standardisieren.

Mikroplastik in Muscheln nachgewiesen

Karl Haberzettl, Kreisvorsitzender Bund Naturschutz, warnt: „Die Oberflächeneigenschaften von Kunststoff bewirken, dass dieser Umweltgifte fast wie ein Magnet anzieht. Somit ist nicht nur das Plastik an sich schädlich, sondern zusätzlich auch die Gifte an den Partikeln. Je kleiner die Partikel, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass diese aufgenommen werden. Über die Nahrungskette gelangen diese auch zum Menschen. Bei Tieren wurden verschiedenste Auswirkungen festgestellt, angefangen von Gewebeveränderungen und entzündlichen Reaktionen bis hin zu inneren Verletzungen und Todesfällen. Die genauen Auswirkungen auf den Menschen sind noch gar nicht bekannt.“

Viele Kosmetikprodukte enthalten Kunststoff

Mikro-Kunststoffpartikel in Kosmetik – sogenanntes primäres Mikroplastik – stellen dabei ein großes Problem dar. Die winzigen Partikel werden von der Kosmetikindustrie gezielt in Peelings verwendet, aber auch u.a. als Füllstoff oder als Bindemittel in Cremes, Shampoos und vielen weiteren Produkten. „Daraus ergeben sich zwei Probleme: die toxische Wirkung auf den menschlichen Organismus und als zweites die Umweltbelastung“, so Haberzettl.

Da die Kläranlagen den Mini-Müll nicht herausfiltern können, gelangen die Partikel über das Abwasser in die heimischen Gewässer und ins Meer. Aber auch bei einem Waschgang wird Mikroplastik in die Gewässer gespült, wenn sich Kleidung aus synthetischen Fasern in der Waschmaschine befindet.

„Aus dieser löst sich bei jedem Waschgang eine große Zahl an Fasern, je nach Art bis zu zirka 700.000 Stück“, veranschaulicht BUND-Naturschützer Karl Haberzettl. Er rät deshalb Verbrauchern, sich zu informieren, welche Produkte Mikroplastik enthalten, und entsprechend andere Produkte zu kaufen.

Dabei hilft der „Einkaufsratgeber Mikroplastik“ des BUND. Gekaufte Kosmetika mit Mikroplastik in den Inhaltsstoffen sollte man der Umwelt zuliebe als Ganzes im Hausmüll entsorgen und beim Kauf von Kleidung sollte man am besten Material aus Naturfasern wählen. Der Verzicht auf Plastiktüten sei ein erster wichtiger Schritt im Kampf gegen Mikroplastik, animiert auch Umweltministerin Scharf.

„Letztlich liegt es an den Verbrauchern, wie es mit Plastikmüll weitergehen wird, denn wenn wir Kunststoffartikel fordern – durch Kauf solcher Produkte –, werden solche auch hergestellt werden. Und so ist es auch andersherum, kaufen wir solche Produkte nicht, wird auch weniger hergestellt werden“, so Karl Haberzettl.

Ministerin Scharf erklärt: „Jedes Plastikteilchen in der Umwelt ist eines zu viel. Wir wollen im Wege der Freiwilligkeit die Verwendung von Plastik eindämmen. Die Industrie macht in vielerlei Hinsicht schon mit. Viele Supermärkte haben keine Plastiktüten mehr, aber auch auf Mikroplastik in den Kosmetikprodukten wird zunehmend verzichtet.“

Das sieht Haberzettl etwas anders: „Viele Unternehmen kündigten, auch auf Drängen des BUND, an, dass sie die Zusammensetzung ihrer Produkte überarbeiten werden. Das Ergebnis war allerdings nicht zufriedenstellend; viele änderten nichts und andere änderten zwar die Zusammensetzung, nutzten aber ihre eigene Definition von Mikroplastik. Auch kommen plötzlich „Ersatzstoffe“ auf den Markt, die allerdings den jetzigen Stoffen in ihrer chemischen Zusammensetzung erstaunlich ähnlich sind.“

Weitere Informationen erhalten Sie im Internet, unter https://www.bund.net/meere/mikroplastik/


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