23.10.2019, 09:45 Uhr

Entbuschungsspezialisten Lass da mal die Ziege ran – Tiere werden in der Landschaftspflege eingesetzt

Ziegen im Einsatz für die Landschaftspflege auf einer verbuschten, steilen Fläche. (Foto: Hans Huss)Ziegen im Einsatz für die Landschaftspflege auf einer verbuschten, steilen Fläche. (Foto: Hans Huss)

Wenn Tiere in der Landschaftspflege eingesetzt werden, denken die meisten Menschen an große Schafherden, die mit dem Schäfer durchs Land ziehen und magere Wacholderheiden abweiden. Doch nicht nur Schafe sind ausgezeichnete Landschaftspfleger, sondern auch ihre vierbeinigen, kletterfreudigen und robusten Kollegen. Die Rede ist hier von Ziegen, die mittlerweile immer häufiger als sympathische Landschaftspfleger auf Naturschutzflächen unterwegs sind. Und dafür gibt es viele Gründe.

KELHEIM Unsere Wiesen und Weiden zählen zu den artenreichsten Lebensräumen in Mitteleuropa. So können auf einem Quadratmeter Wiese oder Weide über 60 verschiedene Pflanzenarten vorkommen. Und auch für Tiere, vom Reh bis zum kleinen Insekt, bieten Wiesen und Weiden durch die vielfältigen Strukturen und unterschiedlichen Blühaspekte Lebensraum und Nahrung. Somit trägt der Erhalt von artenreichem Grünland auch zum Erhalt unserer Tier- und Pflanzenvielfalt bei. Viele ehemals genutzte meist ertragsschwächere Wiesen und Weiden werden mittlerweile nicht mehr bewirtschaftet. Dadurch sind auf vielen dieser Flächen Gebüsche und Gehölz im Vormarsch, die die ursprünglich vorkommenden Arten verschatten und dadurch verdrängen. Um diese Flächen wieder als Wiesen und Weiden nutzen zu können und so die ursprüngliche Artenvielfalt zurückzuholen, müssen zuerst die aufgewachsenen Sträucher und Gehölze entfernt werden. Das kann mühsam und langwierig per Hand und mit der Motorsäge erfolgen oder aber man lässt Spezialisten ans Werk.

Für die Entfernung von Gebüsch und Gehölz sind Ziegen, anders als Schafe und Rinder, prädestiniert. Denn Ziegen decken bis zu 60 Prozent ihres Futterbedarfs mit Blättern, Rinden und Gehölztrieben, was bedeutet, dass Sträucher und Gehölz auf deren Speiseplan ganz oben stehen. Neben dem passenden Appetit machen Ziegen auch vor stachligen Gewächsen nicht Halt und stellen sich zur Not auch mal auf die Hinterbeine, um auch die obersten Blätter zu erhaschen. Durch das Abfressen der Sträucher drängen die Ziegen den Gehölzaufwuchs zuerst zurück und nach mehreren Beweidungsdurchgängen sterben diese dann vollständig ab. Damit schlagen Ziegen jede Art der motormanuellen Pflege aus, denn auch wenn Gebüsche mit der Motorsäge auf Stock gesetzt werden, treiben sie im nächsten Jahr wieder aus und der Vorgang müsste wiederholt werden. Noch interessanter wird der Einsatz von Ziegen auf Flächen, die steil und damit nur schwer zugänglich sind, denn Ziegen sind wahre Kletterkünstler, die auch auf kleinsten Tritten Halt finden und von Höhenangst noch nie etwas gehört haben. Mit Ziegen können also auch Flächen freigehalten werden, die mit Motorsäge und Freischneider nicht mehr erreichbar sind.

Gerade steile Flächen, die im besten Fall südexponiert sind, bieten im offenen Zustand ohne Gehölzbewuchs ein hohes naturschutzfachliches Potenzial für selten vorkommende Pflanzen und Tiere. Durch die Beweidung mit Ziegen werden wieder vielfältige neue Lebensräume geschaffen. Denn auch während der Beweidung erhöhen die Ziegen bereits automatisch die strukturelle Vielfalt auf den Flächen. Denn nach mehreren Beweidungsgängen stehen dort nicht mehr nur Gebüsch und Gehölz, sondern es entstehen Wiesen, Totholzansammlungen, offene Bodenstellen, Kotstellen und Fels- und Bodenabbrüche. Diese unterschiedlichen Strukturen bieten unter anderem für Insekten wichtige Lebensräume. Zum Beispiel Wildbienen benötigen nicht nur Blüten zur Nahrungsaufnahme, sondern auch Totholz oder offene Bodenstellen, in denen sie ihre Nisthöhlen anlegen können.

Wer sich Beweidungsprojekte im Landkreis Kelheim anschauen möchte, kann dies über den Sommer an vielen Stellen im Landkreis tun. So sind im Sommer mehrere Schäfer mit ihren Schafherden auf den Altmühlleiten unterwegs, im Forstmoos bei Aiglsbach weiden zottelige Highland-Rinder und auf der Jura-Hochebene wird die alte Hausrasse Rotes Höhenvieh neben dem Fleischerwerb zur Landschaftspflege eingesetzt. Aktuell prüft der Landschaftspflegeverband Kelheim VöF im Rahmen eines Förderprojektes des Bayerischen Naturschutzfonds in Zusammenarbeit mit den Landwirtschafts- und Naturschutzbehörden den Einsatz von Ziegen auf stark verbuschten, nicht mehr genutzten Flächen.


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